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December 29, 2020

Ist die Kunst nicht systemrelevant, Heinrich Schwazer?

Eva Rottensteiner

Wenn Kulturredakteur*innen nichts mehr zu schreiben haben und die Museumseingänge verstauben, dann nennt man das 2020 wohl Pandemie. Und die Künstler*innen? Ausgesperrt. Locked out. Heinrich Schwazer, Kulturjournalist bei der Neuen Südtiroler Tageszeitung und Kurator, ging in der Zeit beinahe der Schreibstoff aus. Deshalb hat er 48 Künstler*innen in und aus Südtirol mit einem Fragebogen zu ihrer Perspektive auf den Lockout und den Gemütszustand befragt. Entstanden ist daraus letztlich die Kunstausstellung „Lockout, die Mitte September offline in der Festung Franzensfeste eröffnet wurde und Ende November 2020 online ging. So kann man in dieser „Corona-Galerie“ zumindest virtuell in die Köpfe vieler Kunstschaffenden eintauchen. Im Interview erzählt Schwazer, warum er online ausstellen als Qual empfindet, wieso er lieber kuratiert als Schreibtischtaten zu begehen und wie er den Widerstand in der Kunst organisiert hat.

Für die meisten Künstler*innen war 2020 ein Jahr ohne Einkünfte. Ist die Kunst nicht systemrelevant?

Die Frage beantwortet sich mit einem Blick auf die Lockdown-Maßnahmen. Geschäfte, Einkaufszentren, Restaurants, Bars, Fitnesscenter – kurz: alles, was Kommerz ist, darf aufsperren. Museen, Galerien, Kinos, Theater und Konzerthäuser – kurz: alles, was Kunst und Kultur ist, muss zusperren. Für diese Ungleichbehandlung wurde von politischer Seite aus durchschaubaren Gründen kein einziges Argument vorgebracht. Warum? Es gibt keines. Warum sollte eine Galerie oder ein Ausstellungsraum ansteckender sein als eine Modeboutique oder ein Schuhladen? Für beide gelten die gleichen Vorsichtsmaßnahmen, verboten aber wird nur der Besuch von Galerien und Museen, die ja nicht gerade für großes Gedränge bekannt sind. Die Botschaft an die Kultur, an die Gesellschaft und vor allem an die Künstler, für die sie im wörtlichen Sinn Brot ist, könnte deutlicher und verletzender nicht sein: Kultur und Kunst sind für die Gesellschaft nicht wichtig. Das unsägliche Wort „systemrelevant“ – zweifellos das Unwort des Jahres – klingt verdächtig nach Triage, also der medizinischen Einstufung von Patienten nach Dringlichkeit. Nur entscheidet in diesem Fall nicht ein Arzt oder eine Ärztin, wem er hilft und wem nicht, sondern die Politik.

Die Politik scheint der Kunst und Kultur seit der Pandemie nicht mehr viel Raum und Möglichkeit zu geben. Ist diese Ausstellung auch eine Trotzreaktion darauf? Eine Form von Widerstand? 

