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December 9, 2020

Wie bitte? Textilien aus Hundehaar?

Susanne Barta

Die eine sitzt in Stuttgart, die andere in Berlin. Gemeinsam betreiben sie das Start-up „Yarnsustain“ und die dazugehörende Plattform Modus Intarsia. Die Textilingenieurin Franziska Uhl und die Mode- und Strickdesignerin Ann Cathrin Schönrock haben ein Verfahren entwickelt, um Garn aus Hundehaar zu produzieren. Das Material trägt den schön klingenden Namen „Chiengora“. Chien heißt Hund auf französisch.

Jede und jeder, die einen Hund hat, weiß, wie viel Hundehaar beim Bürsten abfällt, vor allem bei haarigen Rassen. Die Haare landen normalerweise im Abfall. Für Franziska und Ann Cathrin sind diese Haare ein wertvoller Rohstoff. Die Unterwolle von Hunden ist hochwertig, fein und weich, vergleichbar mit anderen Edelhaaren wie Kaschmir, Mohair oder Angora, das wurde wissenschaftlich festgestellt. Das Garn entsteht in Zusammenarbeit mit inzwischen vier kleinen Spinnereien in Deutschland. Reines Chiengora ist wärmer als Schafwolle und kann den Wärme- und Kälte-Haushalt auf natürliche Weise regulieren. Verschiedene Produkte wurden bereits als Pilotversuche produziert, bald sollen Kleidungsstücke und Accessoires aus Chiengora in größerer Stückzahl erhältlich sein.© Modus Intarsia Foto_2_Modus Intarsia_Campaignshooting Zero-263

Ich habe mit Ann Cathrin und Franziska über ihr innovatives Material, ihre Pläne und über die Zukunft der Modeindustrie gesprochen.

Wo steht ihr gerade mit eurem Textil-Start-up?

Ann Cathrin: Zu Beginn der Pandemie hatten wir ein Stipendium bekommen, wir sind also in einer glücklichen Situation. Bis Ende April 2021 erhalten wir regelmäßige Gehälter und können uns so ausschließlich auf unser Unternehmen konzentrieren und unser Sammelnetzwerk ausbauen. Wir sind weltweit die einzigen, die systematisch Hundehaare sammeln, denn um zu wachsen, brauchen wir ausreichend Mengen des Rohstoffs. Unsere Mission ist es, dieses Material vor der Mülltonne zu retten. Alleine in Deutschland werden davon jedes Jahr 80 Tonnen in den Müll geworfen, in ganz Europa sind es mehr als 500 Tonnen. Wenn wir es einmal schaffen sollten, 150 Tonnen pro Jahr zu sourcen, haben wir schon viel erreicht. Im Vergleich zu den Mengen der Wollindustrie ist das natürlich sehr wenig, aber für uns ist es bereits ein skalierbares Modell. Wir sind gerade mit einer Crowdsourcing-Kampagne gestartet, haben unsere Website überarbeitet und feilen an unserer Logistik.© Modus Intarsia Foto_3+4

Aus den Hundehaaren wird eine Textilfaser produziert. Welche Anwendungen gibt es für Chiengora?

Franziska: Wir produzierten anfangs ein Handstrickgarn, dem für mehr Elastizität ein bestimmter Prozentsatz Alpaca oder Merinowolle beigefügt wird. Wir haben aber auch ein Industriegarn entwickelt, das mit industriellen Strickmaschinen verarbeitet werden kann. Dieses Garn wird mit Tencel Lyocell oder recycelter Wolle vermischt. Chiengora ist keine Baumwolle, sondern eine tierische Faser und wird vor allem da eigesetzt, wo man sonst Kaschmir oder Merinowolle verwenden würde.

Welche Produkte gibt es schon?

Franziska: Aus dem Handstrickgarn kann man sich theoretisch alles stricken bzw. stricken lassen. Wir bieten Muster für Stirnbänder, Schals, Mützen und Pullover an. Aus dem Industriegarn haben wir ein Beanie, einen Schal, einen Cardigan und einen Pullover entwickelt. Das sind die Teile, die wir auch im Rahmen unserer Crowdfunding-Kampagne anbieten.© Modus Intarsia Foto_5+6

Ich habe ein wenig herumgefragt in meiner Umgebung, wer denn Hundehaar tragen würde. Die Meinungen waren unterschiedlich …

Ann Cathrin: Auch wir haben diese Erfahrung gemacht. Niemand ist neutral, jeder hat eine starke Meinung dazu, positiv oder negativ. Das ist der Tatsache geschuldet, dass der Hund mitten in unserer Gesellschaft lebt. Man vermutet, dass das Material riecht, wenn es nass ist. Tut es natürlich nicht. Die meisten riechen aber an den Produkten. Würden sie auch an einem Kaschmir-Pullover schnuppern, ob er nach Ziege riecht? Wohl nicht. Von den Hundehaltern, von denen wir den Rohstoff beziehen, bekommen wir tolle Reaktionen. Soviel weiche Unterwolle wird ja ausgekämmt und weggeschmissen. Es gibt Hundehalter, die haben kiloweise davon im Keller lagern, weil sie es schade finden, diese weiche Hundewolle wegzuwerfen.

Immer mehr innovative Materialien kommen auf den Markt, ob das nun Piñatex, Orange Fiber oder Appleskin ist. Franziska, welche Materialien interessieren dich als Textilingenieurin? Und werden sie mithelfen, die Modeindustrie von Grund auf zu verändern?

