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January 12, 2017

Julia Franks scharfer Blick für die Umwelt
[Museion Prize 1]

Max Silbernagl

Für die erste Auflage des Museion Prize hat es Julia Frank bis ins Finale geschafft. Die gebürtige Südtirolerin hat die Jury mit ihrem Werk „The Body is our general medium for having a world“ überzeugt. Nun muss sie sich gegen die anderen drei Finalisten (Invernomuto, Sonia Kacem, Verena Dengler) durchsetzen. 

Der aus Laatsch im Obervinschgau stammenden und in London wohnhaften Künstlerin konnten wir einige Geheimnisse über ihre Arbeit entlocken. Viel habe sie noch vor, sagt sie, und wolle durch ihre Kunst mit ihrem Publikum kommunizieren. Am 26. Januar 2017 trifft sich die Jury und entscheidet, wer am darauffolgenden Tag als Gewinnerin oder Gewinner bekanntgegeben wird. Die Ausstellung ist  bis 12. März im Museion zu sehen.

Worauf willst du mit dem Projekt „The Body is our general medium for having a world“ hinaus? Spielt für dich die starke Belastung der Umwelt durch Plastik und andere Stoffe eine Rolle?

Die Werkreihe „The Body is our general medium for having a world“ visualisiert und thematisiert eine Auswahl von alltäglichen Plastikprodukten, die unseren Organismus bzw. unseren Körper attackieren. Die Belastung der Umwelt durch Plastik bzw. sein Rohmaterial Erdöl war die Basis dieser mittlerweile zweijährigen Recherche und Studioproduktion. 
Das Ziel der im Museion gezeigten Werkreihe ist es die physischen Angriffe sichtbar zu machen; dem/der Betrachter/in keine wissenschaftliche Studie vorzulegen, sondern ihr/ihm einen visuellen, objektiven und kritischen Zugang zu dieser komplexen Thematik zu ermöglichen. „The body is our general medium for having a world“ soll zur Reflexion anregen und an die Erkenntnis appellieren. Denn bei der Herstellung von Kinderspielwaren, Reinigungsmitteln, Kosmetikprodukten und Lebensmittelverpackungen werden immer noch Phthalate als Weichmacher beigemischt – trotz ihrer gesundheitsschädlichen Nebenwirkungen. In Europa wurden einige dieser Weichmacher für Kosmetikprodukte verboten, doch längst nicht alle dieser chemischen Stoffgruppe. Die aggressiven chemischen Substanzen, gelangen durch das einatmen, die orale Aufnahme oder direkt über die Haut ins Blut.  Eine Studie an Mäusen, aus dem Jahr 2015 in der Schweiz, belegt dass Chemikalien das Erbgut verändern können. Epidemiologen am Imperial College in London fanden heraus, das Hypospadien – die (häufigste) angeborene Fehlbildung des männlichen Genitals – durch die berufliche Wahl ihrer Mutter herbeigeführt wird. Leider waren die meisten von ihnen in Kontakt mit (viel) Haarspray. Die Spermienzahl bei jungen Männern sinkt in industrialisierten Ländern. 2016 verwies eine Studie der Harvard T.H. Chan School of Public Health darauf, dass Weichmacher bei Frauen ein erhöhtes Risiko für Schwangerschaftsdiabetes bergen und zu Fehlgeburten führen können. 
Es gibt eine beträchtliche Anzahl von Studien, die zum Großteil mit Tieren (Mäusen) durchgeführt werden, aber leider gibt es keine definitive Gewissheit. Die synthetische Materie wurde in die Konsumgesellschaft impulsiv eingeführt, ohne nachhaltige Tests, und die Nebenwirkungen sind immer noch nicht zur Gänze bekannt. 

In welcher Relation stehen die einzelnen Objekte zueinander?

Die vier Objekte mit den Titeln – to eat, to toy, to maintain, to clean – sind Produkte, die wir täglich entweder kaufen, konsumieren und/oder verwenden. Zu jedem Produkt gehört eine bestimmte Handlung, die mit dem assoziierten Titel unterstrichen wird. In ihrer Gesamtheit lassen die Produkte auf ein familiäres und häusliches Umfeld schließen. Bewusst habe ich mit der Produktauswahl auch auf die biologische Familie hinweisen wollen, da Erziehung hinsichtlich der Auseinandersetzung damit eine wichtige Rolle spielt. An und für sich, weist „to maintain“ wahrscheinlicher auf die Frau hin und „to toy“ direkter auf das Kind. Doch verweigern alle vier Objekte eine klar definierte Gender-Zugehörigkeit. Diese ungewisse Gender-Kategorisierung ist die Grundlage der physischen Fragestellung. Was ist es, wenn der Mensch es nicht (mehr) identifizieren kann. Feminin? Maskulin? Hybrid? 

