Barbara Gamper und Alessandra Senettin im Interview über „Becoming Mycelium“ und einen neuen Blick auf Pilze, Beziehungen und Gesellschaft

Think Like Mycelium, © Naturmuseum Südtirol
Mehr als 22.000. So viele Paarungstypen hat der Spaltblättling (Schizophyllum commune), ein unscheinbarer Pilz, der auf totem Holz wächst. Schon bei seiner Fortpflanzung reichen zwei Kategorien nicht aus. Auch das Myzel, das verzweigte Geflecht der Pilze, eröffnet eine andere Perspektive: Als Denkbild lenkt es die Aufmerksamkeit auf Verbindungen statt auf feste Grenzen, auf gegenseitige Abhängigkeit statt auf ein klares Oben und Unten. Was kann eine Gesellschaft, die so gern in Paaren, Kategorien und Hierarchien denkt, davon lernen?
Dass Pilze mehr Aufmerksamkeit verdienen, zeigt sich auch auf politischer Ebene. Bei der UN-Biodiversitätskonferenz COP17, die vom 19. bis 30. Oktober 2026 in Jerewan stattfindet, setzt sich die Fungi Foundation unter dem Leitgedanken „Flora, Fauna, Funga“ dafür ein, Pilze stärker in der internationalen Naturschutzpolitik zu berücksichtigen. Doch nicht nur für den Schutz der Biodiversität lohnt sich ein genauerer Blick auf Pilze. Auch unser Verständnis von Beziehungen und Zusammenleben lässt sich durch sie hinterfragen.
Genau hier setzt Becoming Mycelium an. Die Künstlerin und somatische Pädagogin Barbara Gamper und die Soziologin und Mykologin Alessandra Senettin haben gemeinsam mit dem Naturmuseum Südtirol eine dreiteilige Reihe im Rahmen der Sonderausstellung FUNGA entwickelt. Darin verbinden sie Pilzkunde mit Körperpraxis und gesellschaftlichen Perspektiven. In drei Acts geht es um Denken, Fühlen und Bewegung, um queere Beziehungen und dekoloniale Fragen.
Wie sie zu diesem Ansatz gekommen sind, welche Rolle Körperwahrnehmung dabei spielt und warum diese für sie über individuelle Selbsterfahrung hinausgeht, erzählen Gamper und Senettin im Interview.
Alessandra Senettin: Sono cresciuta andando a funghi, l'ho sempre trovato un momento speciale, curativo, di connessione alla natura e di condivisione. Ho deciso di diventare micologa dopo la prima quarantena, avevo bisogno di riprendere quel legame con la natura, che si era bruscamente interrotto. Mi sono immersa nello studio dei funghi ed ho trovato molte assonanze nella loro biologia ed ecologia con la sociologia, la micoterapia e il mondo che vorrei abitare. Un giorno, a un'assemblea dell'associazione Magari, conobbi Barbara, iniziammo a parlare di come i funghi ci mostrano il mondo in maniera ecologica, nelle sue connessioni, rispetto e profondità e da lì è nata la simbiosi che ci ha portate a Becoming Mycelium.
Warum braucht ein Projekt über Pilze auch Körperarbeit und gesellschaftliche Perspektiven?
Barbara Gamper: Für mich ist die Verbindung von Mykologie und Somatik keine Frage der Notwendigkeit, sondern der Erweiterung und Vernetzung. Pilze zeigen uns die Vorteile von Vernetzung. Für mich ist Somatik keine allgemeine „Körperentspannungstechnik“, sondern eine politisch und ökologisch orientierte verkörperte Pädagogik, die uns ein tieferes Spüren und Verstehen unserer Körper-Geist-Verbindung lehrt. Es ist eine Übung des Bemerkens und Lauschens, ein Schärfen der Aufmerksamkeit. Dies sind kraftvolle Werkzeuge für Körperbewusstsein, aus dem heraus sich ein tieferes Selbstbewusstsein und Handlungsfähigkeit entwickeln können. Die Kernaussage für die Verbindung von kritischer Mykologie und ebenso einer kritischen Somatik ist also die Überlebensstrategie des Myzels selbst, die dekoloniale und feministische Prinzipien enthält – Zusammenarbeit, Symbiose, Teilen von Ressourcen, Anpassungsfähigkeit und Dezentralisierung von Macht. Doch abstrakte Theorie allein reicht nicht aus. Die somatische Praxis dient als „Brücke“, die es ermöglicht, Ideen und Theorie in die Praxis zu übersetzen.
