Music

November 29, 2012

“Jeder Bus, der vorbeifährt kann zur Musik werden” – ein Gespräch mit Hang-Spieler Manu Delago

Wolfgang Nöckler

Ich gestehe: Als ich den Namen Manu Delago hörte war mir nur klar, dass ich ihn vielleicht mal irgendwo gehört hatte. Doch richtig einordnen konnte ich ihn nicht. Jene Musikliebhaber, denen Hang-Töne ein Begriff sind, mögen vielleicht rufen: Blasphemie, doch auch wenn man sich mit seinen Interessen – wie ich – nicht gerade im Mainstream, aber doch tief drin in der Musik befindet, muss man ihm nicht zwangsläufig schon einmal begegnet sein, diesem Manu Delago, der sich von Innsbruck aus aufgemacht hat, um musikalisch die Welt zu erobern. Hotchpotch, okay, eine Innsbrucker Band. Hab ich gehört, damals. Und mitbekommen, dass sie 2003 den Austrian Band Award gewonnen haben. Aha, da hat Delago Schlagzeug gespielt? Ein Indiz. Ein Schritt. Sein Musikstudium in Innsbruck: ein weiterer. Die Entdeckung des erst seit dem dritten Jahrtausend existierenden Percussion-Instruments Hang: noch einer. Und der Weg schritt voran. Er komponierte Lieder für dieses besondere Instrument, und das mit immensem Erfolg. Sein Video mit zwei Hangs auf Youtube hat mit über vier Millionen Klicks längst ausgesorgt. So schnell wird es wohl nicht wieder in der virtuellen Versenkung verschwinden. Der nächste Schritt war Bewegung. Es zog ihn in die Ferne, genauer: nach London, wo er nun bereits seit fünf Jahren lebt. Und wächst. Heute sagt Björk über ihn: amazing percussionist and Hang player – und die Times nennt Delago a virtuoso on the Hang. Er ist also angekommen, in der Oberliga der Musikschaffenden. Eine gewisse Vielfältigkeit zeichnet ihn aus und die Bewegung auf mehreren Beinen (und ich meine jetzt nicht damit, dass er, als wir uns zum Gespräch getroffen haben, gerade auf Krücken unterwegs war). So verwirklichte er seine neuesten Arbeiten gemeinsam mit dem Chor des London Symphonic Orchestra, wird nächstes Jahr wieder mit Björk auf Tour sein, sowie mit der indischen Sitar-Spielerin Anoushka Shankar. Hat mehrere Projekte am Start und wird am 8.12.2012 mit einem davon – HANDMADE – in Wattens in Tirol zu hören sein…

Das Hang ist ein junges Instrument, das sich aber einer stetig wachsenden Fan-Gemeinde erfreut. Du bist weltweit einer der bekanntesten Spieler dieses aus der Schweiz stammenden Instruments. Wie bist du dazu gekommen?

Ursprünglich hat mein Vater (ein in der Tiroler Musikszene bekannter Name, A. d. R.) dieses Instrument im Internet entdeckt – und mich hat es von Anfang an fasziniert. Wir haben uns dann gemeinsam eines gekauft, aber ich war dann derjenige, der immer mehr und mehr darauf gespielt hat. Es hat sich für mich super – und richtig angefühlt. Es vereinte genau jene Instrumente, die ich damals spielte – Percussion, Marimba, Klavier… Ich hab’ mir dann noch eines besorgt, und noch eines. Und es wurde allmählich zu einem meiner Hauptinstrumente. Und seit 2005/2006 komponiere ich auf dem Hang.

Wieso gerade Hang?

Für mich ist es inzwischen neben dem Schlagzeug das Hauptinstrument geworden. Wie gesagt, es vereint Sounds und Möglichkeiten von anderen Instrumenten, außerdem bietet es die Möglichkeit, Neues zu kreieren. Ich verwende es in vielen meiner Kompositionen, aber nicht in allen.

