Contemporary Culture in the Alps
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„freundliche liebe Hausfrau“

Schriftstellerin Maria C. Hilber über „Magdalena, ma dai“ anlässlich der Premiere bei den Vereinigten Bühnen Bozen

12.12.2025
Verena Spechtenhauser
„freundliche liebe Hausfrau“

Katrin Rabensteiner und Margot Mayrhofer in „Magdalena, ma dai“, © Vereinigte Bühnen Bozen/Anna Cerrato

Katrin Rabensteiner und Margot Mayrhofer in „Magdalena, ma dai“, © Vereinigte Bühnen Bozen/Anna Cerrato

„Magdalena Gaismair is pissed!“ – Während die Revolution ihres Mannes Michael niedergeschrieben wird, brodelt jene in Daheimistan in der „richtig guaten Fleischsuppe“ 500 Jahre lang vor sich hin. Die Wut ist im Schrank verstaut unter der dicken Staubschicht, die sich auch über seine unsichtbaren Bewohner:innen gelegt hat – die Mütter, die Fürsorgenden, die Möglichmacherinnen. 
Emma Mulser, Dramaturgische Beraterin der Produktion

Diese von Vereinigte-Bühnen-Bozen-Dramaturgieassistentin Emma Mulser so treffend beschriebene dicke Staubschicht wird in der Stückentwicklung Magdalena, ma dai unter der Regie von Michaela Senn ordentlich aufgewirbelt. Und wie das so ist mit aufgewirbeltem Dreck, bohrt sich dieser zuallererst und auf die unangenehmste Weise in Augen und Bronchien, beißt und stört und stößt auf, bevor er sich lichtet und entfernt und einen klaren Blick auf das Tatsächliche, oft im Verborgen Liegende, freigibt. Immer vorausgesetzt, wir sind bereit, dem auch unsere Aufmerksamkeit zu schenken. Ebendiese Aufmerksamkeit bringt Regisseurin Michaela Senn und ihr Team den blinden Flecken der Geschichtsschreibung und dem täglichen Ringen um Gleichberechtigung, damals wie heute, entgegen. Ganz ohne moralischen Zeigefinger, aber poetisch und humorvoll, unverblümt und ehrlich. 

Nach Stationen in Sterzing ist Magdalena, ma dai ab Samstag, 13. Dezember und bis zum 20. Dezember 2025 im Studio der Vereinigten Bühnen Bozen zu sehen. Die Inszenierung ist eine Koproduktion mit dem Stadt- und Multschermuseum Sterzing und dem Vigil Raber Kuratorium und entstand im Rahmen des Projektes Mitmischen! Ma come? der Gemeinde Sterzing, als Teil des Euregio-Museumsjahres 2025.

Vor der Bozen-Premiere haben wir uns mit Schriftstellerin, Künstlerin und Kulturvermittlerin Maria Christina Hilber unterhalten, die Teil des Entwicklungsteams von Magdalena, ma dai ist.

Liebe Maria, über die Protagonistin Magdalena Gaismair finden sich nur sehr wenige Informationen in den historischen Quellen. Kannst du uns trotzdem kurz erzählen, wer sie war?
Magdalena Gaismair, geborene Ganner, war die Ehefrau des Sterzinger Bauernführers Michael Gaismair. Sie war keine typische Frau ihrer Zeit – wobei grundsätzlich gilt: Je mehr wir über eine Person wissen, desto individueller und weniger typisch erscheint sie. Sie hat eine Schulbildung genossen und tritt in mehreren historischen Dokumenten im Zusammenhang mit Michael Gaismair in Erscheinung.

Margot Mayrhofer und Katrin Rabensteiner in „Magdalena, ma dai“, © Vereinigte Bühnen Bozen/Anna Cerrato

Das Stück entstand in einem kollektiven Schreiben. Wie geht das von statten?
Die Regisseurin Michaela Senn und die Dramaturgin Michaela Stolte luden mich ein, an der Stückentwicklung mitzuwirken, d. h. das Konzept des Stücks zu Magdalena Gaismair mitzudenken und Texte mitzuverfassen. So entstand das Stück im Probenprozess und eben in einem gemeinsamen Schreiben. Wir haben uns zudem von vielen Stimmen, Lektüren und Podcasts inspirieren lassen. Das ist uns wichtig zu erwähnen, weil wir eine Vielstimmigkeit einfangen wollten, die einerseits dem Thema angemessen ist und andererseits dem Prozess einer kollektiven Stückentwicklung entspricht.

Die Tiroler Bauernaufstände mit Michael Gaismair als zentralem Helden jähren sich 2025 zum 500. Mal. Woher kam der Entschluss, ein Stück über die Frau von Michael Gaismair zu schreiben und nicht über ihn selbst?
Nach dem Jubiläumsjahr mit zahlreichen Veranstaltungen rund um die Figur Michael Gaismair wollten wir den Blick ganz bewusst auf die weibliche Perspektive lenken, weg von den großen politischen Schauplätzen zu den weniger sichtbaren Räumen und Akteur:innen der Bauernaufstände. Michael Gaismair spricht seine Frau in einem Brief mit den Worten „freundliche liebe Hausfrau“ an – Worte, welche die Regisseurin Michaela Stolte dazu inspirierten, sich intensiv mit den Themen Fürsorge und Hausarbeit zu beschäftigen. Das Verständnis davon, was ein Haushalt und was eine Hausfrau ist, hat sich in den vergangenen 500 Jahren natürlich drastisch verändert. Damals wie heute verbinden sich mit ihnen aber vielfältige und komplexe Aufgaben, die in der Geschichte aber kaum sichtbar sind.

