Music

March 19, 2019

Was mich und mein Tun durchzieht: Der Musiker Andreas Schett

Maria Oberrauch

Andreas Schett hat einiges in petto. Er ist Trompeter, Sänger und Komponist der Musicbanda Franui und bringt zweimal jährlich die Kulturzeitschrift Quart von Nordtirol aus in die Welt. Das Design- und Kommunikationsbüro Circus  und das Musiklabel col legno runden das Bild des Universalisten Schett ab. Auf ein paar Worte zwischen Region und Weltenläufigkeit und wie man Kunst nicht nur macht, sondern ihrem Wert gerecht rahmt …

Im Februar lief im Stadttheater Bozen für zwei Vorstellungen die Eigenproduktion „Option. Spuren der Erinnerung“. Hat sich das Stück seit 2014 irgendwo entwickelt oder bleibt alles beim Alten? 

Es gab abgesehen von den Abendvorstellungen auch ein paar Schülervorstellungen und es war beeindruckend, wie still und aufmerksam die Schüler waren … Es ist aber auch stark, die Zeitzeugen so auf der Bühne zu erleben und gerade bei ihnen, diesem zentralen Element des Stücks, hat sich einiges getan: Dass die Hälfte von ihnen nur mehr auf Video gezeigt werden kann, macht schon nachdenklich und zeigt, dass der Zeitpunkt für dieses Theaterstück gerade noch rechtzeitig gefunden wurde. csm_Option_Ensemble_Foto_Gregor_Khuen_Belasi

Franui hat die musikalische Komponente zum Theaterstück entwickelt. Wie?

Das hat ganz stark mit Begleitung zu tun, die Musik muss die Berichte der Zeitzeugen auf angenehme Art unterstreichen. Wir haben uns damals mit der Sammlung Quellmalz beschäftigt. Mit der tragischen Geschichte entstand ein unglaubliches Archiv an Material. Was wir tun, ist uns die Frage zu stellen, wie wir uns auf das, was vorzufinden ist, beziehen können und es in unsere Zeit übersetzen. Ist es authentisch, ist es richtig? Es gehört immer auch dazu, viele Fragezeichen aufzuwerfen. 

Musiktheater ist inzwischen fester Bestandteil eurer Repertoires …

Ja, wir waren gerade mit Familie Flöz an der Berliner Staatsoper, einer Truppe, die mit Masken arbeitet, und es ist unglaublich, mit welcher Ausdruckskraft sie diese starren Masken spielen können. Die wunderbaren Sänger Florian Bösch und Anna Prohaska haben das Stück gesungen.

Franui ist viel unterwegs und das mit einem ziemlich facettenreichen Programm. Wie geht das? 

Wir machen seit über 25 Jahren zusammen Musik, da gibt es auch Vieles, das man gar nicht so aufschreiben kann. Der Wechsel zwischen den Programmen ist im Vergleich zu anderen Gruppen enorm, aber die Stücke kommen so immer wieder in einen neuen Kontext und das tut dem Franui-Katalog sehr gut. Für einen Liederabend mit Hans Magnus Enzensberger beispielsweise haben wir seine Gedichte und unsere Musikstücke miteinander verbunden, eine wunderbare Erfahrung, 20 Jahre alte Kompositionen auf diese Weise neu zu kontextualisieren. 

Ein Großteil der Gruppe stammt wie du aus Osttirol. Wie ist der Bezug zum Herkunftsort?

Ausgangspunkt für Franuis und auch meine persönliche Entwicklung war der Plan, in unserem Geburtsort Innervillgraten ein Festival zu organisieren. Das Unterfangen war utopisch. Wir wollten die bäuerliche Kultur mit der zeitgenössischen Kunst vermählen und das auf 1.400 Metern. Das Haus, das wir als Festivalzentrum nutzen wollten, wurde wenige Tage nach der Ankündigung abgefackelt. Ich denke, die Gegner des Festivals waren im Grunde viel weniger als die Befürworter, aber sie haben nun mal härter durchgegriffen. Es war eine wichtige Erfahrung für mich, aber an einem Punkt wie diesem kann man nicht mehr wie vorher weitermachen. Man sucht neue Wege. Ich lebe nun schon seit langem in Wien und  könnte nicht mehr zurück nach Osttirol oder in eine andere Provinz.

Obwohl Osttirol ein wenig mehr Kunst- und Kulturförderung gut gebrauchen könnte, wenigstens von außen ist das der Eindruck …

Aus Osttirol kommen viele interessante und erfolgreiche Menschen, aber sie gehen alle weg und kommen nicht wieder. Es gibt keine Arbeit für Menschen mit einem gewissen Ausbildungsniveau. Das Weggehen ist endgültig, das weiß jeder in Osttirol. 

