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July 20, 2022

Vyshyvanka – eine Bluse macht Politik

Susanne Barta

Sie ist derzeit überall zu sehen. Egal ob auf Instagram oder auf Twitter oder in den klassischen Medien. Die traditionelle, bestickte, ukrainische Bluse Vyshyvanka – ursprünglich Wyshyvanka geschrieben – macht Furore. Das verwundert nicht. Für die Ukrainerinnen und Ukrainer ist sie Zeichen der Zugehörigkeit und des Widerstands gegen den brutalen russischen Angriffskrieg. Für Europäerinnen und Europäer ein Zeichen der Solidarität. Dass Mode (auch) politisch ist, ist nicht neu. Aber gerade am Beispiel der Vyshyvanka lässt sich sehr anschaulich mitverfolgen, welche Bedeutung Kleidungsstücke innerhalb weniger Wochen bekommen können. Genau genommen sind es ja die Stickereien, die als Vyshyvanka bezeichnet werden und auf Blusen und Kleider appliziert werden.vyshyvanka_2 public_domainErinnert ihr euch an die Volkskundlerin Elsbeth Wallnöfer? Sie beschäftigt sich seit langem mit den identitätspolitischen Aspekten von Mode. Solltet ihr den Blog-Post über sie und ihre Auseinandersetzung mit der Tracht noch nicht gelesen haben, hier unbedingt nachholen. Elsbeth unterrichtet Kulturpolitik am Lehrgang für Dramaturgie der Hochschule für Musik und darstellende Kunst in Wien. Sie ist also genau die Richtige, die ich zur Geschichte und Bedeutung der Vyshyvanka-Stickereien befragen kann. 

Elsbeth, wie politisch ist Mode?

Mode ist zunächst mal ein Begehren des Menschen, etwas zum Ausdruck zu bringen – sich schön zu machen, abzugrenzen, den eigenen Status mitzuteilen oder zu zeigen, wie kreativ man ist. Erst im nächsten Schritt wird sie politisch. Insofern, als man mit dem, was nach der Befriedigung der Eitelkeiten geschieht, Politik macht. Volkstumspolitik zum Beispiel oder Gesellschaftspolitik oder Wirtschaftspolitik.vyshyvanka_3 (c) Vyshyvanka Day_channel_24Werte, Haltungen, politische Aussagen werden heute auch gerne auf T-Shirts getragen …  

Man bemängelt ja immer, dass die heutigen Jugendlichen und Mode-Menschen so unpolitisch sind. Genau das Gegenteil ist der Fall. Sie führen vielleicht keine politischen Debatten mehr wie in den 1970er und 80er Jahren, wo Intellektuelle Diskurse anstießen und Bücher schrieben. Sondern reduzieren sich auf das, was man am eigenen Leib trägt, was man mit einfachsten Mitteln, ohne groß reden und intellektuell abstrahieren zu müssen, sagen kann. Auf einem T-Shirt zum Beispiel, das bedruckt ist mit etwas, das eine Haltung widerspiegelt. Damit hat man zwar kein Buch geschrieben, aber gezeigt, wofür man steht. Das lässt sich mit Mode gut machen und kann durchaus viel bewirken. Wer erinnert sich noch an Melania Trump und ihre Jacke?

Trägst auch du deine Haltung(en) auf T-Shirts?

Nein. Ich schreibe ja Bücher und halte Vorträge. Ein T-Shirt allerdings habe ich mir mit dem Kunstwerk eines Künstler-Freundes bedrucken lassen.vyshyvanka_4+5 (c) elsbeth_wallnöferDie traditionelle ukrainische Vyshyvanka-Bluse ist aus gegebenem Anlass zu einem kulturpolitischen Symbol geworden. Was sagt die Volkskundlerin dazu?