Die Ausstellung hat eine ungewöhnliche Entstehungsgeschichte. Sie ist eigentlich aus der Not geboren. Nach dem Lockdown gab es von einem Tag auf den anderen für KulturredakteurInnen nichts mehr zu schreiben. Keine Ausstellungen waren zu besprechen, kein Theater, kein Kino, einfach nichts, es herrschte totale Ereignislosigkeit. Die Idee war: Warum nicht diejenigen, über die normalerweise geschrieben wird, selbst zu Wort kommen zu lassen und sie zu fragen, wie es ihnen im erzwungenen Lockdown geht, was sie machen, wie sie arbeiten, was ihre Gedanken, Nöte und Ängste sind. Für Künstlerinnen und Künstler ist ein Lockdown ja nichts Besonderes, die meiste Zeit verbringen sie sowieso allein im Atelier, sie arbeiten oft über Monate in fast eremitenhafter Einsamkeit bis wir, ihr Publikum, dann die Ergebnisse in einer Ausstellung zu sehen bekommen. Dieser Lockdown war völlig anders. Er war von außen befohlen und hatte mit dem, was die KünstlerInnen normalerweise autonom entscheiden, nichts zu tun. Mit einem Mal waren sie, wie wir alle, von den Orten an denen wir ihre Arbeit gewöhnlich sehen können und die für ihre Existenz unverzichtbar ist, in Galerien, Museen und Ausstellungshäusern, ausgesperrt. Die Folge war eine große und spürbare Verunsicherung, niemand wusste, wie lange das dauern wird, die eh schon prekäre Existenz vieler Künstlerinnen und Künstler wurde auf eine harte Probe gestellt.
Insofern war die Ausstellung in der Tat ein Widerstand gegen das Unsichtbarmachen der Kunst und eine Möglichkeit, sich der Logik des Virus nicht zu ergeben. Für mich war sie in erster Linie eine Möglichkeit, Fragen zu stellen, die in einer existentiellen Verunsicherung, wie wir gerade erleben, nur die Kunst stellen kann. Was bedeutet es, wenn Kunst nur noch unter Hygienebedingungen stattfinden kann? Ist sie dann noch frei in der Wahl ihrer künstlerischen Mittel? Was bedeutet es, wenn Kunst statt als Akteurin plötzlich wie ein öffentlicher Pflegefall wahrgenommen wird. Was bedeutet es für das Verhältnis von KünstlerInnen und Publikum, wenn sie auf Distanz zueinander bleiben müssen? Wer vermisst wen? Vermisst das Publikum die Kunst in der gleichen Weise, wie die KünstlerInnen das Publikum? Katrin Böge - Ohne Titel (c) LockoutWil-ma Kammerer - nasty liquid (c) LockoutAron Demetz - Resonanz (c) LockoutWelche Rolle könnte die Kunst während dieser Pandemie-Zeit übernehmen?

Die Aufgabe, die Kunst immer innehat. Sie beginnt genau dort zu sprechen, wo die Sprache der Wissenschaft, der Politik und des instrumentellen Verstandes endet. Kunst ist immer in der Krise. Wenn sie das nicht mehr ist, ist sie keine Kunst mehr. Aus genau diesem Grund kann sie die Leerstellen und Widersprüche einer Gesellschaft benennen und ihnen eine Form geben. Dafür braucht sie Zeit. Anlasskunst ist selten gute Kunst – Picassos Guernica ist einer der wenigen Ausnahmen. Kunst hat, obwohl sie sich mit den neuen Technologien enorm beschleunigt hat, eine lange Reifezeit.

Die Fragen sind teilweise von Marcel Proust und Max Frisch inspiriert. Warum gerade die zwei und nicht beispielsweise Hanna Arendt oder Elfriede Jelinek?

Der klassische Fragebogen von Marcel Proust war ein Gesellschaftsspiel in den Pariser Salons. Es sind Fragen von damals, die in ihrer scheinbaren Einfachheit verblüffend viel über eine Persönlichkeit auszusagen vermögen. Max Frisch hingegen stellt Fragen zu den großen Themen der menschlichen Existenz: Liebe, Freundschaft, Ehe, Moral, Tod usw. Er selbst hat seine Fragen als hinterhältig bezeichnet. Frisch war ein Leben lang ein Fragender, der das Gespräch mit dem Leser suchte. Beider Fragen sind eine Herausforderung. Eine Künstlerin hat mich darauf aufmerksam gemacht, dass in dem Fragebogen keine Fragen von Schriftstellerinnen enthalten sind. Ich gebe zu, dass mir das bis dahin gar nicht aufgefallen war. Ein Fehler. 

Sind Online-Ausstellungen zukunftsfähig? Vielleicht ein Mittel, um die Kunst mehr unter die Leute zu bringen, die nicht üblicherweise auf jeder Ausstellung anzutreffen sind? 

Online-Ausstellungen sind eine Qual, die jeden Kunstinteressierten über kurz oder lang in Depression und Frustration stürzen. Ohne die vielgeschmähte und chronisch totgesagte Aura des „Hier und Jetzt“ ist ästhetisches Erleben ein Trauerspiel. Kunst braucht Räume, die beides gleichzeitig zulassen: das Sehen und das Reden. Aber wir werden wohl oder übel damit zu leben lernen müssen. Selbstverständlich gilt, dass Museen und Ausstellungshäuser als mit Steuergeldern geförderte Institutionen alles unternehmen müssen, um durch das virtuelle Angebot ein neues Publikum zu erreichen und sich zu demokratisieren. Die Kunstinstitutionen haben die Pandemie auch hierzulande dazu genutzt, sich digital weiterzuentwickeln, zu expandieren und neue Formen der Interaktion mit dem Publikum zu suchen. Ironischerweise lehrt uns gerade der kulturelle Lockdown, dass Benjamins „einmalige Erscheinung einer Ferne, so nah sie sein mag“ sich nicht ersetzen lässt. Kunst auf Bildschirmen kann die Aura höchstens simulieren. Sissa Micheli - Waltz for an Abandoned Building (c) LockoutErika Inger - All Souls Clinic (c) LockoutLois Anvidalfarei - Eingeklemmt im Lebensfluss (c) LockoutBerty Skuber - Caul Eigenface Squint (c) LockoutKunst und Journalismus vereinen: Eine gute Kombination? Würdest du nochmal machen? 

