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July 31, 2014

Rebellenhafter Weltverbesserer: Stefan Siegel, Gründer von Not Just A Label

Kunigunde Weissenegger
Stefan Siegel, Gründer der zukunftsgerichteten, zeitgenössischen Modedesign-Plattform Not Just a Label über Mode, Anti-Mode, seine persönlichen Kleidungsvorlieben und einer neuen Art von Politik, für die NJAL steht.

“Discovering and supporting pioneers in contemporary fashion” steht ganz oben an erster Stelle auf der neuen NJAL-Website, die am 31.7.2014 Punkt 9 Uhr “Greenwich mean time” online gegangen ist –  und übrigens komplett auf Open Source basiert, “um nochmals unsere Unterstützung für freie und transparente Software zu unterstreichen”, fügt Stefan Siegel hinzu. London ist auch (bislang – wer weiß, vielleicht geht’s ja demnächst nach New York…) das Hauptquartier der im Herbst 2007 gegründeten Online-Plattform für zeitgenössisches Modedesign Not Just A Label: Junge und außergewöhnliche DesignerInnen (aus über 100 Ländern weltweit – auch aus Südtirol, wie beispielsweise Nadja Pugneth) präsentieren sich und ihre Arbeiten kostenlos über die Website www.notjustalabel.com – bei der Auswahl legen Siegel und seine Scouts besonders Wert auf Hochwertigkeit und Individualität, abseits von der üblichen Massenproduktion der Modeindustrie.

Vor etwas mehr als sechs Jahren also hat es der Meraner Stefan Siegel für notwendig befunden, die Modewelt zu revolutionieren und im Hinblick auf Einzigartigkeit, Nachhaltigkeit, Kreativität und Qualität, Authentizität und nicht zuletzt Handwerk zu sensibilisieren. – Eigentlich alles Begriffe, die zumeist ganz logisch mit Mode assoziiert werden, möchte mensch meinen. Doch in der “echten” Fashion-Welt sieht es anders aus, dort regieren Serienerzeugung im Vierteljahresrhythmus und Kaufwahn. NJAL schwimmt gegen diesen Strom und unterstützt Mode-DesignerInnen (bisher 16.000), die auf Handwerk und Originalität setzen. – Gut für sie und auch gut für die KäuferInnen, denn das fällt auf jeden Fall ins Auge, wenn mensch sich durch den Online-Shop klickt: Die Stücke sind einzigartig, extravagant und tragbar – und werden zumeist auf Bestellung produziert   – “Item is made to order. Please allow a little extra time for delivery“. – Mann und Frau können sich auf jeden Fall sicher sein, dass auf der nächsten Cocktail-Party kein_ Zweite_r mit demselben Kleidungsstück rum rennt… Und alle an der Produktion Beteiligten erhalten ihren verdienten Anteil, was beim 5-Euro-Shirt aus dem Modeketten-Laden zu 99,9%iger Wahrscheinlichkeit nicht der Fall sein wird. Der Unternehmer Stefan Siegel im Interview. NOTJUSTALABEL.COM:NIELSPEERAER - NJAL Weblaunch Campaign 000NOTJUSTALABEL.COM: NIELSPEERAER 

Stefan Siegel, wie definierst du persönlich Mode?

Mode ist ein als etwas von nicht großer Dauer definierter Begriff – und von dem her eigentlich das Gegenteil von dem, was ich als Mode verstehe. Für mich ist Mode eine Sprache, um uns auszudrücken, um Traditionen und Bräuche zu unterstreichen und im Endeffekt ein “Modus”, um sich selbst zu definieren, aber auch um etwas über sich selbst zu vermitteln.

Gibt es die Anti-Mode? Inwiefern? Was ist das?

