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September 3, 2013

Tumler-Literaturpreis-Finalist Jonas Lüscher debütiert mit „Frühling der Barbaren“: „der Firnis der Zivilisation ist ein dünner“

David Klotz
Zum vierten Mal wird am 19. September 2013 in Laas der Franz-Tumler-Literaturpreis vergeben. Nominiert sind fünf deutschsprachige Erstlingsromane von Newcomer-Autorinnen und -Autoren. Einer davon ist der Schweizer Jonas Lüscher mit seinem Debüt „Frühling der Barbaren“.

Wer kennt sie? Freunde, Verwandte oder auch Bekannte, die nicht einfach so mal eine Geschichte erzählen können. Es sind diejenigen, die erzählen wollen, wen sie am gestrigen Abend getroffen haben und dabei beim Frühstück anfangen. Diejenigen, die genau wissen, welche Worte sie verwenden müssen, wann eine dramatische Pause der Erzählung gut tut, wann man mit Zusatzinformationen glänzen kann und an welcher Stelle der Erzählung man während eines Spaziergangs einfach stehen bleiben muss.

So ein Mensch ist Preising und so eine Geschichte erwartet uns in „Frühling der Barbaren“. Wir sind passive Zuhörer zweier Insassen einer Psychiatrie, die einen Spaziergang machen. Dabei erzählt der Fabrikerbe Preising seinem depressiven Mitinsassen von seinem Erlebnis in Tunesien. Er war zu einer Geschäftsreise in ein Ressort eingeladen worden, wo sich zufällig auch eine englische Hochzeitsgesellschaft befand. Das junge Brautpaar und deren unzählige, ebenso junge wie reiche Freunde genossen den Luxus in überschwänglicher Weise. Bis Großbritannien den Staatsbankrott verkündete. Sprichwörtlich über Nacht wurde die Gesellschaft ihrer Existenz beraubt und verfällt großteils dem Wahnsinn.

Doch dieser Teil der Geschichte, das Herzstück (so möchte man zunächst meinen), wird schnell erzählt – wie es in solchen Geschichten meistens der Fall ist. Der Weg ist das Ziel und der ist äußerst kunstvoll geformt und mit zahlreichen Wendungen, Auf und Abs geschmückt.
Die Geschichte ist gleichsam verstrickt und verschachtelt wie der Erzählstil selbst. Lange, überschwängliche Sätze und Detail-Beschreibungen erinnern an frühere Erzählweisen. Zunächst ungewohnt verleiht aber gerade dies der Geschichte die richtige Würze und wirkt niemals künstlich. Wort für Wort wird die Gesellschaft direkt oder indirekt an den Pranger gestellt.
Am Ende weist Lüscher uns noch auf unsere Ignoranz und die Kurzlebigkeit der allerschlimmsten Probleme hin: „Was mir Preising hier also präsentierte, war eine Variante der Erzählung ‘Wo ich gerade war, als England den Staatsbankrott erklärte’, ein Genre, welches die Erzählung ‘Womit ich am 11. September gerade beschäftigt war’ abgelöst hatte“.

Und nun lassen wir den Autor selbst, Jonas Lüscher, zu Wort kommen.

Der Titel Ihres Buches beschreibt wohl das tragische Ende der erzählten Geschichte. Aber wollten Sie auch auf unsere gesamte Gesellschaft anspielen? 

Jonas Lüscher: Ja, sicherlich. Es bringt etwas pointiert meine Sorge zum Ausdruck, dass der Firnis der Zivilisation nur ein dünner ist.

An wen haben Sie ihr Buch gerichtet? Kann man annehmen, dass Sie die neue Generation von Neureichen anprangern? 

Anprangern möchte ich niemanden. Der Pranger scheint mir eine Einrichtung, die wir glücklicherweise überwunden haben. Gerichtet habe ich das Buch an niemand spezielles. Man kann sich seine Leser ja – glücklicherweise – nicht aussuchen. Zudem denke ich beim Schreiben nicht an den Leser bzw. nur an mich als Leser. Ich versuche Texte zu schreiben, die ich selber gerne lesen würde.

Wie kam es zur Auswahl Ihres Erzählstils?

Er erschien mir zum einen angemessen für die Form der Novelle, aber eben auch ein spannungsvoller Kontrast zum aktuellen Thema.

Sie vermeiden gezielt, Charaktere äußerlich bis ins Detail zu beschreiben, warum?

Weil ich Beschreibungen von Äusserlichkeiten in der Regel etwas fade finde und man sich im Rahmen einer Novelle auch sehr beschränken muss. Da lässt man am besten weg, was man getrost dem Vorstellungsvermögen des Lesers überlassen kann. 

Die gesamte Geschichte und auch das spätere Abtun des Geschehens als weiteres belangloses Gesprächsthema unter dem Motto „Wo warst du, als…“ legt eine kritische Gesellschaftsansicht nahe. Wie würden Sie sich beschreiben? Sind Sie ein Pessimist, ein Realist oder sind diese Begriffe unzureichend?

Ja, diese Begriffe sind eher unzureichend. Es ist immer auch etwas eine Frage der Tagesform. Aber ich würde vielleicht sagen, dass ich versuche realistisch und doch immer auch optimistisch zu sein. Wozu sonst das Ganze?

Und noch einige Details zu Jonas Lüscher (* 1976): Ausbildung zum Primarlehrer in Bern, einige Jahre in einer Filmproduktion in München als Dramaturg und Stoffentwickler. Studium an der Hochschule für Philosophie, München, dann   wissenschaftlicher Mitarbeiter am Institut TTN (Technik-Theologie-Naturwissenschaften) an der Ludwigs-Maximilians-Universität München und als Ethiklehrer an der Staatlichen Wirtschaftsschule München. Seit Februar 2011 ist Jonas Lüscher Doktorand an der Professur für Philosophie der ETH Zürich über das Thema „Bedeutung von Narrationen für die Beschreibung sozialer Komplexität vor dem Hintergrund von Richard Rortys Neo-Pragmatismus“.
Stipendien und Auszeichnungen:
2012/2013 Stipendium des SNF als Visiting Researcher am Comparative Literature Department der Stanford University (USA).
Publikationen (Auswahl):
Jonas Lüscher/Michael Hampe: Richard Rorty, In: Konersmann, Ralf (Hg.): Handbuch Kulturphilosophie. Stuttgart/Weimar: Metzler Verlag, 2012
Jonas Lüscher: Jetzt, Libretto zu einer Oper von Mathis Nitschke. Uraufgeführt an der Opéra National Montpellier am 30. November 2013
Debüt:  „Frühling der Barbaren“ München: C.H. Beck

Mehr Informationen zum Franz-Tumler-Literaturpreis findet ihr hier: www.tumler-literaturpreis.com

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