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Es kommt mir ein wenig so vor,  als hätte gerade diese Erfahrung,  dass bestimmte Strukturen, die da sein sollten, aber nicht da sind, dazu geführt, dass du auf allen möglichen Ebenen fungierst: Nicht nur als der Künstler, sondern auch als derjenige, der den Träger, das Medium produziert: Ein  Kreativbüro, eine Kulturzeitschrift, ein Plattenlabel … 

Vieles entsteht zuerst einmal absichtslos. Von einer Kuhflade in die nächste steigen, sagen wir bei Franui dazu. Nach der Geschichte mit dem Festival motivierte mich ein Freund dazu, das Büro für visuelle Kommunikation zu gründen, Circus. Über Circus lief dann auch die Gestaltung und Herausgabe des Quart

Wie kam es zu Quart?

In Nordtirol gab es lange die Kulturzeitschrift „Das Fenster“. Vor 16 Jahren wurde der Wettbewerb neu ausgeschrieben und wir sahen es als unsere Herausforderung das Format neu zu erfinden, denn es geht bei einer Kulturzeitschrift schon lange nicht mehr darum, jungen literarischen Talenten ihre Plattform zu geben, das läuft heute auf ganz anderen Kanälen ab.

Das Schöne an Quart: Es geht nicht nur um den Inhalt, sondern um die Zeitschrift als Ganzes, als etwas haptisch erlebbar in sich Geschlossenes …

Oh ja, Quart ist ganz eindeutig ein Bekenntnis zum Analogen. Mit den linken Seiten als editorisches Prinzip entsteht die Kunst für das Heft und nicht umgekehrt. Jede Ausgabe ist für sich ein kleines Kunstwerk, weil vieles ineinander greift und die exzellenten Köpfe, die man hier versammelt, unterirdisch in einen Dialog treten. Ich bin der Überzeugung, dass man eine Region kulturell abbilden kann, ohne nur Mitteilungsblatt zu sein. Quart ist eine Hinwendung zum regionalen in Verbindung mit dem Weltläufigen, das ist es im Grunde, was auch mich und mein Tun durchzieht.

Gilt das auch für das Plattenlabel col legno?

col legno war schon lange, bevor ich dazu stieß, ein wichtiges Label für Neue Musik. Anfang der 2000er kam es in wirtschaftliche Schwierigkeiten, ein Wiener Finanzier hat es übernommen und mich gebeten, ihm mit der Weiterführung zu helfen. Ich habe das Programm neu erfunden, mit Circus haben wir das Design neu gestaltet. Ich denke, es wird sehr viel gute Musik geschrieben, aber vieles vergammelt irgendwo im Netz oder auf Festplatten herum. Musik muss dokumentiert werden. Mittlerweile haben sich die Finanziers aus dem Staub gemacht und ich führe das Label allein. Da ist viel Herzblut drin, Liebhaberei bedeutet aber immer auch viel Leerlauf und Zeit. 

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Was für Musik produzierst du aktuell?

Wir produzieren nach wie vor viel Zeitgenössisches, aber auch Musiker, die mit der aktuellen Volksmusik-Welle laufen, wie Alma und Federspiel. Wir haben die Schiene „bright colors“ für junge Musiker erfunden,  toll sind Ketan Bhatti mit „Nodding Terms“ oder Christian Winther Andersen.

Auch Franui läuft unter col legno …

Es ist natürlich ideal, den Rahmen für die eigene Musik selbst gestalten zu können. Es ist gut, dass sich die zeitgenössische Musik der Weltmusik wieder ein bisschen öffnet. Die Neue Musik ohne Melodie, ohne Rhythmus, ohne Harmonie, als dieses möglichst amorphe, abstrakte und instabile, war genial und wichtig zur Aufarbeitung der Kriegsjahre. Aber auch das Tonale hat Qualitäten. Dass man heute volksmusikalische Elemente verwenden kann, ohne dass die Nase gerümpft wird, war ein langer Prozess. Franui wurde oft in der Volksmusik-Bewegung subsummiert, obwohl wir abgesehen von den verwendeten Instrumenten nichts damit zu tun haben. Die haben es aber in sich, auf das Spektrum von Zither und Hackbrett möchte ich nicht verzichten. 

Fotos: Gregor Kuen Belasi, Julia Stix, Franui

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