Ein Rundgang durch die Ausstellung „Stadtraum Meran — Gestern, heute, morgen?“ im Kunsthaus Meran

Der Bevölkerungsraum mit Fotografien von Martin Fengel, Reproduktionen und historisches Material von Palais Mamming Museum und Touriseum – Landesmuseum für Tourismus, © Ivo Corrà
Der Bevölkerungsraum mit Fotografien von Martin Fengel, Reproduktionen und historisches Material von Palais Mamming Museum und Touriseum – Landesmuseum für Tourismus, © Ivo Corrà
Meran kann sich sehen lassen: Alpen im Hintergrund, Weinberge, die bis an die Stadt heranreichen, die Passerpromenade mit orientalischen Palmen und mediterranen Orchideen, die mittelalterlichen Lauben, herausgeputzt und voller Leben. Die Stadt hat ihre schönen Seiten und sie weiß sie in Szene zu setzen. Doch jenseits dieser vertrauten Ansichten existiert noch ein anderes Meran: das der Menschen, die hier leben und arbeiten. Denn zwischen Postkartenmotiv und Alltag liegen die unterschiedlichen Lebensrealitäten einer Stadt, die weit mehr ist als ihre schöne Fassade.
Aber wo und wie leben die Menschen eigentlich in dieser Stadt? Wer nutzt ihre Plätze, Straßen und öffentlichen Räume? Und welche Bedürfnisse treffen dort aufeinander? Merans Stadtraum gehört allen, wird aber längst nicht von allen auf dieselbe Weise erlebt. Das Wachstum der Stadt und die unterschiedlichen Erwartungen von Sprachgruppen, Kulturen und Generationen machen den Dialog über das Zusammenleben immer dringlicher. Genau hier setzt das neue Ausstellungs- und Dialogprojekt des Kunsthauses Meran an. Mit Stadtraum Meran – Gestern, heute, morgen? lädt es vom 24. Oktober 2026 bis zum 14. Februar 2027 dazu ein, die Stadt aus einer anderen Perspektive zu betrachten. Kuratiert von Andreas Kofler, verbindet das Projekt einen Blick in die Vergangenheit mit einer Bestandsaufnahme der Gegenwart und der Frage, wie Meran künftig aussehen könnte.


Andreas Kofler kennt Meran nicht nur aus der Perspektive des Kurators, sondern auch aus eigener Erfahrung. Er stammt aus der Stadt, lebt und arbeitet inzwischen jedoch seit vielen Jahren in einem internationalen Umfeld. Als Architekt und Urbanist, Autor und Kurator arbeitete er unter anderem mit dem Rotterdamer Büro OMA/AMO von Rem Koolhaas. Von 2018 bis 2024 war er Kurator und stellvertretender künstlerischer Leiter des Schweizerischen Architekturmuseums in Basel. Heute lehrt er an der École nationale supérieure d’architecture de Versailles, schreibt regelmäßig über Architektur und kuratiert gemeinsam mit Tudor Vlăsceanu die diesjährige Architektur-Biennale Beta im rumänischen Timișoara. Für den Blick auf Meran bringt er damit eine besondere Perspektive mit: die Vertrautheit mit der eigenen Herkunft und zugleich die Distanz, die entsteht, wenn man eine Stadt von außen betrachtet.
Sieben Themenfelder bilden das Gerüst der Ausstellung: Der Bereich Landschaft zeigt, wie die Umgebung die Stadt prägt und wo Meran an seine Grenzen stößt. Beim Thema Bevölkerung geht es darum, wer in Meran lebt und wie sich die Stadtgesellschaft verändert. Der Bereich Wohnen wirft die Frage auf, wer sich Meran eigentlich noch leisten kann, wer ein Zuhause findet und wie dieses aussieht. Unter dem Aspekt Freiraum werden öffentliche Orte unter die Lupe genommen: Wo gibt es Plätze zum Zusammenkommen und Verweilen, wo fehlen Grün, Schatten und Sitzgelegenheiten? Und wo können wir uns im Winter kostenlos aufhalten? Das Themenfeld Arbeit beleuchtet, wo und wie in Meran gearbeitet wird und welche Orte den Alltag der Stadt am Laufen halten. Bei der Mobilität geht es darum, wie sich Menschen in der Stadt bewegen und wie viel Raum der Verkehr beansprucht. Und schließlich richtet die Kultur den Blick auf Orte der Begegnung: Wo kommen Menschen zusammen, welche Angebote gibt es und wen erreichen sie?