…und inzwischen bist du auf diesem Instrument, wenn man so sagen kann, in der obersten Liga angekommen?

Na ja, in der Hangwelt gibt es keine Helden des letzten Jahrhunderts, sozusagen, da das Instrument ja erst 2000/2001 auf den Markt gekommen ist. Es gibt nicht so viele Leute, die Hang spielen, keine große Geschichte dahinter. Das ist natürlich eine riesen Chance und schafft Möglichkeiten. Ich versuche Sachen zu kreieren, die neu sind, die es noch nicht gegeben hat. Mache auch viele Experimente, mit klassischen Musikern, großen Besetzungen. Mit Orchester, mit Chor… etwa auf meiner neuen CD – darauf findet sich ein Stück mit Hang und dem Londoner Symphonie Orchester, eines mit Hang und Chor…

Und, was bringt die Zukunft. Ist eine Welt vorstellbar, in der es ein Hang-Stück in die Charts schafft?

Na ja. Eher weniger. Es findet sich ja eigentlich überhaupt keine Instrumentalmusik in den Charts. An die Musikindustrie in Richtung Charts denk ich weniger, ehrlich gesagt. Das fühlt sich für mich ziemlich weit weg an.

Du lebst jetzt seit etwa fünf Jahren in London. Was hat London, was Innsbruck nicht hat?

(lacht) London hat fünf Flughäfen, das ist ein Schlüsselkriterium für mich… Aber generell ist London extrem multikulturell und international, man hat dort sehr viele Möglichkeiten. Du kannst jeden Tag aus 500 Konzerten auswählen, was du sehen oder hören willst, überall ist was los. Das ist sehr inspirierend, ebenso wie es inspirierend ist, mit so vielen verschiedenen Kulturen konfrontiert zu sein .Und das bietet natürlich die Chance, dass man selber mitwachsen kann. Für mich ist es eine Herausforderung, in einer Stadt, in der es so viele Musiker und Künstler gibt, was aufzubauen, mich inspirieren zu lassen und eben mich weiter zu entwickeln.

Das klingt so, als würdest du in London noch ein Weilchen bleiben wollen. Oder gibt es bereits Pläne für weitere Schritte, geographisch, oder generell?

Geographisch: nein, vorerst werde ich sicher mal noch in London bleiben. Es kann aber gut sein, dass es mich irgendwann wieder woanders hin zieht.
Musikalisch sind die nächsten Schritte schon klar: nächstes Jahr werde ich wieder auf Tour gehen mit Björk und auch mit Anoushka Shankar (einer indischen Sitar-Spielerin). Ansonsten gibt es viele eigene Projekte. Jetzt, im November wird eine CD erscheinen, im April dann eine weitere, und die nächsten ein, zwei Jahre werde ich sicher mal viel durch die Welt touren. Grundsätzlich habe ich meine drei Säulen, sozusagen: Hang spielen, Schlagzeug spielen, Komponieren… und das funktioniert mal ganz gut…

Wenn man deine Discographie liest, fällt auf, dass du bereits sehr viele Veröffentlichungen vorzuweisen hast.

Ja, es gibt schon einiges von mir. Aber ich veröffentliche nicht alles, was ich schreibe. Und es sind sehr unterschiedliche Sachen. Die Hang Solo-Alben sind relativ ruhig, das Hang kommt dabei sehr gut zur Geltung. Ich muss aber sagen, dass ich live lieber mit einer Band spiele, deswegen bin ich eher mit anderen Projekten auf Tour. Dann versuche ich eben auch zum Beispiel mal experimentelle Kammermusik mit einem Quintett oder verschiedenen anderen Projekten, wie jetzt mit dem Orchester oder auch produzierte elektronische Musik wie letzthin mit Handmade.

Handmade, genau. Damit wirst du am 8.12.2012 in Wattens zu hören sein. Was erwartet das Publikum dort?

