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August 9, 2020

Anleitung zum Waldspaziergang #06: Aufstieg der Gestalten

Kunigunde Weissenegger
Wir sind zurück! Die Ausstellung „unlearning categories“, bis 23. August 2020 im Museion zu sehen und kuratiert von BAU, und die Publikation „Arbeiten – Lavori in corso II“ zeigen die Kunstankäufe (2012–2018) der Südtiroler Landesabteilung für Deutsche Kultur. Durch die Vielfalt der 150 Positionen von 100 Künstlerinnen und Künstlern begleitet unsere Waldspaziergangsserie. Und los!

Verlass Daheim! Natürlich nicht ohne „Arbeiten – Lavori in Corso II“ und die Eintrittskarte ins Museion. Diesmal wird’s happig, also zieh dir zur Sicherheit deine robustesten Bergschuhe an und schnür sie feste. Der Halt soll gut sein. Mach dich auf. 

Hinauf. Strich für Strich, zieht es dich hoch, den Berg hinan, in diesen Wald hinein. Du hast null Ahnung, was dich erwartet. Aber es treibt dich voran. Es wird wohl die Neugierde sein … Woran denkst du, wenn du den steilen Hang unter dir spürst, schnaufst und verschnaufst?
[Martin Kargruber, bergau, 2002]

Beruhigend Vertrautes begleitet dich, zumindest anfangs. Nachdem du blühende Wiesen, summende Bienen, zirpende Grillen und die flirrende Hitze hinter dir gelassen hast, nimmt dich ein sattes Grün freundlich auf, knackige Ästchen streicheln zart über deine Arme, lärchige Nadeln liebkosen deine Wangen. Entführung.

Ein Reiter fliegt dir entgegen, reißt dich hoch, nimmt dich mit, ein Stück, spricht nicht, nickt nicht, das Visier gesenkt, die Rüstung glänzt, der erste Höhenunterschied ist überwunden. Er lässt dich zu Boden gleiten, verlässt dich, ohne Worte, wünscht dir Glück im Stillen. Fort.
Michael Fliri, Something uncovered can’t be covered again, 2013]binocolo Fernglas

Wo bist du? Sieh dich um. Hol das Fernglas hervor. Orientier dich. Moose, Flechten und Farne nähern sich neugierig, beschnuppern dich, legen sich um dich. Fassen, drücken, pressen dich. Wie ist diese Umarmung? Bedrohlich oder liebkosend? Du kannst noch nicht einordnen, wie sich dieser Wald anfühlt. Liegt er schwer? Oder wiegt er leicht? 

In Wellen, in Wogen, in schäumender Brandung fließt er dir entgegen. Er wirft dir unvorbereitet Stoff und Material zu. Der Wald strömt, kocht und sprudelt. Materie ist vielgestaltig: Kristalle, Punkte, Bögen, Linien, Tropfen, Schatten, Winkel, Waben. Materie ist vielschichtig: Raum und Zeit, komplex und verschlungen, kompakt und gedrungen.
[Tomas Eller, Liquid Mountains, 2014]

«Die Wurzel ist wie ein zweiter Körper, geheim, esoterisch, unterschwellig: ein Anti-Körper, eine anatomische Anti-Materie, die auf spektakuläre Art und Weise, Punkt für Punkt, alles umkehrt, was der andere Körper tut. Ein Anti-Körper, der die Pflanze in die exakt entgegengesetzte Richtung drängt als in die, der all ihre Anstrengungen auf der Oberfläche gelten. Stellen wir uns vor, zu jeder Bewegung unseres Körpers gäbe es eine weitere in umgekehrter Richtung; stellen wir uns vor, unsere Arme, unser Mund, unsere Augen hätten einen antithetischen Widerpart in einer vollkommen gespiegelten Materie zu der, die die Textur unserer Welt definiert: Dann hätten wir eine, wenn auch noch so vage Vorstellung, was es bedeutet Wurzeln zu haben» [1]

Die Frage ist: Wirst du damit fertig?
Die Frage ist: Was lässt du zu?
Die Frage ist: Was erfasst du?
Die Frage ist: Kennst du dich aus? 