Wenn Mode ein Begriff für die drittgrößte Industrie der Welt ist, welche durch ihre Schnelllebigkeit vergessen hat, welche negativen Auswirkungen sie auf den Mensch und Umwelt hat, dann muss es auch ein Gegenteil davon geben. Zurück zum Handwerker, zum Künstler, zum Schneider… aber auch zurück zum Anzug, den Mann über Jahre trägt, zurück zu In-Mode-Investieren, im Gegensatz zum Shoppen-anziehen-wegwerfen-Wahn. Dafür müssen aber KonsumentInnen genauso wie die Industrie noch viel an sich arbeiten.

Wie kleidest du dich?

Heute trage ich weite schwarze Baumwollhosen einer Jungdesignerin aus London und ein schwarzes Leinenhemd von Armani. Beide Teile habe ich schon seit über 5 Jahren in meinem Kleiderschrank und ich werde sie noch oft tragen, waschen, reparieren und wieder tragen. 

Du trägst also auch Dinge aus eurem NJAL-Sortiment? 

Wie oben erwähnt – ja, absolut. Aber wenn man ständig mit Modedesign zu tun hat, dann verbringt man seine Freizeit nicht mit shoppen.NOTJUSTALABEL.COM:TOM_VAN_DER_BORGHT - NJAL Weblaunch Campaign 005NOTJUSTALABEL.COM: TOM VAN DER BORGHT

NOT JUST A LABEL steht für…?

Anders sein. Was uns nicht gefällt, boykottieren wir, oder ändern es. Das können teure Messekonzepte sein, welche vielen jungen Modeunternehmen zum Verhängnis werden. – NJAL organisiert dann einfach seine eigene Fashion Week. Oder wir bekämpfen teure Agenten und Showrooms, welche nicht mehr zeitgemäß sind. Unser Online-Shop umgeht den ganzen überflüssigen Apparat und 70% (anstatt 10–15%) jedes Verkaufspreises gehen direkt in die Taschen der Designer, welche weltweit damit ihre Unternehmen unabhängig finanzieren können. Seit Februar 2014 sind wir in der Ukraine sehr präsent, da unseren DesignerInnen in Kiev und Odessa durch die EUSA-Sanktionen viele Zugänge zu Zahlungssystemen wie PayPal blockiert wurden. Daraufhin hat NJAL eine weltweite Kampagne gegen diese Politik lanciert, und diesen DesignerInnen geholfen, ihren Fortbestand zu gewährleisten. Deshalb steht NJAL für eine neue Art von Politik, in welcher Kreativität, Transparenz und Echtheit den alten Systemen dieser Welt die Stirn bietet. Wir definieren Luxus einfach anders. 

Was werden wir auf NJAL nie finden?

Fast-Fashion.

Was muss mensch laut dir 2014 und dann 2015 modemässig unbedingt haben?

Etwas, was sie lieben, etwas, auf das sie sich freuen und vielleicht auch gespart haben. Etwas, wo Herkunftsort und die Manufaktur ersichtlich sind, und etwas, was mensch gerne an die nächste Generation weitergeben möchte. NOTJUSTALABEL.COM:PETERMOVRIN - NJAL Weblaunch Campaign 002NOTJUSTALABEL.COM: PETER MOVRIN

Und das Don’t 2014 bzw. 2015?

In England werden im Durchschnitt Kleidungsstücke 4 Mal getragen, bevor sie wieder weggeworfen werden. Diese Mode-Bulimie muss gestoppt werden, ein T-Shirt kann nicht € 5 kosten, ohne dass jemand anderer die Konsequenzen spürt.

Wie schaffst du es denn dann in so einer hart umkämpften Branche zu überleben?

Ein Ziel haben, nie aufgeben, zugleich allen und niemandem zuhören, keine Angst haben nochmals von Vorne zu beginnen, viel reisen und die Welt von ganz weit und oben betrachten…

Welche Ziele peilst du mit NJAL als nächstes an?

Wir lancieren heute (31.7.2014) unsere neue Website – ein Projekt, das 18 Monate gedauert hat und uns hoffentlich an die Spitze bringt. Danach geht’s weiter mit dem rebellenhaften Weltverbessern…

Foto oben: Stefan Siegel by Charlie Strand

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