
Sëida, © Silke Müller
Sëida bedeutet auf Ladinisch kurioserweise Grenze und Borste und Seide und nimmt in Verbindung mit anderen Wörtern weitere Bedeutungen an. Rut Bernardi hat dazu ein Gedicht verfasst, Silke Müller hat ihre Worte illustriert, animiert und montiert. Der zweiminütige Lyrik-Animationsfilm blitzt verschmitzt aus dem Bolzano-Film-Festival-Bozen-Programm heraus und hatte am fünften Festivaltag auf großer Leinwand Italienpremiere.
Mit Animation arbeitet auch Adina Barth für Tuifl: ein Rabe, ein Reh, ein Wald, Schafe, eine Frau, ein Junge. Dunkel ist’s. Gefahr, die für so vieles stehen kann, droht. In sieben Minuten erzählt die Brixnerin, die am Animationsinstitut der Filmakademie Baden-Württemberg 2D Animation studiert, in Schwarz-Weiss, kompakt und eindringlich, von Schattenseiten und Abgründen in der Welt, in unseren Seelen … Beim Filmfestival zu sehen am Donnerstag.
„Lieber Himmel, beschütz Mama vor Papa.“ Blutrot sind die Sauerkirschen, unter dem die beiden Mädchen ein Amulett vergraben, beschwörerisch ihre Stimmen. In Teresas Körper verwebt Magdalena Chmielewska Gewalt und Hoffnung, Schmerz und Mut, Traum und Vergangenheit, Bruch und Ausbruch zu einem bildgewaltigen Filmkörper. Und es ist nicht nur Teresas Körper. Alles ist Körper. Menschlich, plastisch, klanglich, institutionell, schwerfällig und schwer, wenn ein Körper so große Lasten tragen muss. Im Kopf, im Herzen, am Rücken. – „Meine Wirbelsäule wird jeden Moment brechen.“ Je präsenter er auftritt, der Körper, desto mehr verschwindet er, langsam, wird zum Fremdkörper. Wie nur kann es dann möglich sein, sich wieder zu finden, Haltung anzunehmen? „Lieber Himmel, befrei Mama von ihren Rückenschmerzen.“ Beim Filmfestival am Freitag und Samstag zu sehen.
„Er sagt, dass er mich jetzt umbringen wird.“ – „Damals hab ich mich nur gefragt, warum gerade ich durch diese Scheisse muss. Heute weiss ich, es hätte jede treffen können.“ 14 Jahre nach einem Femizidversuch durch einen Mitschüler, den sie überlebt hat, konfrontiert Daniela Magnani Hüller in ihrem autobiografischen Debüt sich und uns, Schule, Justiz und Umfeld, Lehrerin, Schulfreundin, Kriminalbeamtin und Staatsanwalt mit Erinnerung, Gründen, Verantwortung und Versagen. Was an Empfindsamkeit bleibt ist poesiefern, radikal, mutig, anstrengend, ehrlich, konsequent. Er fordert ein. Hinzuschauen auf das, was falsch läuft, auf Gewalt an Frauen. Zu sehen am Mittwoch und am Donnerstag beim Festival.
Der Auslandsfokus des Festivals liegt heuer auf Katalonien und bringt sieben Filme auf die Leinwand in Bozen. Einer davon ist La estafa del amor – Liebesbetrug, zu sehen am Samstag. „2.000, 1.000, 2.000 Euro … du bist niemand, nichts …“ Im Dokumantarfilm geht’s um Gefühle und deren Missbrauch, Vertrauen, Lügen, Männlichkeit mit riesengroßem M, Begehren, Täuschung, die Liebe im Zeitalter von KI … vielleicht ist auch alles nur ein Spiel? Ein gefährliches, verletzendes? Wo endet Selbstfürsorge und beginnt Gleichgültigkeit? Mir ist das Filmprojekt der katalanischen Filmemacherin und Cutterin Virginia García del Pino ins Auge gestochen, weil sie damit aus dem klassischen Dokumentarfilmgenre ausbricht: Es ist Performance, Improvisation, Konzert, Theater, Kino, die gemeinsame Reflexion über die Liebe und das Leben einer Gruppe von Menschen, die sich ihre unterschiedlichen Erfahrungen offen und ehrlich anvertrauen.
Erstmals zieht das 39. Filmfestival über die Talfer in ein anderes Stadtviertel und zeigt im Teatro Cristallo an zwei Tagen drei Filme. Am Sonntag läuft um 16:30 Gioia mia von Margherita Spampinato – perfekt für jedes Alter. Ein bisschen erinnert mich die Geschichte an die Freundschaft von Anie Maki und Marinella und ist mir wahrscheinlich aufgrund dieser besonderen Dynamik zwischen dem lebhaften, frechen Digital-Native-Buben Nico und der betagten, tief religiösen, zurückgezogen lebenden Großtante Gela, die er einen Sommer lang in ihrem sizilianischen, technologiefernen Stadtpalais besuchen darf bzw. muss, aufgefallen. Der Debütfilm der Regisseurin steigt behutsam in die stille Welt zweier ungleicher Seelen ein – hypervernetzt und altehrwürdig –, und lässt in dreiundneunzig Minuten aus Fremdheit und Reibung langsam und unerwartet ein zartes Band entstehen.
Gespannt bin ich auch auf die Fortführung von „Lovesong – a non-existent film in progress“ von Marta Andreu. Sie hat das filmische Porträt über die Dichterin Lala Blay vor 20 Jahren begonnen und bis jetzt nicht abgeschlossen. Ich finde diesen Mut, etwas offen zu lassen und nach Jahrzehnten wieder zur Diskussion zu stellen, bewundernswert. Dinge verändern sich, Menschen verändern sich, Ansätze wachsen ... Am 12. April gab es während des Festivals dazu bei freiem Eintritt eine Performance im Club 3 im Filmclub. Ich kannte die katalanische Poetin nicht und lass ihre Gedichte gerade auf mich wirken … also etwas hat der Film trotz Inexistenz schon mal bewirkt …