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May 27, 2020

„Das neue Neu heißt mehr aus weniger“ – Maja Göpel

Susanne Barta

Vor kurzem habe ich ein Buch gelesen, das mich anhaltend beschäftigt. Die Politökonomin und Nachhaltigkeitswissenschaftlerin Maja Göpel lädt uns in „Unsere Welt neu denken“ ein, darüber zu reflektieren, wie ein grundsätzliches Umdenken aussehen könnte. Sie entwickelt Szenarien, wie eine wünschenswerte Zukunft gestaltet werden kann, und führt aus, welche Denkstrukturen uns da bisher im Weg standen und immer noch stehen. Das macht sie ernsthaft, sehr zugänglich und so, dass man nicht erschlagen wird, ob der anstehenden Aufgaben, sondern sich inspiriert und aufgefordert fühlt, sich in Bewegung zu setzen. Vielleicht klingt das ein wenig nach dem x-ten Buch, in dem jemand alles besser weiß und dann doch alles weitergeht wie bisher. Kann, aber muss nicht sein. Auffallend ist, dass es immer mehr Leute gibt, die gute Bücher dazu schreiben und immer mehr Leute, die sie lesen und wirklich etwas verändern möchten. Das heißt, es tut sich etwas. Der Zeitgeist ändert sich. Und Maja Göpel tappt weder in die Falle der sperrigen und vom Turm aus mahnenden Wissenschaftlerin, noch in die „Alles wird gut, wir müssen nur ganz fest daran glauben“-Haltung. Das Buch wurde vor Corona geschrieben, nach Corona erscheint einiges, was hier verhandelt wird, ein Stück weit realistischer und eher möglich als vorher. Etwa, dass viele von uns deutlicher spüren, dass ein „Weitermachen wie bisher“ nicht funktionieren wird.

Susanne Barta Foto_2_alexander-popov-b8vCfi9UsTU-unsplash

Einige Gedanken aus Maja Göpels Buch möchte ich herausnehmen und, wo es passt, mit der Fashion-Industrie und unserem Textil-Konsum verknüpfen. Das mag etwas scherenschnittartig wirken, vor allem da Göpels Buch sehr differenziert ist und sie sich Zeit nimmt, ihre Thesen zu entwickeln, sie historisch belegt und mit Beispielen anschaulich macht. Aber vielleicht kann es euch anregen, das Buch zu lesen. Das wäre das Ziel. 

Maja Göpel orientiert sich beim Begriff der Nachhaltigkeit an der Definition des „Brundtland-Reports“, formuliert von einer Kommission der Vereinten Nationen, die 1983 eingesetzt wurde, unter dem Vorsitz der ehemaligen norwegischen Ministerpräsidentin Gro Harlem Brundtland: „Dauerhafte (nachhaltige) Entwicklung ist Entwicklung, die die Bedürfnisse der Gegenwart befriedigt, ohne zu riskieren, dass künftige Generationen ihre eigenen Bedürfnisse nicht befriedigen können.“ „Umweltfragen“, sagt Maja Göpel, „sind immer Verteilungsfragen und Verteilungsfragen sind immer Gerechtigkeitsfragen“. Susanne Barta Foto_3_hermes-rivera_unsplash

Zunächst geht es in dem Buch darum, uns bewusst zu machen, welche Ideen, Strukturen und Regeln uns dorthin gebracht haben, wo wir gerade sind als Welt-Gesellschaft. „Und bewusst machen heißt, zu erkennen, was man tut, und zu fragen, warum man es tut.“ Allein mit diesen beiden Fragen lässt sich schon sehr viel Licht in unser System zu wirtschaften bringen, aber auch in den eigenen Alltags-Handlungs-Automatismus. Ziemlich hilfreich kann das zum Beispiel bei Kaufentscheidungen sein. Wieso dieses Produkt und nicht jenes? Worauf lege ich Wert? Worauf nicht? Was brauche ich, was nicht? Warum noch eine neue Hose, obwohl der Schrank schon überquillt? Weiß ich, wer mein T-Shirt hergestellt hat? Wie es produziert wurde?Susanne Barta Foto_4_green_parks

In den letzten 20 Jahren hat sich die Menge der Textilproduktion weltweit mehr als verdoppelt. 100 Milliarden Kleidungsstücke waren es allein 2014 und die Bekleidungsindustrie erwartet eine Produktionssteigerung um weitere 62 Prozent bis 2030. Sehr anschaulich legt Maja Göpel dar, dass sich unsere Art zu leben und zu wirtschaften nicht ausgehen kann. Unsere ökonomischen Konzepte, die mit schon fast religiöser Inbrunst ständig wiederholt werden, wie Wachstum, Produktivität und Wettbewerbsfähigkeit, seien genau zu hinterfragen. Lineares Wirtschaften funktioniere nicht mehr, es brauche Kreisläufe. Jedes Jahr fallen, zum Beispiel, allein bei der Herstellung von Kleidungsstücken ca. 92 Millionen Tonnen an Müll an. Dieser Müll wird in der Regel verbrannt, anstatt bereits Vorhandenes zu recyceln. Und da haben wir noch gar nicht von den Tonnen an Kleidern gesprochen, die weggeworfen werden, zum Teil ohne jemals getragen worden zu sein. „Die Frage, ob jemals ,ein Genug’ erreicht sein könnte, ist in unserem auf Wachstum getrimmten Wirtschaftssystem nicht vorgesehen. …  Unternehmen müssen Neues produzieren, Verbraucher_innen Neues konsumieren, Ingenieur_innen Neues erfinden, das mithilfe von Werbung in den Markt gedrückt wird.“ Ein konkretes Beispiel, wie es anders gehen kann, zeigt die junge deutsche Designerin Anna Schuster im Video-Gespräch mit GREENSTYLE-munich-Gründerin Mirjam Smend über „Trash als Ressource des 21. Jahrhunderts“. Anna Schuster, Co-Founderin des Londoner Labels JOA , setzt auf die Ressource Trash und macht richtig coole Mode aus Müll.Susanne Barta Foto_5+5a_schuster