Alessandra Senettin: Ci piace sentire che il lavoro che facciamo ha senso e per averlo non basta solo la teoria, serve la pratica, serve sentirlo, serve l'esperienza. Un lavoro per funzionare deve essere sentito, vissuto, siamo piene di nozioni su cosa è giusto e cosa è sbagliato eppure le cose attorno a noi cambiano in peggio. Lavorare per divulgare concetti eco-sociali, transfemministi attraverso il corpo, ci aiuta a sentirli, praticarli, divulgarli, trovandogli significati profondi, ri-conoscenza e memoria corporea. Il lavoro di Beatrice Gusmano è per noi fondamentale, perché prendendo il sistema di relazioni tra funghi e viventi ad esempio nel bosco, possiamo paragonarlo a un modello esistente e resistente di relazioni, come l'amicizia e le reti di sostegno tra persone LGBTQAI+. Comprendere i funghi significa incontrarli, sentirli e sentirci insieme parte di un pianeta che abitiamo entrambi allo stesso modo e non un pianeta in cui noi siamo superiori e tutto è funzionale alla vita del solo essere umano. Quindi approfondendo le reti di relazioni che possono sostenere una società orizzontale, non gerarchica e non suprematista, l'amicizia, le reti di cura, l'interdipendenza vanno proprio a smontare le gerarchie che ci stanno isolando sempre di più.


In eurem Programm verbindet ihr die vielfältigen Fortpflanzungsweisen von Pilzen und ihre Myzelnetzwerke mit queeren Lebens- und Beziehungsweisen. Was können wir daraus über Diversität und Miteinander lernen, und wo stößt dieser Vergleich an Grenzen?
Alessandra Senettin: Nella riproduzione dei funghi si parla di sesso ma non ha senso, è più corretto parlare di polarità, a me piace parlare di ventagli, se dovessimo parlare di sesso nei funghi lo Schizophyllum commune avrebbe più di 22.000 sessi. I funghi mettono in discussione le gerarchie che gli sono state messe addosso dall'essere umano, gerarchie che lo stesso essere umano subisce, basti pensare che dal maschile al femminile c'è un ventaglio di possibilità, le persone intersessuali ce lo dimostrano esistendo, anche nella loro r-esistenza negata. La riproduzione asessuale nei funghi ci può insegnare a generare parentele invece di nuovi figli, propagarci come il micelio e allacciare simbiosi con organismi di altre specie, o propagarci per trasformare la morte in vita o addirittura viceversa, la vita di una specie in morte per essa e vita per il fungo. Se noi guardiamo le cose dal punto di vista del fungo potremmo pensare allo stile di mors tua vita mea, io preferisco pensarlo attraverso una lente di ecologia, la pianta non ce la fa più a vivere bene così, non potendosi spostare, il fungo la aiuta a morire e si crea spazio per altro. Il grande limite di questi paragoni è una grande domanda “Riusciremo a sacrificare almeno in parte gli agi delle nostre vite per il benessere del pianeta?”
Ihr sprecht davon, „wie ein Myzel zu denken, zu fühlen und zu handeln“. Wie kann das im Alltag aussehen?
Barbara Gamper: Myzel oder, besser gesagt Pilze, haben Millionen von Jahren überlebt, sie haben globale Klimaveränderungen aufgrund ihrer Resilienz und ihrer Fähigkeit überlebt, sich an veränderte Umgebungen anzupassen und zu evolvieren, während sie mit anderen Organismen verbunden blieben. Wir denken, dass wir viel vom Verhalten der Pilze lernen könnten. Für die Veränderung von Verhaltensweisen brauchen wir Denken, Spüren und Fühlen. Es ist wie bei politischem Wandel: Oft kommt er von der Theorie, die die Aktion anleitet, oft inspiriert und leitet der Aktivismus die Theorie. Deshalb schlagen wir keine bestimmte Reihenfolge vor; wir begannen damit, das Projekt Think Like Mycelium zu nennen, weil wir das Gefühl hatten, dass in unseren kulturellen Sphären Menschen oft mit dem Denken vertrauter sind als mit dem Spüren oder Fühlen. Wenn wir also über etwas nachdenken oder es uns vorstellen können, ist es vielleicht leichter, Zugang zum Spüren oder Fühlen zu finden. Für mich ist somatische Praxis explizit mit strukturellem Wandel verbunden. Ich betrachte Körperarbeit nicht als individuelle Heilung, sondern als Auftakt zu kollektivem Handeln und Wandel. Dafür muss ich langsamer werden, mich mit mir selbst verbinden und ein kritisches Selbstbewusstsein aufbauen, indem ich frage, wie die Systeme, in denen ich lebe (Kapitalismus, Patriarchat, kolonialer Imperialismus), meine Erfahrung und mein Selbstgefühl beeinflussen und wie ich mich von einem Gefühl der Unterdrückung, Ausbeutung und Nötigung befreien kann, um eine Gesellschaft aufzubauen, die in Gleichberechtigung, gegenseitiger Unterstützung, in einer Ökonomie des Teilens statt der Extraktion und Dominanz verwurzelt ist?.
