Contemporary Culture in the Alps
Contemporary Culture in the Alps
Since 2010, the online magazine on contemporary culture in South Tyrol and beyond in the Alpine environment.

Sign up for our weekly newsletter to get amazing mountain stories about mountain people, mountain views, mountain things and mountain ideas direct in your inbox!

Facebook/Instagram/Youtube
© 2026 FRANZLAB
Music,People + Views

„Wie viel kann man eigentlich fressen, bevor einem schlecht wird?“

Musiker Alex the Judge im Interview über Selbstoptimierung, Südtirol und Allesfresser

03.11.2026
Leni Keller

© Theo Kortschak

Mit seinem Debütalbum „Allesfresser“ stellt Alex the Judge eine Frage, die weit über den Albumtitel hinausgeht: Wie viel können wir eigentlich aufnehmen, bevor uns alles zu viel wird? Zwischen Selbstoptimierungswahn, Doomscrolling und dem ständigen Verlangen nach mehr geht es um eine Generation, die irgendwie alles will – und dabei manchmal vergisst, was sie eigentlich braucht.

Bei seiner Release-Show im Sudwerk in Bozen nimmt Alex das Publikum mit auf eine Reise durch seine Vergangenheit. Nahbar und mit einer ordentlichen Portion Humor plaudert er zwischen den Songs, bringt mit seinem lila schimmernden Helm und seiner entspannten Art den Saal zum Lachen. Spätestens am Ende vibt und tanzt die ganze Crowd – und für jede:n ist etwas dabei.

Musikalisch bewegt sich der gebürtige Brixner zwischen Indie- und Alternative-Pop, Rap, Alternative-Hip-Hop, R&B, Soul und Funk. Auf „Allesfresser“ landen Selbstzweifel, Freibadpommes und Raststättenkaffee im selben Magen – und ergeben ein Album, das genauso vielseitig wie unberechenbar ist.

Alex the Judge lebt inzwischen in Wien und steht seit Jahren mit seiner Band The Forbidden Fruits auf der Bühne. Im Interview erzählt er, wie er vom Cello zum Rap kam, warum er auf Hochdeutsch statt im Dialekt singt, weshalb Südtirol als Musikszene manchmal zu klein ist – und was ein Dachs mit dem Titel seines Albums zu tun hat.

© Theo Kortschak

Zurück zum Anfang: Wie bist du zur Musik gekommen und wer oder was hat dich dazu gebracht?
Jetzt kommt dieser pathetische „Die Musik begleitet mich schon mein ganzes Leben“-Kram, aber es ist halt wirklich so: Ich habe, glaube ich, mit so Kinder-Singen angefangen, dann mit sieben für elf Jahre Cello gespielt. Dann wollte ich cooler sein und habe mir, um mit meinen Friends zu jammen, E-Bass beigebracht und Texte geschrieben, weil ich rappen wollte, dann kam Singen – es war irgendwie so ein laufender Prozess.

Alex, du lebst in Wien, auf deinem neuen Album stehen aber „Boh“ und „Autogrill“. Wie viel Südtirol steckt in dir, wenn du weg bist?
Gute Beobachtung! Ich liebe Authentizität, wie es in Wien z. B. mit der aktuellen Austropop-Renaissance grad der Fall ist. Ich bin aber nicht von da und könnte sowas nicht machen, aber hab mir gedacht, ich will trotzdem was einbauen, das mich ausmacht. Südtiroler Dialekt wäre mir aber schon wieder zuuu real, deshalb sing ich auf Hochdeutsch und baue bisschen Italien-Bezüge ein, weil ich mich, was Popkultur betrifft, als eine solche Mischung sehe, ich will gar nicht immer dieses „Südtirol“ so als Banner tragen und habe Musik und medientechnisch immer alles von DACH (Deutschland-Austria-Schweiz) bis IT konsumiert.