Ich habe in meiner journalistischen Laufbahn bereits einige Ausstellungen kuratiert – „Die Welt der Dinge“ bei Kunst Meran, „Arche“ und „Lockout“ in der Festung Franzenfeste, Markus Vallazza und Michael Höllrigl in der Kunsthalle West, Peter Senoner auf Schloss Tirol, um nur einige zu nennen. Kuratieren erlaubt und erfordert ein völlig anderes Denken und Reflektieren als der Journalismus. Als Journalist ist man im wesentlichen Schreibtischtäter, der ein mehr oder weniger stringent argumentiertes Urteil über eine Ausstellung fällt. Als Kurator trägt man Verantwortung nicht nur für die Kunst, sondern für eine Vielzahl von involvierten Personen. Ich würde es jederzeit wieder machen. 

Wie war Lockdown 1 und 2 eigentlich für dich? Was hat dich beschäftigt, außer die Sorge um die Kunst?

In erster Linie das, was wahrscheinlich alle beschäftigt hat. Die Sorge um die Gesundheit: die eigene und die der Freunde und Verwandten. Zum zweiten, dass die Coronakrise kaum eine Facette unseres Lebens und Zusammenlebens unberührt lässt. Sie führt gnadenlos wie eine Lupe vor, wie fragil unsere Sicherheit ist. Es beschneidet unsere persönliche Freiheit und steckt uns hinter die Gesichtsmaske, es befiehlt uns, Abstand voneinander zu halten, und untersagt uns den Händedruck, den physischen Kontakt und eine spontane Umarmung. Es hält uns auf sozialer Distanz und gibt Misstrauen und sozialer Furcht Recht, es räumt öffentliche Räume und mobilisiert Überwachung und Kontrolle. Es strapaziert Privatheit zur Gefangenschaft und verengt Lebensräume zu Zellen. Nie in der jüngeren Geschichte hat es so viel Unberechenbarkeit und Verwundbarkeit gegeben.

Hast du inzwischen ein paar Antworten auf all deine Fragen zur Zukunft der Kunst gefunden? Wie macht sie jetzt weiter? 

Antworten habe ich keine zu bieten, nur einen Berg von Fragen. Ich sorge mich nicht um die Kunst. Solange es das Rätsel der Existenz gibt, wird es Kunst geben, aber die plötzliche Totenstille in den Musiksälen, Ausstellungsräume und Theatern im Land ist schon erschreckend. Die von oben verordnete Irrelevanz der Kunst macht ihre Ohnmacht auf verstörende Weise deutlich. Ein Soweitermachen wie bisher wird es nicht geben, aber der Schock des Augenblicks braucht Zeit, um in Kunst übersetzt und transformiert zu werden. Wie, ist freilich noch so offen. Wächst Kunst über sich hinaus oder zeigt sie ihre Verlorenheit in einer Welt, die sie – mit Hegel gesprochen – ohnehin nur als Dekoration und verzichtbaren Luxus wahrnimmt? Wird sie zur Quelle des Widerstands? Folgt eine Welle der Politisierung in Reaktion auf die Enteignung des Lebens? Oder spinnt sie sich in einer neuen Bescheidenheit ein? Wird sie solidarischer oder bleiben am Ende nur die Superstar-KünstlerInnen übrig?

Fotos: (1) Heinrich Schwazer (c) Festung Franzensfeste; (2) Katrin Böge, Ohne Titel (c) Lockout; (3) Wil-ma Kammerer, nasty liquid (c) Lockout; (4) Aron Demetz, Resonanz (c) Lockout; (5) Sissa Micheli, Waltz for an Abandoned Building (c) Lockout; (6) Erika Inger, All Souls Clinic (c) Lockout; (7) Lois Anvidalfarei, Eingeklemmt im Lebensfluss (c) Lockout; (8) Berty Skuber, Caul – Eigenface – Squint: eine Videotriologie (c) Lockout 

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