Kein Schutz-Umschlag

Reden wir über Jörg Zemmlers Gedichteband „Wir wussten nicht warum Nur Zweifel gab es keine“

Kein Schutz-Umschlag

© Kunigunde Weissenegger

Es gibt Good News: Leihworte ist wieder erhältlich, sein „Frühwerk“, wie er auf Instagram schreibt. Elf Jahre danach. Doch darum soll’s hier nun nicht gehen. Vielmehr möcht ich mich heut einem seiner späteren Werke, erschienen 2022 im Limbus Verlag, widmen. Höchste Zeit, aber Worte sollen wirken können, das verlangt schon allein der Titel der Publikation: Wir wussten nicht warum Nur Zweifel gab es keine. Deshalb sieht mein Exemplar (nicht das auf dem Foto) auch ziemlich mitgenommen aus, im oberen, linken Buchdeckeleck, also da, wo Cover in Buchrücken übergeht, breitet sich nonchalant ein Kaffeefleck aus ... – oder ist es Blut oder Tee oder ...? Über den Buchrücken ziehen sich auch schwarze, rote Strichlein, aber sein Rosa ist unverkennbar. Rosa gehalten auch das Lesebändchen, und wirklich praktisch, und grazil wie der Buchblock insgesamt.

Bei mir hat das Einmerkband zwischen Seite 62 und 63 Halt gemacht, schmiegt sich glatt zwischen „Von Zeiten zu Zeiten“ und „Zwei Festtage begingen wir“. Wahrscheinlich hat mich die hingekritzelte Sonnenwendsonne stoppen lassen, auf der nächsten Seite geht’s um „Weltspartag“. Der Gedichteband enthält nämlich nicht nur Lyrisches, sondern auch Zeichnungen, meinerseits markant auf dem Schmutztitel bleistiftumkreist. Ich glaub mich zu erinnern, das Buch nach dem Kauf Anfang März 23, so steht’s in der Widmung, verschlungen (siehe erster Absatz?!) zu haben ... Später, jetzt, ist es kurios, über die Notizen von damals zu stolpern ... Ein leeres, gefaltetes Karteikärtchen liegt als Lesezeichen zwischen Seite 78 und Seite 79 ... ein Ticket für ein Eishockey-Spiel inmitten „Machten sie an und huschten hinaus“ und „Annähernd danach aus“. Alles werd ich aus Wir wussten nicht warum Nur Zweifel gab es keine gewiss nicht zitieren, aber eventuell verleihen tu ich das Buch gern, und der Kreis zum ersten Satz würd sich schließen ... 

© Kunigunde Weissenegger

Jörg Zemmler ist tief in vergangene (?) Tage getaucht, manchmal glaubt mensch, er würde nicht wieder hochkommen können, aber dann ist da ein Strich, ein Punkt wie ein Anker im Wellenschlag der Welt. Und wir tauchen zusammen auf.
Dinge direkt ansprechen und doch vage bleiben im beredten Schweigen. Das Faszinierende ist das Unausgeschriebene, das Mysteriösbleibende. In welchem Jahrzehnt, Jahrhundert befinden wir uns? Ist es eine Vergangenheit, ist es die Zukunft? Wo sind wir geografisch? Ist es gefährlich – dort? Wer sind „sie“, die „uns holten“, „sich kümmerten“, „uns beschimpften“ ...? Und wer sind „wir“, „Wenn wir uns stritten“, „Wenn wir nicht mehr konnten“, „Bis Mittag frühstückten“ ...? Sind es nur Gedichte zur Liebe? Wo ist sie?

Die Seiten lassen Luft zum Atmen (auch darum geht’s), Zentimeter zum Nachdenken, negative space. Tatsächlich ertappe ich mich dabei, wie ich zurückfrage, „Wer bist du“. Immersiv wär so eine alltagspraktische Adjektivbschreibung ... Also sind es Gedichte? Liebesgedichte? Wortwürmer fressen sich durch Zemmlers Zeilen und füllen die Bögen, es hätt ein Roman werden können, aber nicht sollen, alles dazwischen ist Raunen und Traum oder Wahn und vielleicht nie passiert oder vielleicht auch doch ... es ist alles geschrieben, nun kann ich es zurücklegen, zurückgeben, endlich Geschichte sein lassen. 

So fällt Abschiednehmen leicht.

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