Diese Logik zieht sich durch das gesamte Design unserer Workshops – das Myzel liefert den Bauplan, die Somatik liefert die Methode. Zum Beispiel: Bei unseren Waldausflügen betrachten wir das menschliche neuronale Netz und vergleichen es mit dem myzelialen Netz in seinen Verzweigungs- und Signalübertragungsmustern. Dann leite ich die Teilnehmenden an, ihre Aufmerksamkeit nach innen zu richten, um ihr eigenes Nervensystem wahrzunehmen und ein tieferes Verständnis von sich selbst und unserer direkten Verstrickung mit der Natur zu schaffen. Wenn man beginnt, eine tiefere Verbindung und ein tieferes Bewusstsein zu sich selbst aufzubauen, beginnt man mehr zu bemerken, was funktioniert und was nicht, was sich richtig anfühlt und was nicht, und es unterstützt den Übergang zu mehr Handlungsfähigkeit. Es ist ein langsamer Prozess, der tägliche Praxis und Bewusstseinsarbeit braucht.
Gibt es noch etwas, das euch im Interview gefehlt hat oder das ihr gerne ergänzen möchtet?
Barbara Gamper: Abschließend möchten wir die Gelegenheit nutzen, unsere Dankbarkeit auszudrücken: Unser Projekt Think Like Mycelium ist zunächst dank der wichtigen Unterstützung des Naturmuseums Südtirol gewachsen und hat die Unterstützung eines immer dichter werdenden Netzwerks von Kooperationen gefunden, zum Beispiel in jüngerer Zeit mit Lungomare Bozen und mit der Freien Universität Bozen durch Ingrid Kofler, Dozentin des Kurses Social Studies of Design and Culture.

Was kann eine Gesellschaft also von Pilzen lernen? Vielleicht zunächst, dass die eigenen Kategorien nicht die einzigen Möglichkeiten sind, die Welt zu betrachten. Wer Zusammenleben vor allem vom Paar aus denkt, übersieht leicht die Freundschaften und Unterstützungsnetzwerke, die es ebenso tragen. Was verändert sich, wenn wir bei Beziehungen nicht zuerst danach fragen, wer bestimmt, sondern danach, wer auf wen angewiesen ist? Becoming Mycelium lädt dazu ein, den Blick zu verschieben: von der Einordnung zur Aufmerksamkeit, vom vermeintlich unabhängigen Einzelnen zu seinen Verbindungen. Das Myzel gibt nicht vor, wie wir leben sollen. Es dient hier als Denkbild für ein Zusammenleben, in dem Beziehungen nicht erst dann zählen, wenn sie in vertraute Schubladen passen.
Act II, „Feel Like Mycelium – Queere Verflechtungen, queere Beziehungen“, findet am Freitag, 23. Oktober 2026, ab 15:00 mit einem gemeinsamen Ausstellungsbesuch im Naturmuseum statt, gefolgt von Vortrag und Workshop mit Beatrice Gusmano an der Freien Universität Bozen. Die Waldexkursion am Samstag, 24. Oktober 2026, beginnt um 10:00 am Parkplatz des Wolfsgrubener Sees am Ritten. Infos und Anmeldung auf der Website von Becoming Mycelium. Act III, „Move Like Mycelium – Dekolonialisierung“, ist für Winter 2027 angekündigt. Nach Denken und Fühlen steht dieser im Zeichen der Bewegung. Termin und Gäste gibt das Naturmuseum noch bekannt, aktuelle Informationen gibt es ebenfalls auf der Seite von Becoming Mycelium. FUNGA selbst ist noch bis 7. Februar 2027 zu sehen.