Wie kann man sich das Prinzip der Aktivierung von Objekten vorstellen? 

Ich stelle mir das so vor:
A Gegenstand (ästhetische Anziehung/Nutzen) < B > Mensch = C. Aktivierung durch  Kontakt/Funktion; D. Bedarf/Verbrauch – Zeit. 

Übersetzung des oben angeführten Beispiel: 
Raphael entscheidet sich ein Auto zu kaufen. Er schaut sich Angebote im Internet an und besucht einige Autohäuser und Händler. Schlussendlich entschließt er sich für einen silbernen Fiat Punto. Er kauft ihn günstig und fährt jetzt das Tal rauf und runter. Tage später muss er zurück zum Autohaus: Türschloss und Autoradio sind defekt. museion_toeat_juliafrank

Wie funktioniert der Austausch von Publikum und Künstlerin, den du mit deinen Werken erreichen möchtest? 

Als Künstlerin versuche ich bei jedem Projekt ein Gewebe zu spinnen, das den thematisierten Inhalt, das künstlerische Produkt und den Austragungsort vernetzt. Das Ziel ist es, in eine aufnahmefähige, mitwirkende (der Betrachter wird bzw. kann Einfluss nehmen) und authentische (Erfahrungsaspekt) materielle Realität einzutreten: Der Betrachter selbst bestimmt über seine individuelle Orientierung.  

Inwieweit können sich Umwelt und Körper formen? Gibt es hier eine Grenze? 

Liebe Leser und Leserinnen, eine Grundsatzfrage, um eure Fantasie anzuregen: 
Ich habe meine eigene Vorstellung davon. Eine davon ist: „The body is our general medium for having a world“. 

Wo fühlst du dich zuhause, in London oder in Laatsch? Inwieweit fließen Einflüsse aus deinem Geburtsort in deine Werke mit ein? 

Ich fühle mich überall dort Zuhause, wo ich willkommen bin. Laatsch und seine ca. 600 EinwohnerInnen generieren ein aktives Dorfleben. Die Dorfgemeinschaft ist sehr verbunden und ich schätze die Solidarität jedes einzelnen. Wann immer man um Hilfe bittet, wird man diese auch umgehend erhalten. Müsste ich die vielen Namen derjenigen Helfer und Unterstützer auflisten, die immer präsent waren, dann müsste ich mich für meine Vergesslichkeit schämen. 
London ist der große Kontrast zum Gewohnten und Behüteten. Eine Metropole, die mir unersättliches kulturelles Angebot und intellektuellen Austausch bietet. Zeitgleich ist die Stadt eine automatisiertere Olympiade. Wer nicht Leistungsfähig ist und bleibt, wer nicht funktioniert, wer nicht kämpft, der hat bereits (sich) verloren.
Die Wechselwirkung dieser beiden unterschiedlichen Realitäten sind ein schöpferischer Reichtum. museion_LorenzSchreibtTitel_juliafrank

Was hat dich dazu veranlasst oder inspiriert, dieses Projekt zu verwirklichen und vorzustellen? 

In den letzten zwei Jahren beschäftige ich mich mit der Substanz „Erdöl“, seiner Förderung, Transformation und Einwirkung auf die Umwelt. Nach der Herstellung der Arbeit „tire, ein Autoreifen aus Bitumen, Asphalt und Beton, entstand die Installation „It’s all about the journey“, die sich in erster Linie mit dem historischen Abbau, der Förderung und dem Transport von Erdöl beschäftigt hat. Nach dieser ersten Auseinandersetzung mit der Materie manövrierte meine Neugierde zum greifbaren –  dem Menschen und seinem Umfeld. 

Was ist dein Pluspunkt gegenüber deinen KonkurrentInnen? Und warum glaubst du, hast du es verdient zu gewinnen? 

Ich kenne die anderen KünstlerInnen leider zu wenig, um diese Frage konstruktiv zu beantworten. Eine Fachjury wird darüber entscheiden, deren Kriterien und Geschmäcker ich nicht kenne. Möge die oder der Glückliche gewinnen. Schlussendlich lässt sich auch in der Kunst einfacher Kunst machen und leben, wenn man finanziell dazu in der Lage ist.  

Welche Projekte hast du in Zukunft geplant? 

Ein Ausstellungsprojekt in Tel Aviv. 
Eine Künstlerinnenresidenz im Frühjahr.
Die Recherche und Veredelung einer aktuellen Werkserie.
Einen Arbeitsaufenthalt in Brüssel.  

Was würdest du mit dem Preisgeld machen, falls du gewinnen würdest?

Falls ich gewinnen würde, mache ich etwas Sinnvolles damit. 

Fotos (1) (2) (3): courtesy of the artist

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