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July 7, 2014

Maroc, mon amour #03:
Fés – Liebe ist unsere Religion

Petra Götsch
Casablanca, Marrakesch, Rabat, Fés, schon allein die Namen klingen schön, so wie alles schön ist, das man noch nie gesehen hat. Zwei Wochen lang reiste ich im Uhrzeigersinn durch Marokko und erlebte ein Land zwischen Okzident und Orient.

Fès ist nichts für Zimperliche. Fès hat von allem zu viel. Zu viele Menschen, zu viele Gerüche, zu viel Gestank, zu viele Gassen, zu viel Lärm. Ich stehe mitten im Chaos und werde wieder zum Kind. Ich kann die Schrift nicht lesen und die Sprache nicht verstehen, das Überqueren einer Straße wird zur Lebensgefahr und überhaupt weiß ich nie so genau, was gerade los ist. Es ist herrlich! 

Gemeinsam mit einer Führerin lasse ich mich durch die mittelalterlichen Gassen treiben, die an ihren schmalsten Stellen nur mehr 40 Zentimeter breit sind. Links und rechts zweigen ständig neue Wege ab, es ist das reinste Labyrinth. Die Medina dieser Königsstadt gilt als die größte erhaltene Altstadt in der arabischen Welt.Marokko Fes - Petra GoetschGegründet 800 n. Chr. von Idriss und dessen Sohn entwickelte sich die Stadt rasant zum kulturellen und spirituellen Drehpunkt des Landes und ist es bis heute geblieben. Etwas Magisches wohnt in diesen dämmrigen Gassen und ich kann es nicht erklären. An mir hasten verschleierte Frauen vorbei, an der Ecke sitzen alte Männer in Djellabas vor einem Haufen Minze, gegenüber wird Brot über offenem Feuer gebacken. Noch nie habe ich einen so zeitlosen Ort gesehen, es fehlt jeder Hinweis, in welchem Jahrhundert man sich gerade befindet. Händler treiben ihre Esel an, Funken fliegen, Metall klingt, der beißende Geruch der Gerberei hängt in der Luft und plötzlich stehe ich vor der prächtigen Karaouine-Moschee.

859 n. Chr. wurde sie von Fatima Al-Fihri, einer reichen Kaufmannstochter, gegründet und finanziert, die dazugehörende Koranschule und spätere Universität begründete den Aufstieg der Stadt als eines der intellektuellen Zentren der islamischen Welt. Während sich Europa noch von der Völkerwanderung erholte, beschäftigte man sich in Fès bereits mit Religion, Astronomie, Medizin und Philosophie. Da der Zutritt zur Moschee nur Moslems gestattet ist, werfe ich zumindest einen Blick in den eindrucksvollen Innenhof und staune still vor mich hin: Eine Stadt wie Fès werde ich nie wieder erleben!Marokko - Fes - Petra GoetschUm mich kurzzeitig vom Getümmel zu erholen, esse ich in einem Riad zu Mittag. Von außen wirken die fensterlosen Häuser der Medina kahl und unscheinbar. Doch innen! – Was für Paläste! Offene Innenhöfe mit plätschernden Brunnen und Palmen, die Wände geschmückt mit bunten Fließen und kleinen Spiegeln, auf den Böden Teppiche, ein Bild wie aus unseren Kindermärchen.

Samira, die Stadtführerin, sieht mir die Überraschung an und erklärt mir, dass es nirgendwo so viele versteckte “Paläste” gibt wie in Fès. Die ins Innere konzentrierte Architektur wurde ursprünglich vermutlich von den römischen Villen in der Nähe inspiriert. Die Legende, dass jedes Riad praktisch ein eigenes Universum ist, gefällt mir aber besser: Die Wände sind die Himmelsrichtungen, der Springbrunnen die Meere und der Himmel die Kuppel. Vor allem symbolisch sollte man ein Riad sehen, fügt Samira noch hinzu: “Einerseits boten sie den Familien ein Höchstmaß an Privatsphäre. Andrerseits aber regt diese außen doch sehr wüste und innen herrliche Architektur an, über den äußeren Schein und das innere Sein zu reflektieren.”Marokko Rabat Gerberviertel - Petra GoetschNachdem ich mir den Magen mit Tajine und marokkanischem Gebäck vollgeschlagen habe, mache ich mich auf zu einer der größten Attraktionen der Stadt, dem Gerberviertel. Zusammen mit einem Lederhändler besteige ich die Dachterrasse der Gerberei und der Anblick katapultiert mich um Jahrhunderte zurück: Unter mir erstreckt sich ein Gewirr von Bottichen, die an Bienenwaben erinnern. Junge Männer entfleischen Tierhäute, mischen giftige Gerb- und Färberbrühen oder bringen ätzende Laugen aus.Plötzlich komme ich mir dämlich vor, wie ich dort oben stehe, mit einem Büschel Pfefferminze in der Hand, das den beißenden Gestank von Verwesung erträglich machen soll. Die Gerber da unten stehen gesellschaftlich auf der untersten Stufe und auf meine Frage hin, wie schädlich diese Arbeit für die Haut und Gesundheit der Männer sei, ist das Englisch des Lederhändlers plötzlich wie weggeblasen. In Fès zerren so viele Eindrücke an einem, dass man die vielen negativen Aspekte kaum beachtet. Die Hygienezustände in der überbevölkerten Altstadt sind katastrophal, kaum ein Erwachsener aus der Medina kann lesen und schreiben. Kinderarbeit ist normal, die Kriminalität hat Großstadtniveau und ein Feuer in den eng verbauten Gassen käme einer Katastrophe gleich.Marokko Fes - Petra GoetschMit den Gedanken noch im Gerberviertel, spaziere ich durch die Gassen um am Ende des Tages noch ins Andalusierviertel zu gelangen. Streift man durch die Medina, begegnet man immer wieder Heiligenschreinen oder Andachtsorten, eine Tradition, die die Marokkaner vermutlich von den Berbern übernommen haben. Keine Stadt ist in ihrem Alltag jedoch so sehr vom Islam durchdrungen wie diese und vermutlich erschließt sich Fès uns Fremden deshalb so schwer, sei es im geografischen als auch im metaphysischen Sinne. Seit jeher leben hier die Weltreligionen friedlich nebeneinander, seit jeher war Fès eine Sehnsuchtsstadt. Andalusische Moslems flüchteten sich hierher, tunesische Verbannte wurden mit offenen Armen begrüßt, Juden und Christen fanden Unterschlupf. Wer sich nach Fès retten konnte, war gerettet.  

Am nächsten Tag verlasse ich Fès, tief berührt von dieser rätselhaften Stadt. Dabei passiere ich das Bab al Makina. Es ist jenes Tor, wo jedes Jahr das berühmte “Fès Festival of World sacred music” eröffnet wird. 1994 als Reaktion auf den Golfkrieg entstanden, bringt das Festival Musiker und Zuhörer aus der ganzen Welt zusammen. Eine Woche lang versinkt die Stadt in Trance. Und sollte es ein tolerantes und buntes Utopia irgendwo auf der Welt tatsächlich geben, dann ist es wohl Fès in dieser einen Woche im Juni. 

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