Die Vyshyvanka ist eigentlich ein modisches Kleidungsstück, das gerade große Popularität erfährt in einer friktionsgeladenen Welt. Obwohl sie sich territorial nicht nur auf die Ukraine beschränkt – wie das mit modischen Teilen immer passiert, die Nachbarn ahmen nach, was sie schick und schön finden. Die Vyshyvanka macht zurzeit hauptsächlich Politik. Die Verbindung zwischen Politik und Mode wird hier ganz deutlich. Die Vyshyvanka ist eine bestickte Bluse aus einer Region, es gibt sie sowohl in der Ukraine, vor allem im Westen, im Norden Rumäniens, in Polen und auch in Weißrussland. Ein historisch altes Gebiet, das Teil war der der österreichisch-ungarischen Monarchie. Einer der berühmtesten Träger war der Habsburger Erzherzog Wilhelm, Prinz der Ukraine. Er wurde schon als Kind in die Ukraine geschickt, um nationalistischen Abspaltungsbewegungen entgegen zu wirken. Später hat er die lokale Volkskultur für sich entdeckt und da gehörte die Vyshyvanka natürlich dazu. Die geometrischen Muster der Bluse, sagte man damals, seien Unheil abwehrend.vyshyvanka_6+7 public_domainEs steckt ja viel Kraft in solch nationalen Erzählungen und ihren entsprechenden Symbolen …

Der Aufschwung der Vyshyvanka in diesem Jahrhundert resultiert aus den Autonomiebestrebungen der Ukraine. Im Zuge der Renationalisierung hat eine junge Studentin Mitte der 2000er Jahren diese Bluse als Nationalsymbol für sich entdeckt und begonnen sie zu lancieren und als patriotisches Design unter die Leute zu bringen. Das hat auch funktioniert, allerdings nur regional. Aber mit dem Überfall Russlands auf die Ukraine ist diese Bluse zu einer Waffe geworden, die das Land nach innen stärken soll, den nationalen Geist, die Kriegs- und Kampfmoral, die man braucht, um Widerstand leisten zu können. Das ist die Bedeutung auf nationaler Ebene. Die Solidarisierung europäischer Demokratien mit der Ukraine hat dazu geführt, dass die Vyshyvanka von einigen Teilen der politischen Elite am Vyshyvanka-Tag – am 3. Donnerstag des Monats – getragen wird. Vorher war dieser Tag außerhalb der Ukraine völlig unsichtbar. Solche Stickblusen wurden zum Beispiel von der spanischen Königin bei einer Solidaritätskundgebung getragen oder von Ursula von der Leyen. Aber nicht alle politischen Kräfte solidarisieren sich auf dieser symbolischen Ebene. Es sind vor allem Politiker aus dem rechts-konservativen Lager.vyshyvanka_8 (c) Ursula von der Leyen auf TwitterIst die Renationalisierung von modischen Accessoires problematisch?

In diesem Fall kann ich verstehen, dass dieses Stärken nach Innen sehr wichtig ist. Mode als Geste der Verbindung ist gut, finde ich. Wenn die Politisierung von Mode aber so weit geht, dass sie mehr wird als nur Mittel eines gemeinschaftlichen Ausdrucks von Zuversicht und Kraft, also als Waffe eingesetzt wird, dann muss man genau hinschauen. Ich finde es überflüssig, dass Politiker bei uns auf dieser symbolischen Ebene Außenpolitik machen. Nicht alle volkstumspolitischen Bemühungen sind auch immer demokratiepolitische Bemühungen. Wenn wir ein modisches Stück als politische Waffe einsetzen, kann man nicht so tun, als wäre das nur eine harmlose Geste. Volkskultur verfügt sehr oft über ein völkisches, volkstumspolitisches, ein ethnisches Narrativ. Wenn man mit Mode Politik macht, muss man aufpassen, woher sie kommt, wohin sie geht und was sie damit beabsichtigt. vyshyvanka_9 (c) Vladimir Yaitskiy_FlickrSollte man solch modische Accessoires also nicht einfach so tragen?

