Lisa Maria Zellner über das Zusammenspiel von Formen, Farben und Bewegung

Vases of Fortune, Lisa Maria Zellner, © Lisa Maria Zellner
Wenn man Lisa Maria Zellners „Vases of Fortune“ betrachtet, würde man wohl kaum denken, dass sie zu den Klängen von Techno- und Rapmusik entstanden sind. Vermeintliche Gegensätze sind jedoch etwas, das die Künstlerin bei ihrer Arbeit inspiriert, da aus der Spannung zwischen verschiedenen Elementen etwas Neues erwachsen kann.
Sie habe sich beim Formen der Keramiken ins „Spiel mit Material und Bewegung“ vertieft, erzählt sie. Eigentlich war das Projekt ursprünglich ganz anders geplant, doch nach und nach bildeten sich diese geschlungenen Vasen heraus. „Der Arbeitstitel Vases of Fortune entstand aus den Momenten im Studio, in denen ich ein tiefes Gefühl von Reichtum und Glück im kreativen Prozess verspürte“, erklärt sie weiter.

Lisa Maria Zellner, geboren 1991, stammt aus Bocholt (D), nahe der holländischen Grenze, und lebt derzeit zwischen Bozen und Berlin. Ihre künstlerische Tätigkeit beschränkt sich nicht nur auf Keramikarbeiten, sie experimentiert gern mit vielen verschiedenen Mitteln und Techniken. In einer interdisziplinären Recherche untersucht sie, wie Materialien und Formen mit dem Raum interagieren und welche strukturellen Möglichkeiten die Skulptur bietet. So entstehen unterschiedlichste Kunstwerke: Skulpturen aus Glas, durch die sich ein Garngeflecht schlängelt, gewebte Stoffe, Ölmalereien in Schwarzweiß, Kreidezeichnungen und Keramiken. Immer wieder arbeitet sie auch mit Anthropolog:innen zusammen und übersetzt anschließend deren Erkenntnisse sowie ihre eigenen Eindrücke in eine künstlerische Sprache.
Das Zusammenspiel zwischen Material, Formen und Bewegung ist in ihrer kreativen Arbeit eines der zentralen Themen. Lisa Zellner hat nämlich unter anderem an der Hochschule Hof Textilkunst studiert. Derzeit arbeitet sie an einem neuen Jaquardgewebe. Für dieses Projekt, das im Herbst ausgestellt wird, hat sie auch eine Förderung vom Südtiroler Künstler:innenbund erhalten. Ebenfalls im Herbst dieses Jahres wird es ein weiteres Showing im Bayerischen Wald geben, wo sie aufgewachsen ist. Dort wird sie dem Publikum die poetischen Glas-Gewebe-Skulpturen präsentieren, die sie zusammen mit Glaskünstler:innen aus der Region kreiert hat.



Wie sie so mit ihrer Kunst ungeahnte Verbindungen und Freiraum für Neues schafft, erzählt Lisa Zellner im folgenden Gespräch.
Wie würdest du deine Kunst in einem Satz beschreiben?
Ich finde, meine Arbeiten/meine Kunst lebt irgendwo im Dazwischen – dort, wo Material (Objekt), Raum und Beobachtung sich berühren und aus Brüchigkeit (einer Art Um/lenkung, oder Ent/wicklung) eine sinnlich poetische Intensität entsteht.
Welche Rolle spielt die Ethnographie für deine Arbeit?
Ethnographie ist für mich ein Instrument der Beobachtung und des Forschens, eine Brücke zwischen Erfahrung und Wissen, zwischen Material und Geschehnissen. Da ich aber keine ausgebildete Anthropologin/Ethnologin bin, sondern Künstlerin, würde ich es für mich eher als teilnehmende Beobachtung beschreiben.
Ich arbeite immer wieder in enger Zusammenarbeit mit Anthropolog:innen und war viel gemeinsam mit ihnen im Feld, wie zum Beispiel für das aktuelle Projekt Dialoguing Species. Diese Erfahrungen haben meine Arbeitsweise stark geprägt, insbesondere in Bezug auf Fragen zu Beobachtung, Verantwortung, Kontext und Beziehung. Gleichzeitig bleibt meine Position klar die einer Künstlerin: Ich übersetze diese Erfahrungen nicht in wissenschaftliche Erkenntnisse, sondern in künstlerische Formen, Bilder und Prozesse. Die Kombination von Kunst und Anthropologie macht für mich total Sinn, wie zum Beispiel, dieses tiefe Verstehen und dann das visuelle Übersetzen.


Du hast Textilkunst und -design an der Hochschule Hof in Deutschland und Eco-Social Design an der Freien Universität Bozen studiert. Wo liegt für dich die Grenze zwischen Design und Kunst?
Die Grenze liegt für mich irgendwie auch hier im Dazwischen, inmitten von Absicht und einer Öffnung. Design sucht Lösung, Orientierung, Regel und hat eine meist ganz funktionale Zielsetzung; die Kunst ist flexibel und offen für Mehrdeutigkeit, für Unbestimmtheit, für das, was sich nicht zu-ordnen lässt.
Mich interessiert hier eine Art Loslassen … Ich liebe die Momente, in denen sich Entscheidungen verschieben und der nächste Schritt noch nicht vorhersehbar ist und in denen das Material selbst mitbestimmt, wohin Form und Bewegung führen. Dies dann gekoppelt mit Mustern, Rastern oder wiederkehrenden Elementen. Mich begeistern Dinge, die sich gegensätzlich zeigen: stabil und zerbrechlich zugleich, streng und fließend, sichtbar und fast unsichtbar. In dieser Zone entsteht eine unfassbare Lebendigkeit. Vielleicht ist in dieser Zone die Grenze oder der Berührungspunkt zwischen Design und Kunst?
Vor zwei Jahren warst du bei BAU, einem Institut für zeitgenössische Kunst und Ökologie mit Sitz in Bozen tätig. Für welche Projekte warst du dort zuständig?
Bei BAU war ich als kuratorische Assistenz für das Projekt Bewegungsmuster von der inspirierenden Künstlerin Ingrid Hora tätig. In dieser Rolle habe ich die Kommunikation und Produktion mitverantwortet. Besonders spannend war für mich die bewusste Verschiebung meiner eigenen Position: Sozusagen von der Rolle der Künstlerin hin zur kuratorischen Assistenz und weiter in die konkrete Produktionspraxis. Diese Arbeit ermöglichte mir, Prozesse aus einer anderen Perspektive zu durchdringen – vermittelnd, strukturierend und unterstützend – und zugleich meine künstlerische Sensibilität einzubringen. BAU verstehe ich als einen Ort, an dem Denken, Machen und Diskurs auf außergewöhnlich präzise Weise zusammenkommen. Die Zusammenarbeit war für mich nicht nur professionell bereichernd, sondern auch persönlich inspirierend; ich schätze BAU sehr, als Plattform für experimentelle, prozessuale und interdisziplinäre Praxis.