Deine Erinnerung spielt dir Streiche, ein paar Meter von dir vermeinst du bekannte Gestalten zu sehen. Sie geben dir Sicherheit, auch wenn du weißt, dass es nur ein Trugbild sein kann …

bastone Wanderstock

Hand in Hand stehen sie da, wohlwollend, stabil. Irgendwie sind sie wie der Wanderstock, den du mit dir führst, stützend, begleitend … Aber: Sie kehren dir den Rücken zu.
[Leonhard Angerer, Tiefgarage Lüsen, 2014]

Oder doch nicht? Wie tief dringt er?
[Sven Sachsalber, Diptych (a foto by George of Gilbert and me; a foto by Gilbert of George and me, 2011]

Ein Blick, prüfend, bohrend. Vorwurfsvoll?
[Matthias Schönweger, gerade hab’ ich an dich gedacht, Teil 1 eines Triptychons, 1997]

Wer dringt in wen? Ist es ein Besuchen oder ein Belagern?
[Maria Walcher, TRASITE: Welcome (Spree), aus dem Projekt TRASITE, 2014]

Kein künstlicher Lichtstrahl. Kein vertrauter Technologielärm. Kein bekannt penetranter Geruch. Kein alltäglicher Geschmack. Keine geläufige Berührung. Irgendwie scheint alles fremd.

«Am Fuß eines jeden Blattes der Nepenthes entwächst eine lange Ranke, an deren Ende sich eine große, zunächst mit einem wasserdichten Deckel verschlossene Kanne befindet. Wen sich dieser Deckel öffnet, wird die Kanne zu einer glitschigen und tödlichen Falle. Am Boden der Kanne produzieren Drüsen eine Art Magensaft zu Verdauungszwecken. Diese Kanne ist gefüllt mit toten Insekten, Ameisen, Spinnen, Fliegen, Wespen. Sie werden angelockt von dem zauberhaften Rot der Kannenöffnung, dann rutschen sie aus und fallen in den Magensaft. Dort werden sie sehr schnell verdaut.» [2] 

Vergängliche Welt. Vergängliche Körper. Gestalten schälen sich aus Schatten. Gestalten kriechen über liegendes Gestämm. Gestalten krabbeln über moosiges Gestrüpp. Gestalten walten über’s Unterholz.
[Aron Demetz, Cinder Ella, 2012]

Entwischt!
[Andreas Zingerle, 1315003, aus der Serie Siblings, 2013]

Gibt’s jetzt trouble? 

Dagegen stoßen, dagegen stemmen. Hineinlaufen, zerfließen und sich auflösen. Was wäre die Alternative? Flucht? Tiefer hinein in Verzerrtes, Verwickeltes, Verstengeltes, Verstaudetes, Verholztes. Hast du eine Wahl?
[Krüger & Pardeller, WAND 01, 2005]

Wenn du dich fragst, wie alt dieser Wald ist, wie tief er wurzelt, wie er gedeiht, wie er atmet, wie er blüht, wie er fällt, wie er stirbt, fragst du dich dann auch, wie bedrückend und bedrohlich er sein kann? Empfindest du Mitleid und Erbarmen? Oder fühlst du Angst und Schrecken? Oder etwa Überheblichkeit? Oder breiten sich Harmonie und Ruhe in dir aus?

Komm näher und näher … 

«Jung ist der Tag
Und der Himmel ist rot.
Was wir tun ist schwer zu beschreiben.
Hier können wir nicht bleiben.
Wer jetzt nicht steht ist tot

Oder will immer noch mehr.
Weit ist der Weg zu dir.»
[3]

 

[1] Emanuele Coccia, Die Wurzeln der Welt – Eine Philosophie der Pflanzen, Hanser, 2018
[2] Francis Hallé, Atlas der phantastischen Pflanzen, Frederking & Thaler, München, 2019
[3] Element of Crime, Weit ist der Weg

Graphic design by Claudia Gelati

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