Margot Mayrhofer und Katrin Rabensteiner in „Magdalena, ma dai“, © Vereinigte Bühnen Bozen/Anna Cerrato

Welche erzählerischen Möglichkeiten eröffnete euch die Figur Magdalenas im Vergleich zu jener von Michael Gaismair?
Am Beginn der Arbeit standen eigene Erfahrungen, immer auch in Betrachtung der Generation unserer Mütter und Großmütter – stark inspiriert von Lektüren wie „Die Erschöpfung der Frauen“ von Franziska Schutzbach oder „Alle Zeit“ von Teresa Bücker, die beide sehr gegenwärtige Analysen, aber auch konkrete Vorschläge formulieren. Die Figur Magdalena Gaismair eröffnet die Möglichkeit, Themen rund um Fürsorgearbeit anzusprechen, die oft abgetan werden, bagatellisiert und individualisiert. Erschöpfung, Bewältigungsstrategien, Abwehrmechanismen und vieles mehr. Daher auch das „ma dai“ im Titel. Mit „ma dai!“ werden Analysen und angesprochene Themen oft im rhetorischen Handumdrehen herabgewürdigt. Sie war keine Hausfrau im heutigen Sinn, sondern eben in vielerlei Hinsicht aktiv – so wie es ja auch die Hausfrauen heute sind.

About the authorVerena SpechtenhauserWer bin ich und wenn ja, wie viele? Auf jeden Fall endlich Historikerin und immer noch wahnsinnige Bücherliebhaberin. [...] More
Wie habt ihr euch der Figur Magdalena Gaismair angenähert? Und inwiefern stellt die geringe Quellenlage eine kreative Herausforderung für die Stückentwicklung  dar?
Wir haben uns auch hier in einem Gruppenprozess angenähert: Anfangs sehr vorsichtig, dann zunehmend spekulativ und frei fabulierend. Wir haben ihr mögliche Biografien angeboten, uns gefragt, wie sie wohl gehandelt hätte, wie sie sich aus ihrer Zeit heraus gefühlt haben mag, wer sie heute wäre – oder auch nicht –, was sie heute getan oder gewollt hätte. Dabei haben wir verschiedene Leben auf sie und in sie hineinprojiziert. Einige Texte basieren auf Erfahrungen und Gedanken aus unserem Umfeld, andere nähren sich aus unserem eigenen Erleben als arbeitende und aktiv fürsorgende Frauen. Nach und nach kamen immer mehr Erkenntnisse zur Biografie von Magdalena Gaismair hinzu, die das Stück in seine aktuelle Richtung gelenkt und den Diskurs, den wir darin führen, stark bereichert haben. Wir haben Gegenwart und Vergangenheit an verschiedenen Stellen miteinander verknüpft, um die Paradoxien neoliberaler Bewältigungsstrategien sichtbar zu machen. All das trifft im Stück dann auf das, was wir tatsächlich über Magdalena Gaismair wissen. Hier haben wir den Fokus auf die Informationen gelegt, die aus heutiger Perspektive durchaus überraschen mögen. Historische Fakten und fabulierendes Spiel stehen nebeneinander … Etwa die Hälfte der entstandenen Texte ist übrigens nicht auf der Bühne zu sehen – es gibt also viele weitere mögliche Magdalena-ma dai-Versionen, die andere Schwerpunkte gesetzt hätten. 
Katrin Rabensteiner und Margot Mayrhofer in „Magdalena, ma dai“, © Vereinigte Bühnen Bozen/Anna Cerrato

Das Stück verbindet die sozialen Kämpfe des 16. Jahrhunderts mit der heutigen Debatte um Care-Arbeit. Was hat euch daran gereizt diese beiden Themen zusammenzuführen? Und welche revolutionäre Kraft kann Fürsorge – damals wie heute – deiner Meinung nach entfalten?
Michael Gaismair und die Aufständischen des 16. Jahrhunderts kämpften für soziale Gerechtigkeit. Geschlechtergerechtigkeit im heutigen Sinn war kein Thema. Doch seit Beginn der feministischen Bewegungen ist klar, dass soziale Gerechtigkeit ohne Geschlechtergerechtigkeit nicht möglich ist – und umgekehrt. Daraus ergeben sich unendlich viele Themenfelder. Wir haben uns jedoch entschieden, ganz nah bei uns – und der Realität vieler Menschen – anzufangen und die alltägliche Care-Arbeit innerhalb von Familien sowie die Hausarbeit in den Mittelpunkt zu rücken. Und wir haben uns gefragt, was wäre, wenn große politische und wirtschaftliche Entscheidungen die Fürsorge ins Zentrum aller Überlegungen gestellt hätten – und das bereits seit 500 Jahren? Wie würde unsere Gesellschaft heute aussehen? Wie würde es Müttern, Vätern, Kindern und allen Menschen in den verschiedenen Phasen ihres Lebens gehen? Welche Werte würden wir hochhalten? Und welchen Phantasmen würden wir wohl weniger hinterherlaufen? Ich glaube, diese Umbewertung, um die sich ja sehr viele Menschen täglich bemühen, gegen die Räder der Wirtschaft, hätte eine enorme aber gleichzeitig sanfte revolutionäre Kraft. 

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Michaela Stolte, Stadt- und Multschermuseum, Michaela Senn, Maria C. Hilber, Michael Gaismair, Magdalena Gaismair, Vigil Raber Kuratorium, vereinigte bühnen bozen
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