Contemporary Culture in the Alps
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Slow Fashion

Was tun mit Materialien, die übrig bleiben?

Eine Studienreise nach Bologna

18.03.2026
Susanne Barta

© Aart van Bezooijen

Es war eine interessant zusammengesetzte Gruppe: Materialspezialisten- und Enthusiasten, Beamt*innen, Politiker*innen, Interessierte, Lehrer*innen. Die Tagesreise ging zu zwei Wiederverwendungs- und Materialverwertungs-Vorzeige-Projekten in den Außenbezirken von Bologna. Beide arbeiten unterschiedlich, beide jedoch vereint ein bewusster, vor allem kreativer Umgang mit Restmaterialien und Produkten, die weitergegeben wurden.

Kreislaufwirtschaft ist ja seit Jahren ein Thema, das von verschiedenen Perspektiven diskutiert und beleuchtet wird. Dass wir mehr davon brauchen ist eigentlich (fast) allen klar. Die EU hat 2020 einen „Aktionsplan für die Kreislaufwirtschaft“ entwickelt. Die Nutzung von Sekundärrohstoffen soll sich demnach bis 2030 verdoppeln.

Secondlife, © Susanne Barta
Im Lager von Secondlife stapeln sich die Sachen, © Susanne Barta
Brigitte Foppa, Heidi Brugger, Emily Guerra, Brigitte Ferdigg, Evi Keifl, Tobe Planer et moi, © Susanne Barta

Dass nach wie vor der Großteil der Produktions- und Konsumprozesse linear verläuft, ist leider eine Tatsache. Egal ob es sich um Kleidungsstücke, Haushaltsgeräte, Restmaterialien, Möbel etc. handelt. Sie länger im Kreislauf zu halten, upzucyceln oder zu recyclen ist das Gebot der Stunde. Der Abfall nimmt rasant zu, wobei zu bedenken ist: In erster Linie sollte es darum gehen, weniger Abfall zu produzieren. Dann aber braucht es Lösungen, wie umgehen mit dem, das schon da ist.

© LPA/Landesamt für Abfallwirtschaft

In Südtirol tut sich einiges zum Thema. Das Amt für Abfallwirtschaft, das die Fahrt auch organisiert hat – danke Elisa Poznanski, Georg Pircher und Team – ist nicht nur von Amts wegen mit dem Thema beschäftigt, sondern auch aktiv dran, Bewusstsein zu schaffen und die lokale Szene, wo möglich, miteinzubeziehen.

Seit 5 Jahren gibt es in Brixen das Rex – Material und Dinge, in Lana bietet Viel da Restmaterialien für Schulen und Kindergärten, in Schlanders soll schon bald in der ehemaligen Schmiede auf dem Areal der Ex-Kaserne-Druso ein Materialmarkt öffnen, an der Bozner Uni hat sie die Student*innengruppe MaMa – Material Matters formiert und in Bozen arbeitet eine Gruppe von engagierten Leuten unter dem Namen Materialinitiative Südtirol daran, Materialien von Betrieben einzusammeln und sobald ein konkreter Raum gefunden wird, Sozial-, Kreativ- und Bildungsprojekten zugänglich zu machen. Wie oft bei unkonventionellen Projekten erschweren der bürokratische Hürdenlauf und die Suche nach einem geeigneten und erschwinglichen Standort die Umsetzung. Die Politik spricht ja gerne von Innovation, die Rahmenbedingungen jedoch sind meist nicht gerade ermutigend.

Materialien bei ReMida, © Susanne Barta
 
 

Daher umso interessanter zu sehen, wie es andere machen. Gleich vorausgeschickt: beide Projekte funktionieren, weil sich die öffentliche Hand (mit-) engagiert. Vor allem in der Zurverfügungstellung von erschwinglichen Räumlichkeiten.

Secondlife wird von der Gemeinde Bologna finanziert. Interessant ist, dass Secondhand Produkte wie Möbel, Geräte, Kleidung, Bücher, Spielzeug etc. gratis weitergegeben werden. Abholen kann sie jede*r in Bologna Ansässige auf Basis eines Punkte pro Produkt-Systems (damit niemand hortet). An die 120.000 Objekte finden pro Jahr neue Besitzer*innen – dadurch werden ca. 800 t Müll vermieden. Im Vergleich dazu: REX in Brixen komme derzeit auf ca. 20.000, sagt REX-Leiterin Julia Vontavon. Secondlife versteht sich aber nicht nur als Verwertungs-, sondern auch als Vernetzungsplattform und Treffpunkt, dazu kommt der edukative Aspekt.

© Susanne Barta
Elisa Nicoli aka Econarratrice
Mit Aart van Bezooijen, Materialspezialist und Vernetzer

ReMida sammelt Produktionsabfälle von Unternehmen, bereitet sie auf und stellt sie vor allem Schulen für Bastelarbeiten zur Verfügung. Über ein Bezahl-Abo-System können Schulen die Materialen regelmäßig abholen. Darüber hinaus gibt es zahlreiche Workshops und Möglichkeiten die verschiedenen Laboratorien zu nutzen.

Isolde Veith, Emily Guerra und Julia Vontavon/Rex, © Susanne Barta
Mit Isolde Veith/Materiallager Schlanders, © Susanne Barta
Elisa Poznanski, Georg Pircher, Evi Keifl, © Susanne Barta

Ich habe auf der Rückfahrt einige Stimmen eingeholt, mich hat interessiert, was an Inspirationen, Ideen und Gedanken mitgenommen wird:

Emily Guerra, die Ideatorin der Materialinitiative Südtirol sagt: „Ich nehme neue Motivation mit und auch gesehen zu haben, dass es möglich ist, solche Projekte zu realisieren. Das gibt mir Mut daran zu glauben, dass es  auch bei uns möglich sein wird.“

Umweltkommunikatorin „divulgatrice ambientale“ Elisa Nicoli, bekannt auf Instagram als Econarratrice, führt aus: „Was mich vor allem bei ReMida sehr angesprochen hat, ist, dass es nicht unbedingt darum geht, etwas herstellen zu müssen, sondern vor allem darum, die eigene Kreativität zu entwickeln, auszuprobieren und den Umgang mit verschiedenen (Rest-)materialien kennenzulernen.“

Aart van Bezooijen, Professor and der Fakultät für Design ist gewissermaßen Südtirols Material-Vernetzer, er hat bewirkt, dass sich alle Akteur*innen nun kennen und an einem Strang ziehen: „Ich nehme mit, dass es kein einheitliches Rezept gibt. Jedes Projekt braucht ein eigenes, ortsbezogenes Konzept. Und ich nehme mit, dass viel möglich ist, wenn die richtigen Leute zusammenkommen. Ich denke, das wird uns auch hier gelingen.“

Und Grünen-Chefin Brigitte Foppa sagt: „Wir gehen meist vom ersten Leben der Dinge aus, hier haben wir gesehen, wie Dinge/Materialien ein zweites, neues Leben bekommen können und wie kreativ das umgesetzt wird. Man sieht auch, was gelingen kann, wenn Institutionen dahinterstehen. Es werden Räume für die Gemeinschaft geschaffen.“

ReMida, © Susanne Barta
 
Hier werden Pläne geschmiedet!

Wer sich für das Thema interessiert, kann sich an eine der genannten Initiativen wenden, oder sich auch beim engagierten Amt für Abfallwirtschaft zum Stand der Dinge informieren. Es gibt viel zu tun!

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Tags

Kreislaufwirtschaft, Abfall, Restmaterialien, Amt für Abfallwirtschaft, Materialinitiative, Circular Economy
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