Sogar Marie Kondo und ihre medienwirksam aufbereitete Aufräum-Methode treffen wir im Buch von Maja Göpel. Das Ordnen und Entsorgen nach der KonMari-Methode ist ja wie eine Lawine hereingebrochen in die vollgestopften westlichen Haushalte. Ein Problem mit dem Aufräumen hat aber wohl nur, wer zuvor viel zu viel Zeug gekauft und angesammelt hat. Marie Kondo hat jedenfalls Ordnung in viele Schränke, Keller und Garagen gebracht, sie ist leider aber auch nicht ganz unschuldig an neuen Müllbergen. „Vielleicht wäre es besser gewesen“, sinniert Maja Göpel, „alle diese Sachen erst gar nicht zu gekauft zu haben?“ Wer alle Sachen draußen hat, die sie oder ihn nicht glücklich machen – nach diesem Kriterium läuft das bei der KonMari-Methode – die wird wohl wieder viele Sachen kaufen wollen, die vielleicht dann doch glücklich machen. Wenn nicht, halt wieder raus. Aber vielleicht könnte nach einer Aufräum-Katharsis à la Kondo ja auch einfach bewusster und gezielter konsumiert werden?

Wichtig zu verstehen ist, dass das, was wir in der Regel für ein Produkt bezahlen, nicht dem entspricht, was das Produkt in Wirklichkeit kostet. Umweltschäden etwa werden fast nie mithinein gerechnet. Das heißt: Nachhaltig und fair produzierte Kleidung ist nicht zu teuer, sondern konventionell produzierte ist viel zu billig. Oder bei Luxusmarken sind die Margen der Brands viel zu groß. Maja Göpel führt aus, dass „der Wohlstand der westlichen Welt zu weiten Teilen darauf beruht, dass wir seine wahren Kosten nicht selbst tragen“. Wir können also nur deshalb so konsumieren und so leben, wie wir das tun, weil die Kosten externalisiert werden. Ist das wirklich so schwer zu verstehen? Wieso lernen wir das nicht schon in der Schule? Dann wäre es vermutlich nicht mehr cool unter Teenagern nach der Lockerung des Lockdowns in Schlangen vor den Fast Fashion-Tempeln anzustehen und mit prall gefüllten Tragetaschen wieder herauszukommen.Susanne Barta Foto_6_CottonFarmer

Die Fashion-Industrie ist, wie in diesem Blog schon einige Male zu lesen war, gerade schwer in der Krise. Corona hat noch deutlicher gezeigt, wie groß die Schieflage und wie fragil das System ist. Aber hier scheint einiges in Bewegung gekommen zu sein. Auf der von mir immer wieder zitierten Branchenplattform Bof (The Business of Fashion) wird unter dem Motto „Can fashion clean up it’s act?“ aktuell einige Wochen über nachhaltige Praktiken nachgedacht, über Veränderungen diskutiert und Best-Practice-Beispiele vorgestellt. Das gab es bisher noch nie. Nachhaltigkeit als Schwerpunktthema und das Eingeständnis, dass es so nicht weitergehen kann, denn die Branche stütze sich in den meisten Fällen auf ein Modell, das grundsätzlich ressourcenverschwendend und ausbeuterisch ist. „Von der Luxus-Mode bis zur Fast-Fashion baut sich Druck auf, damit der Wandel kommt – und zwar schnell.“Susanne Barta Foto_7_Credit_Fairtrade Foundation_PURECOTZ - CUTTING-2_cmyk

Auf etwas zu verzichten scheint durch die Corona-Erfahrung nicht mehr so unpopulär zu sein wie zuvor. Ohne Verzicht wird es nicht gehen, davon ist Maja Göpel überzeugt. Sie ist auch sehr klar in der Bewertung unseres Lebensstils: „Ich kann ja nur auf etwas verzichten, das mir nach der Lage der Dinge zusteht. Der Wohlstand, in dem die westliche Welt lebt und an dem sich viele Entwicklungsländer orientieren, hätte nach den Regeln der Nachhaltigkeit gar nicht erst entstehen dürfen. So gesehen heißt Verzichten in reichen Ländern – mit panzerartigen Trucks zum Distinktionskonsum und Aufräumratgebern zum beherzten Wegschmeißen – eigentlich nicht mehr und nicht weniger, als darauf zu verzichten, den Planeten zu ruinieren, und dafür die Lebensgrundlagen der Zukunft zu erhalten.“

Und so, führt Maja Göpel aus, kann es gehen:
„Vom Produkt zum Prozess.
Vom Förderband zum Kreislauf.
Vom Einzelteil zum System.
Vom Extrahieren zum Regenerieren.
Vom Wettkampf zur Zusammenarbeit
Von Unwucht zur Balance.
Vom Geld zum Wert.“

Susanne Barta Foto_8

Das Buch von Maja Göpel „Unsere Welt neu denken. Eine Einladung“ ist im Ullstein Verlag erschienen.

 

Fotos: (1) © k8_unsplash; (2) © alexander-popov_unsplash; (3) © hermes-rivera_unsplash; (4) © green_parks_fashion revolution; (5) © Anna Schuster; (6) © CottonFarmer_fashion revolution; (7) © Fairtrade Foundation_PURECOTZ_fashion revolution; (8) © Susanne Barta; Bluse und Jacke > Secondhand, Kleopatra, Bozen; Schuhe > Secondhand, Wams, Innsbruck; Jeans > Secondhand, NYC

 

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