Was vermisst du in Wien an der Südtiroler Musik-Szene und was kann Wien, was Südtirol nicht kann?
Hab ich jetzt eh schon ein bisschen angesprochen, Wien ist anders, haha. Es hat diesen ganz eigenen Charme und Humor, der tatsächlich auch einschüchternd sein kann, aber ich finde es extrem inspirierend. Südtirol kann vom Skill und Talent her sehr, sehr viel, aber Südtirol ist schlicht und einfach zu klein, um wirklich eine stabile vielfältige, nachhaltige „Szene“ zu haben, vor allem was Liveshows betrifft. Alles, was nicht in den 3–5 etablierten Genres stattfindet, hat es extrem schwer.

© Theo Kortschak

Vor „Allesfresser“ hast du fast ausschließlich auf Englisch gesungen. Wie kam es nun zum Schritt, ein ganzes Album auf Deutsch zu schreiben?
Ich habe mit Fabian, dem Producer des Albums und Bandkollegen, gequatscht, weil wir schon einzelne Projekte auf Deutsch gemacht hatten und irgendwie das Gefühl hatten, dass es für den Mix an Musik, den wir machen, im englischen Markt vielleicht eher eine Übersättigung und im Deutschen vielleicht eher eine Nachfrage geben könnte. Plus habe ich zu der Zeit immer mehr deutschsprachige Musik gehört und eine unserer großen Inspirationen ist auch schon irgendwie Bilderbuch, die dieses „Genres-die-Deutsch-niemand-macht-&-das-Deutsche-aufbrechen/umbauen-und-dem-eine-smoothere-Phonetik-Geben“-Ding in meinen Augen sehr geprägt haben und immer noch tun.

Du nennst dein Album „Allesfresser“: Was hast du in dieses Album gepackt und was ist garantiert nicht drauf?
Der Name funktioniert dreifach, einmal geht es wörtlich darum, alles zu fressen: Emotionen, Angst, Sorgen, Liebe, Hass und was weiss ich noch alles und das runterzuschlucken und hoffentlich nicht auszukotzen, obwohl man sich gerne auskotzen würde – es muss ja immer „irgendwie schon gehen“. Dann soll es dafür stehen, dass inspo-mäßig von allem etwas dabei ist und sich der Sound in viele Ecken hin strecken darf und zu guter Letzt ist es eine Hommage an den wunderbaren Valentin Gasser (Bandkollege und genialer Musiker), dessen Spirit Animal ein Dachs ist – ein Allesfresser.

Wie sieht der klassische Entstehungsprozess eines Songs bzw. Albums bei dir aus?
Den gibt es nicht wirklich. Manchmal gibt's Texte vorher, manchmal die Musik. Ok – ich muss mich korrigieren: Gibt's schon irgendwie; meistens spielen Fabian und ich uns im Studio so ein bisschen den Ball hin und her, bis wir irgendwas haben, das uns taugt, und dann machen wir aus dem einen Banger. Beim Album haben wir das dann 13 mal gemacht.

Zum Schluss: Wohin soll die Reise gehen? Was wolltest du, als du angefangen hast, und was willst du jetzt? Und was steht jetzt an?
Ich weiß echt nicht mehr, was ich wollte, ich glaube Zeit mit Freunden verbringen und gemeinsam etwas erschaffen. Und das will ich immer noch, von dem her soll die Reise so weit gehen, wie sie reichen kann, wir/ich sind auf jeden Fall der Meinung, dass die Qualität unserer Kunst sehr weit reichen kann. Jetzt stehen noch ein paar Konzerte an und für mich ein Dauermarathon an Promo-Machen, bis sich meine Birne hohl anfühlt – dann hoffentlich neue EP oder Album schreiben!

© Theo Kortschak

Allesfresser ist ein Album, das sich nicht auf eine Schublade festlegen lässt, und Alex the Judge will das auch gar nicht. Wer nach diesem Interview auf den Geschmack gekommen ist: Das Album gibt es nun überall zu hören, live am 5. November 2026 im Kramladen in Wien, am 19. November 2026 in der Dekadenz in Brixen, am 20. November 2026 im KUBA in Kaltern und am 3. Dezember 2026 im G5 in Wien.

SHARE
//

Tags

konzert, album release, Alex the Judge, Allesfresser, The Forbidden Fruits
ARCHIVE