Der Rundgang führt von diesen Bestandsaufnahmen zu Fragen, die in die Zukunft weisen: Wie soll Meran künftig aussehen und wie wollen wir die Stadt nutzen? Wie begegnet sie den Folgen der Klimakrise? Wie lässt sich leistbarer Wohnraum schaffen? Und was braucht es, damit öffentliche Räume für möglichst viele Menschen attraktiv und inklusiv sind? Dass die Antworten unterschiedlich ausfallen, gehört für Kurator Andreas Kofler zum Wesen einer Stadt. „Wir haben alle recht“, sagt er. Ob wir einen Ort als einladend oder abweisend, übersichtlich oder verwirrend erleben, hängt schließlich nicht allein von seiner Gestaltung ab. Auch Herkunft, Alltag und persönliche Erfahrungen prägen unsere Wahrnehmung.
Meran ist keine fertige Stadt, sondern ein Gefüge, das sich mit den Menschen, die hier leben, und ihren Bedürfnissen stetig verändert. Um das Meran der Gegenwart und seine Herausforderungen besser zu verstehen, lohnt sich deshalb auch ein Blick zurück. Historische Karten, Dokumente, Fotografien und Objekte zeichnen nach, wie sich die Stadt über Jahrzehnte verändert hat. Sie machen sichtbar, wie eng Stadtplanung, Architektur und Alltagsleben miteinander verwoben sind. Die rund zweijährige Recherche wurde von der Architektin Magdalene Schmidt wissenschaftlich begleitet. Das Palais Mamming Museum, das Stadtarchiv Meran und das Touriseum stellten dafür umfangreiches Material aus ihren Sammlungen zur Verfügung.



Wie Meran sich verändern könnte, zeigen weitere Beiträge der Ausstellung. Studierende der Technischen Universität Wien haben sich unter der Leitung des Architekten Michael Obrist mit der Zukunft der ehemaligen Rossi-Kaserne beschäftigt und Entwürfe entwickelt, die das Potenzial des Areals für neue Wohnformen ausloten. Andere Arbeiten setzen direkt bei den Menschen an, die in Meran leben: Die Eco-Social-Designerin Martina Dandolo und die Kunstvermittlerin Anna Gabrielli haben in einem partizipativen Planungsprozess unter dem Motto WerkStadt Meran mit Bewohner*innen über ihre Viertel gesprochen und deren Vorstellungen in gemeinsamen Modellen festgehalten. Im Kunsthaus selbst können Besucher*innen durch interaktive Elemente außerdem ihre eigenen Erfahrungen einbringen. Auch ein eigens für die Ausstellung gedrucktes Stadtmodell Merans ist zu sehen, es wächst im Laufe der Ausstellung weiter. Dazu kommen eine Sonderausgabe der Architekturzeitschrift Turris Babel sowie Führungen, Workshops und Veranstaltungen, die den Austausch über die Stadt auch außerhalb des Kunsthauses weiterführen.

Dass dieser Austausch nicht am Eintrittspreis scheitern soll, war den Beteiligten besonders wichtig. Deshalb ist der Besuch der Ausstellung kostenlos. „Wir wünschen uns, dass die Ausstellung dazu beiträgt, den Blick auf unsere Stadt zu schärfen, Diskussionen anzuregen und neue Perspektiven auf ihre Zukunft zu eröffnen“, sagt Kunsthaus-Direktorin Martina Oberprantacher. Wer Meran kennt, wird manches wiedererkennen, anderes vielleicht mit neuen Augen sehen. Es lohnt sich also, im Kunsthaus vorbeizuschauen und sich ein eigenes Bild davon zu machen, wie die Stadt gestern war, heute ist und morgen sein könnte.