Handmade gibt’s seit fünf Jahren, und es war bisher immer sehr kammermusikalisch, bzw. akustische Musik, zwischen Jazz, Klassik und Pop irgendwo. Wir haben uns für das neue Programm einen Produzenten mit an Bord geholt, der hat unseren Sound noch mal ziemlich aufgewertet und es ist jetzt alles um einiges elektronischer. Auch die Live-Show ist durchdachter und kreativer. Zum Beispiel mit komponierter Lichtshow. Mit zusätzlichen Instrumenten, speziellen Glocken…
Das Album erscheint im April 2013, dann wird es eine längere Tour durch Europa geben. Zuvor geben wir aber drei Preview-Konzerte: London, Wien, Wattens, wo wir zum ersten Mal live die neuen Stücke vorstellen. Es geht darum, das Material vor Publikum auszuprobieren, aber natürlich auch darum, etwas Trubel ums neue Programm zu machen, mit den Sounds ins Gespräch zu kommen.

Wenn du sagst: kammermusikalisch – ist dann, wie man meinen könnte, das Publikum ein sehr spezielles?

Nicht unbedingt. Unser Publikum ist eigentlich extrem gemischt. Keine bestimmte Schicht oder Schublade – das reflektiert auch die Musik. Es sagen immer alle Bands: Wir wollen nicht in eine Schublade, aber ich bin froh, wenn das Publikum auch nicht aus einer Schublade kommt.

Reden wir über den Non-Music-Bereich. Was ist dein Ausgleich? Brauchst du einen Ausgleich, bzw. wie sehr besteht dein Leben aus Musik?

Die Musik macht schon einen riesigen Teil meines Lebens aus. Ich meine, Musik findet sich ja überall. Jeder Bus, der vorbeifährt, kann zur Musik werden, gewissermaßen. Zwischendurch suche ich aber schon auch mal die Ruhe. Zum Beispiel am Berg. Ich hab auch immer noch eine sehr starke Verbindung zu Tirol. Vor allem im Sommer ist das meine Lieblingsurlaubsdestination. Tirol, die Berge… aber auch die Dolomiten, da würde ich demnächst mal gern hinfahren…

Du hast deinen Weg also gemacht. Bist dabei, ihn weiter zu beschreiten. Und der Erfolg gibt dir Recht. Was kannst du Musikern „aus dem Volk“ raten, wie macht man seinen Weg, wie schafft man es, zum Beispiel, von der Provinz auf die Bühnen der Welt?

Schwierige Frage. Ich kann ja nur von mir selber sprechen. Aber generell kann ich nur empfehlen, dass man offen sein soll. Viel reisen. Sich vielleicht woanders ansiedeln. Es ist natürlich nicht zwingend, woanders zu leben. Aber das Interesse für andere Kulturen sollte da sein, glaube ich. Da kann man viel lernen…
Was ich aber auch betonen muss: Es muss jedem klar sein, dass viel Arbeit nötig ist. Es ist nicht nur ein Auf-der-Bühne-Stehen vor begeisterten Menschen. Viel Arbeit, viel Üben steckt dahinter. Und teilweise ist es wie ein Bürojob, mit vielen organisatorischen Dingen usw.

Welche Interviewfrage bekämst du gern mal gestellt? Bzw. welche wird dir immer wieder gestellt – und geht dir auf die Nerven?

Auch das ist eine schwierige Frage. Vor kurzem wurde ich gefragt, worauf ich am meisten stolz bin. Da fiel mir spontan ein geschossenes Fußballtor ein, als ich 14 war. Eine nervige Frage hingegen ist die, wie viel ein Hang kostet.

Das geht mich auch gar nichts an. Danke für das Gespräch!

Manuel Delago live zu sehen mit Handmade auf Adventions Tour am Samstag, 8.12.2012 im Hauptschulsaal in Wattens/Tirol, Beginn 20.15 Uhr. Siehe auch www.manudelago.com.

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