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September 29, 2014

Oltre la facciata – Hinter der Fassade. Backstage #02

Text Sarah Trevisiol
Photography Matteo Vegetti
Sarah Trevisiol, Sozial- und Kulturanthropologin aus Bozen, ist Leiterin des Projektes "Hinter der Fassade" des Kulturvereins Sagapò Teatro: Persönliche Geschichten bringen Menschen zusammen und lassen Empathie entstehen. Dabei gilt es nicht Mitleid zu erregen, sondern vielmehr Verständnis und Respekt für's Anderssein zu entwickeln. Hier die zweite Folge der Serie – online jeweils jeden Dienstag auf franzmagazine.

Nicht im Hass offenbart sich die schlimmste Sünde gegen unsere Mitmenschen, sondern in der Gleichgültigkeit!
George Bernard Shaw

Das Projekt “Hinter der Fassade” verleiht denjenigen eine Stimme, die gewöhnlich ignoriert und an den Rand der Gesellschaft gedrängt werden. Durch die Auseinandersetzung mit den Geschichten dieser Menschen wird es hoffentlich auch möglich, sich der eigenen Vorurteile bewusster zu werden und diese zu hinterfragen. Einsamkeit kann ein Leben radikal verändern, eine ausgestreckte Hand oder ein Lächeln hingegen können neue Kraft verleihen.Erzählt werden die Geschichte eines Obdachlosen, eines Flüchtlings  und einer Person mit Abhängigkeitsproblemen; man könnte aber genauso gut die Erfahrungen vieler anderer Menschen einbringen, die täglich Ausgrenzung und Einsamkeit erleben.02 Oltre la facciata - Hinter der Fassade – Matteo VegettiEigentlich begegnen uns ständig Menschen, die wir nicht wahrnehmen: Wir übersehen den Nachbarn im Rollstuhl oder den jungen Mann an der Ecke, der die Hand nach Münzen ausstreckt; wir vergessen, den Großvater mit psychischen Problemen zu besuchen, oder stempeln spätabends eine Prostituierte am Straßenrand mit abwertendem Blick ab. Wir verurteilen diese Menschen, ohne zu wissen, was sie effektiv erlebt haben, ohne ihre Geschichten hören oder verstehen zu wollen.Würden wir diesen Geschichten aber mehr Aufmerksamkeit schenken, würden wir nicht nur verstehen, dass Schicksalsschläge jeden treffen und Menschenleben zerstören können, sondern vielleicht auch lernen, kleine Gesten – wie z. B. ein Lächeln – schätzen zu lernen und bewusst einzusetzen. Denn oft genügt es, die Menschen mit Achtung zu behandeln, sich beim Vorbeigehen nicht weg zu drehen, sondern einfach Hallo zu sagen, im Autobus nicht Platz zu wechseln oder auch abwertende Bezeichnungen zu vermeiden.03 Oltre la facciata - Hinter der Fassade – Matteo VegettiIn den vergangenen Monaten bin ich zahlreichen Menschen begegnet: Einige davon wollten sich mir öffnen und erzählen, andere schämten sich und mieden mich, einige waren wütend und wieder andere resigniert und frustriert. Dank der Unterstützung des Vereins Volontarius und der Caritas hatte ich aber die Möglichkeit, mich  mit einigen dieser Menschen mehr als nur einmal zu treffen, wodurch zwischen uns eine Vertrauensbasis entstand. Stellvertretend für all jene Menschen, die am Rande der Gesellschaft leben oder sich alleingelassen fühlen, sollen hier in der Folge drei Geschichten vorgestellt werden.04 Oltre la facciata - Hinter der Fassade – Matteo VegettiDie wahre Identität der Menschen hinter diesen Geschichten bleibt anonym – genauso unscheinbar wie sie in den Augen vieler BürgerInnen sind. Die Paneele, auf denen die TeilnehmerInnen abgebildet sind und die ab 2.10.2014 an verschiedenen Orten in Bozen auftauchen werden, verbergen  die wahren Gesichter der Menschen hinter verschwommen Fotografien.

“Hinter der Fassade” möchte alle dazu auffordern, den Geschichten ein Gesicht und einen Namen zu verleihen. Denn jeder von uns hat Menschen um sich, die alleine sind und sich ausgeschlossen fühlen. Man muss nur gut genug hinsehen.05 Oltre la facciata - Hinter der Fassade – Werkstatt Der Kirschbaum – Matteo VegettiBackstage: geschützte Werkstatt “Der Kirschbaum”

Die Strukturen selbst wurden von Menschen mit Behinderung und in psychischer Notlage in der Werkstatt “Der Kirschbaum” des Sozialdienstes Bozen erstellt. – Ein großes Dankeschön gilt allen Beteiligten.

Falls Ihr euch auch aktiv am Projekt beteiligen möchtet, kommt am Donnerstag, 2. Oktober 2014 um 18 Uhr auf den Kornplatz zur Weigh Station for Culture und macht  bei unserem Flashmob mit, mit dem wir auf das Thema Ausgrenzung hinweisen wollen. Anschliessend gibt’s ein Konzert von Michela Campaner und Diego Baruffaldi.

Und vergesst nicht: Jede Geste zählt!

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