Ein Gespräch mit Regisseurin Anna Stiepani über die Premiere des Theaterstücks „Blutbuch“ bei den Vereinigten Bühnen Bozen

„Blutbuch", v. l. Doris Pigneter, Patrice Grießmeier, © Theo Kortschak/Vereinigte Bühnen Bozen
„Blutbuch", v. l. Doris Pigneter, Patrice Grießmeier, © Theo Kortschak/Vereinigte Bühnen Bozen
In der Sprache, die ich von dir geerbt habe, in meiner Muttersprache also, heißt Mutter MEER. Mensch sagt DIE MEER oder MEINE MEER, aus dem französischen abgeschielt. Für Vater PEER. Für Großmutter GROSSMEER. Die Frauen meiner Kindheit sind ein Element, ein Ozean. [...] In der Sprache, die ich von dir geerbt habe, in meiner Meersprache also, gibt es nur zwei Möglichkeiten, ein Körper zu sein. Das Aufwachsen im Gaumen der deutschen Sprache zwang mich stets in diese Kindergartenzweierreihe hinein.
Kim de l’Horizon, nicht-binäre Autor:in aus der Schweiz, gelang 2022 mit dem queeren Debütroman Blutbuch ein literarischer Durchbruch. Die non-binäre Erzählperson Kim schreibt darin Briefe an die an Demenz erkrankte Großmutter. Dabei erzählt Kim von der eigenen Kindheit mit der dominanten Großmutter, begibt sich auf die Suche nach familiären Wurzeln und erforscht die nicht-tradierten weiblichen Linien der Familie. Fast zwölf Jahre arbeitete Kim de l’Horizon an diesem autofiktionalen Text. Gelungen ist Kim kein leichtes Buch, sondern ein vielschichtiges, anspruchsvolles Werk in fünf Teilen, geprägt von multiplen Perspektiven, schonungslosen Schilderungen von Übergriffen und formal-experimentellen Einschüben wie Fußnoten, Tagebuchlisten oder biografischen Skizzen.
Trotz oder vielleicht auch gerade wegen dieser erzählerischen Komplexität wurde Blutbuch im deutschsprachigen Raum bereits mehrfach am Theater aufgeführt. Nun bringt die deutsche Regisseurin Anna Stiepani die Generationenerzählung in einer eigenen – überaus mythischen und poetischen Fassung – ins Studio der Vereinigten Bühnen Bozen. Mit ihrem Ensemble lotet sie dabei die Grenzen zwischen Text, Körper und unterschiedlichen Erzählformen aus. Bevor das Stück am Samstag, 17. Januar 2026 um 19:30 Uhr seine Premiere feiert, haben wir uns mit Anna Stiepani über ihre erste Produktion an den Vereinigten Bühnen Bozen unterhalten.

Liebe Anna, für die Vereinigten Bühnen Bozen hast du gemeinsam mit Dramaturgin Elisabeth Thaler eine Bühnenfassung des autofiktionalen Romans „Blutbuch“ von Kim de l’Horizon verfasst. Wie kam es dazu?
Die Idee, den Roman Blutbuch auf die Bühne zu bringen, ging von den Vereinigten Bühnen Bozen selbst aus. Sie sind an mich herangetreten, weil sie wussten, dass ich eine besondere Vorliebe für poetische und sprachlich kraftvolle Texte habe, die sich mit gesellschaftlich relevanten Themen auseinandersetzen. Durch die Übersetzung in poetische oder andere theatrale Mittel können solche Texte eine enorme Wirkung entfalten, viele Menschen berühren und zusammenbringen.
Worin lag die Herausforderung beim Adaptieren des Textes für die Bühne?
Eine der größten Herausforderungen war sicherlich, dass es sich bei Blutbuch um keinen dramatischen Text im eigentlichen Sinn handelt. Es sind Erzählpassagen, für die wir erst eine theatrale Übersetzung finden mussten. Gerade in den Teilen, die sich mit Kindheitserinnerungen befassen, bedeutete das viel Ausprobieren und Suchen nach passenden Formen für die Bühne.