Franziska: Vor allem müssen wir mal unseren Konsum reduzieren, wir können nicht einfach substituieren, was wir bisher so konsumieren. Ein großes Problem sehe ich bei vielen Materialien, zum Beispiel auch bei Piñatex und Appleskin, die als Lederersatz verwendet werden, dass sie durch ihren Anteil an PU, einem synthetischen Polymer, am Ende nicht mehr kreislauffähig sind. Es passiert leider oft, dass Materialien auf den Markt geworfen werden, um ein grünes Verkaufsargument zu bedienen, aber am Ende ist es nur ein Kompromiss. Wir wollten diesen Kompromiss nicht eingehen. Deswegen würden wir unserem Garn nie einen synthetischen Faserstoff beimischen. Wir vermissen am Markt, dass die Kreislauffähigkeit vernachlässigt wird.

© Modus Intarsia Foto_7

H&M entwickelt gerade mit dem Hong Kong Research Institute of Textiles and Apparel (HKRITA) eine Maschine, mit der Altkleider recycelt werden können. Wie weit braucht es auch die Großen, damit sich etwas verändert?

Franziska: Wenn man sich diese Spinnmaschine von H&M genauer ansieht, dann recycelt sie die Fasern mechanisch, reißt sie klein und man ist dann in der Lage, relativ kurzes Fasermaterial zu verspinnen. Das geht einmal. Damit hat man aber keinen wirklichen Kreislauf geschaffen, sondern zum Beispiel aus einem T-Shirt minderwertiges Garn hergestellt. Und was dann? Das ist also nicht hundertprozentig zu Ende gedacht. Viel spannender ist, was Lenzing aus Oberösterreich macht, die lösen diesen Abfall auf und verspinnen ihn neu mit der Refibra-Technologie.

Ann Cathrin: Für mich braucht es den Weg zu Zirkularität. Es ist ja nicht so, dass es diese Technologien nicht geben würde, ihr Einsatz ist nur noch zu teuer. Wenn die großen Player hier mehr tun würden, auch noch mehr Geld in die Entwicklung investierten, würde es wahrscheinlich schneller gehen. Es gibt unzählige Start-ups, die sich mit Zirkularität auseinandersetzen, aber die Anwendungen sind eben noch zu teuer. 

Wird Corona die Modeindustrie verändern?

Ann Cathrin: Das sind derzeit natürlich vor allem Spekulationen. Was ich dazu sagen kann ist, dass Mode ein Medium ist, das gelebt werden möchte. Ich differenziere gerne zwischen Mode und Kleidung. Was wir machen, würde ich als Kleidung bezeichnen. Das eine braucht man, das andere möchte man aufgrund von sozialen Faktoren und um Spaß zu haben. Da wir derzeit viel weniger Kontakte haben, wird da sicher einiges vorübergehend zurückgefahren. Aber eher als eine Reduktion von Konsum, sehe ich eine Veränderung hin zur Digitalisierung des Einzelhandels. Der Mode-Einzelhandel wird nach Corona nicht mehr so sein, wie man ihn vorher kannte. 

Franziska: Ich glaube man hätte gerne, dass es mehr Richtung Nachhaltigkeit geht. Der Designer Gerry Weber meint etwa, dass man nach der Krise wieder mehr zu konventionellen Klamotten hin tendieren wird.© Modus Intarsia Foto_8aWo klinkt ihr euch da ein? Als Vorbilder wie man einen textilen Kreislauf umsetzen kann? Wie man mit Ressourcen, die es schon gibt, umgeht? Innerhalb der Modeindustrie etwas Neues zu versuchen?

Ann Cathrin: Wir haben vor einigen Wochen unser Mission und Vision Statement neu aufgeschrieben. Da ist rausgekommen, dass wir gerne als Beispiel fungieren möchten für die Textilindustrie, mutig zu sein und neue Wege zu gehen. Ich sag gerne, wir sind der Rick Owens der Textilindustrie. Owens sagte mal, um Regeln zu brechen, muss man die Regeln kennen. Wir kommen aus zwei unterschiedlichen Richtungen der Modeindustrie und haben viele Jahre Erfahrung an unterschiedlichen Positionen der textilen Kette. Wir wissen, wie es läuft, brechen alle Regeln und es funktioniert. Corona hat bewirkt, dass die Problematiken der textilen Kette klar aufgezeigt wurden. Was unsere Kette betrifft, setzen wir uns sehr hohe Standards. Wir zeigen, es geht auch so, wenn man will.

Franziska: Die Leute werden nach Corona vielleicht nicht nachhaltiger kaufen, aber ich habe das Gefühl, sie sind offener geworden für solche Ideen. Viele hatten mehr Zeit Prozesse und Systeme zu hinterfragen. © Modus Intarsia Foto_9+10_ Modus Intarsia_Campaignshooting Zero-115

Ich hatte noch nie ein Kleidungsstück aus Hundehaar in der Hand. Schon in der Vergangenheit wurde Hundehaar verarbeitet, von Hobby-Spinner*innen in kleinen Naturfasermühlen. Franziska und Ann Cathrin aber stellen Chiengora auf ganz neue Beine, denn die Faser bietet eine breit gefächerte Grundlage für verschiedenste textile Anwendungen. Dieses Potential möchten die Gründerinnen nützen. Daher wird weiterhin intensiv an einer qualitativ hochwertigen Verarbeitung der Chiengora-Faser geforscht und gearbeitet, auch in Kooperation mit der Hochschule Reutlingen und einer Vielzahl weiterer Partner*innen. Und dann geht es natürlich darum, in die Produktion zu gehen. Ihr könnt Ann Cathrin und Franziska dabei unterstützen diese Ressource vor der Mülltonne zu bewahren indem ihr ihre Crowdfunding-Kampagne unterstützt. Und wer neugierig ist, Chiengora auszuprobieren, hier geht’s zum Online Shop.

 

Fotos © Modus Intarsia 

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