Wenn man damit keine Politik macht, kann man das ganz unbeschwert tragen. Ich erinnere an den Streit Dior versus Bihor. Wo Dior volkskulturelle Zitate und Anleihen nahm und ein rumänisches Dorf Plagiatsvorwürfe erhob. Kreative können, finde ich, ohne weiteres zitieren aus den vielen Moden. Alle Volkskulturen sind ja auch Moden. Wir wissen aber aus den Diskussionen über cultural appropriation, also kulturelle Aneignung, dass viele Designer innehielten, weil es Vorwürfe gab, man würde einer anderen Gruppe etwas wegnehmen. Einem möglichen Shitstorm ausgesetzt zu sein, hemmt Designer. Das finde ich ungut. Denn es gibt keinen Erfinder auf dieses eine Stück. Die Moralpolizei lauert leider überall und schiebt der Kreativität einen Riegel vor. Zu definieren, wer wann was getragen hat und wer es heute tragen darf, ist unsinnig. Wen sollte man denn da fragen? Wer ist dazu berechtigt, ja oder nein zu sagen? Erst wenn man mit Mode Politik macht, dann gehen Leute wie ich her und fragen nach.vyshyvanka_10+11_public_domain+tvoya.vyshyvanka.uaNochmals zurück zur Vyshyvanka. Wird sie ein Symbol bleiben?

Ich denke, sie wird noch eine Zeit lang dieses Symbol bleiben, sicher in der Ukraine. Ob sie auch für uns wichtig bleibt, wird sich zeigen. Das wird auch davon abhängen, wer bei uns mit diesem Zitat spielt. Wenn die Bluse mehr wird als eine Geste oder modisches Zitat für einen Augenblick, dann muss man sich das genau anschauen und historisch formulieren. Wenn es bei einem binnenexotischen Charme bleibt, dann ist das nur gut und recht. Auch um ein bisschen Freude in den schwierigen Alltag zu bringen, in die Dramatik, der diese Menschen ausgesetzt sind. Mode ist auch, das sollte man nicht vergessen, die Möglichkeit einer kleinen Flucht. Aus dem Horror, Terror, der Hässlichkeit der Welt. Wenn man sich behübscht, schafft das einen Augenblick der Erholung. Einen Moment der Schönheit.vyshyvanka_12 (c) belle_ikatEin Label möchte ich in diesem Zusammenhang nennen. Ich habe die wunderschönen handgefertigten Stoffe und limitierten Stücke von Belle Ikat im Juni auf der GREENSTYLE x Neonyt Lab kennengelernt. Das nachhaltige deutsche Label arbeitet seit Beginn mit kleinen Unternehmen in der Ukraine zusammen und setzt auf traditionelle Handwerkskunst. Die Ikat-Stoffe aus Usbekistan haben dem Label den Namen gegeben. Belle Ikat führt in seinem Sortiment neben wunderschönen Röcken, Blusen, Kaftanen, Tuniken, Jacken und Accessoires auch eine Auswahl von (nachhaltigen) Vyshyvankas. Der Verkaufserlös jeder Bluse und jedes Kleides wird gespendet. 

Fotos: (1) © Belle Ikat; (2) Basic structure of garment, 1869, public domain; (3) © Vyshyvanka Day Channel 24; (4) Elsbeth Wallnöfer © Katharine Gossow/Falter; (5) © T-Shirt mit Kunst von Roland Maurmair © Elsbeth Wallnöfer; (6) Erzherzog Wilhelm (1895-1948) trägt eine Vyshyvanka, public domain; (7) Postkarte von 1916, die eine Bäuerin in Vyshyvanka zeigt, public domain; (8) © Ursula von der Leyen auf Twitter; (9) © Vladimir Yaitskiy/Flickr_creative_commons; (10) Portrait einer Ukrainerin in Vyshyvanka, 1821, public domain; (11) © Instagram @tvoya.vyshyvanka.ua; (12) Belle Ikat Gründerin Isabela Stadler © Belle Ikat

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