Im Roman finden sich explizite Beschreibungen sexueller Handlungen. Wie seid ihr damit umgegangen?
Natürlich mussten auch die Passagen, in denen sexuelle Handlungen beschrieben werden, übersetzt und kontextualisiert werden. Wir setzen sie auf der Bühne in einen klar definierten Raum, in Bilder und theatrale Situationen, um dem Publikum Referenzen und Orientierung zu geben. Das ist uns besonders wichtig, damit sexualisierte Gewalt nicht reproduziert wird. Vielmehr sollen diese Szenen zum Nachdenken anregen und eine reflektierte Auseinandersetzung ermöglichen.
Du bringst das Stück auch als Regisseurin auf die Bühne: Wie komplex ist es eine Erzählfigur darzustellen, die sich einer eindeutigen Geschlechtszuordnung entzieht?
In unserem Stück verkörpern 5 Interpret:innen die Kim-Figur, die sehr komplex und vielschichtig ist und viele Sprachen hat. Dadurch verliert die Figur eindeutige Grenzen. Dabei wird auch klar, dass es im Roman um mehr geht, als nur das Auflösen der Geschlechterzuordnungen. Es sind so viele Stimmen, Gefühle, Erinnerungen, Vererbtes und sogar Nichtausgesprochenes. Alle diese Elemente fügen sich auf der Bühne zu einer Art Kim-Molekül-Körper zusammen. Das ist eine große Herausforderung, kommt dem Erzählenden Ich aus dem Buch jedoch meiner Meinung nach am nächsten.


Kim de l’Horizon arbeitet in „Blutbuch“ mit einer vielfältigen literarischen Stilistik. Mit welchen Mitteln bringst du und dein Team diese Vielfalt auf die Bühne?
Wir erzählen die fünf Teile des Romans in fünf Genres oder, wenn man so will, in fünf unterschiedlichen Spielweisen. Das Theater als Ort bietet uns die Möglichkeit, Träume auf Realität oder Märchen auf Naturalismus treffen zu lassen. Auch hier lösen wir bewusst Grenzen auf. Das bedeutet, dass wir in einem Moment tief in die theatrale Trickkiste greifen – mit Nebel, Licht und atmosphärischen Bildern – und im nächsten einen harten Bruch vollziehen: Plötzlich befinden wir uns im Wohnzimmer oder vor einem Pflegeheim für Menschen mit Demenz.
Inwieweit hat die Arbeit an „Blutbuch“ deine eigene Wahrnehmung von Körper, Identität oder Herkunft verändert?
Gegen Ende der Probenzeit wird mir immer deutlicher, dass es vor allem darum geht, nichts zu verurteilen – auf keiner Ebene. Es geht um Auseinandersetzung, um den Versuch, eine Sprache für schwierige Themen und Gefühle zu finden, für die viele Generationen noch keine Worte hatten oder vielleicht auch nicht haben wollten. Wir begegnen diesen Themen und ihren Herausforderungen mit viel Liebe, Empathie und großer Offenheit. Denn bei allen Kämpfen, die das erzählende Ich im Roman führt – bei aller Wut und allem Schmerz – ist es von einer überbordenden, beinahe utopischen Liebe begleitet. Diese Liebe macht es möglich, Traumata zu benennen und sie vielleicht eines Tages sogar aufzulösen.

Anna Stiepani, geboren 1989 in Passau, studierte Theater-, Film- und Medienwissenschaft an der Universität Wien und arbeitete anschließend als Regieassistentin unter anderem am Wiener Burgtheater und bei den Salzburger Festspielen. Seit 2013 realisiert sie eigene Regiearbeiten an verschiedenen deutschsprachigen Bühnen. Zu ihren Inszenierungen zählen Arbeiten am Schauspielhaus Bochum, am Staatstheater Nürnberg, am Landestheater Linz und am Staatstheater Meiningen. Für ihre Uraufführungsinszenierung von „Staubfrau“ von Maria Milisavljević am Schauspielhaus Zürich wurde sie von der Theaterzeitschrift Theater heute zur Nachwuchsregisseurin des Jahres 2024/25 gewählt. „Blutbuch“ ist ihre erste Arbeit an den Vereinigten Bühnen Bozen.

Kim de l’Horizon (ohne Pronomen oder they/them), geboren 1992 in Ostermundigen, ist Autor:in und Performer:in aus der Schweiz. Kim studierte Germanistik sowie literarische und performative Praktiken in Biel. Mit dem Debütroman „Blutbuch“, der in zahlreiche Sprachen übersetzt wurde, gewann Kim 2022 den Deutschen und den Schweizer Buchpreis sowie den Literaturpreis der Jürgen-Ponto-Stiftung. Kims Theatertexte wurden unter anderem zum Heidelberger Stückemarkt eingeladen und mit Preisen ausgezeichnet. Neben dem Schreiben arbeitet Kim performativ und rituell. Für die Performance „Blutbuch“ am Schauspielhaus Zürich wurde Kim für den Nestroy ORF Publikumspreis 2024 nominiert. Kims Arbeiten hinterfragen Vorstellungen von Körpern, Identität, Natürlichkeit und Gemeinschaft.