Contemporary Culture in the Alps
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Music,Performing Arts,People + Views

„… vielleicht braucht es manchmal ein bisschen Wahnsinn …“

Komponistin und Musikerin Natyrë Elezi im Interview und für „Faulender Mond“ in der Dekadenz auf der Bühne

09.10.2026
Kunigunde Weissenegger
„… vielleicht braucht es manchmal ein bisschen Wahnsinn …“

Natyrë Elezi, © Hana Reintges

Natyrë Elezi, © Hana Reintges

„Eat the rich“, singen Mine und NENDA und ich steck mir ein Stück blutigen Fleischkuchen in den Mund. So lässt es sich leben. Klasse für die Masse. Darum und um Fleisch nebenbei geht's in der aktuellen, bis 17. Oktober aufgeführten Dekadenz-Produktion: Faulender Mond von Anaïs Clerc erzählt die Leben zweier Metzgerinnen, die auch spielsüchtig, schwanger, Fahrkartenkontrolleurin, Schauspielerin, einsam, naiv sind oder waren. Geschlachtet wird eher nebenbei, und vor allem politische Manipulationsmechanismen und Klassismus.

Mit Komposition und Live-Vertonung wurde Natyrë Elezi beauftragt, Jahrgang 1994, aufgewachsen in der Republik Kosovo und nach vielen Jahren in Deutschland 2026 in Sterzing gelandet. Dekadenz-Anna-Heiss hat den Braten gerochen und die Musikerin und Komponistin für die neue Eigenproduktion gefischt … oder so … Was für eine mega Gelegenheit, ein Interview mit ihr zu inszenieren! 

Natyrë, du bist kürzlich von München nach Sterzing gezogen … Wie ist das so?
Von München nach Sterzing ist schon ein ziemlicher Wechsel. Plötzlich kennt man nach kurzer Zeit Leute auf der Straße, alles ist näher, langsamer, und die Berge sind einfach immer da. In München konnte man sehr gut verschwinden. Hier geht das weniger. Ich mag das gerade sehr. Gleichzeitig muss ich mich erst daran gewöhnen. Ich bin im Kosovo aufgewachsen, habe viele Jahre in Deutschland gelebt und bin jetzt in Südtirol – vielleicht bin ich mittlerweile auch einfach daran gewöhnt, irgendwo neu anzufangen. Und ich möchte Sterzing jetzt nicht nach ein paar Wochen romantisieren. Wir schauen mal, wie wir miteinander klar kommen. 

Deine musikalische Ausbildungspalette ist sehr breit und weit. Was drängt dich zu solchem Wissensdurst?
Neugier wahrscheinlich. Und vielleicht auch eine gewisse Ungeduld mit Kategorien.
Das Klavier war lange mein Zentrum, aber irgendwann reichte ein Instrument nicht mehr für alle Fragen. Dann kommt Elektronik dazu, Aufnahmen, Stimme, Raum, Improvisation, Theater. Nicht weil man alles können muss – ganz im Gegenteil. Man merkt eher ständig, wie viel man nicht weiß. Ich finde das eigentlich einen schönen Zustand. Sobald man denkt, jetzt weiß man, wie Musik funktioniert, wird es wahrscheinlich langweilig.

Natyrë Elezi, © Arben Llapashtica

Wie komponierst du?
Sehr unterschiedlich. Manchmal beginnt es mit einem Klang, manchmal mit einem Text, einem Raum oder einfach mit etwas, das mich nicht in Ruhe lässt. Ich glaube auch nicht so sehr an diese Vorstellung, dass man sich alleine hinsetzt, eine geniale Idee hat und dann ein Werk daraus macht.
Musik entsteht ja sowieso ständig – zwischen Menschen, in Gesprächen, auf der Straße, bei einer Feier, durch Missverständnisse, durch Lärm. Vielleicht kommt da auch ein bisschen meine Balkan-Seite durch: Es darf gleichzeitig ernst und absurd, schön und ein bisschen kaputt sein. Und es muss nicht alles kontrolliert werden.
Beim Komponieren versuche ich deshalb eher herauszufinden, was ein Material schon mitbringt. Manchmal muss man viel damit machen, manchmal sollte man es einfach in Ruhe lassen. Improvisation und Zufall gehören dazu – aber genauso die Entscheidung, wann etwas genug ist. 

Wie beeinflussen die verschiedenen Kulturen deine künstlerische Praxis?
Das passiert wahrscheinlich viel mehr, als ich bewusst sagen könnte. Man trägt ja nicht morgens Kosovo, mittags Deutschland und abends Italien. Im Kosovo bin ich mit einer sehr anderen Beziehung zu Musik aufgewachsen. Musik ist dort oft etwas Soziales. Sie passiert bei Hochzeiten, Beerdigungen, Familienfeiern, auf der Straße. Und dann kommt man in eine klassische Musikausbildung, wo plötzlich sehr genau definiert wird, was richtig und falsch, ernst oder nicht ernst, Kunst oder Unterhaltung ist. Diese Widersprüche finde ich bis heute interessant. Und natürlich verändert Sprache auch, wie man denkt und hört. Ich habe inzwischen in mehreren Sprachen gelebt und gearbeitet. Manchmal fehlt einem ein Wort, manchmal existiert ein bestimmter Ausdruck nur in einer Sprache. Vielleicht ist es mit Klang ähnlich: Nicht alles muss oder kann übersetzt werden.

Du hast in Vergangenheit bereits diverse Theaterproduktionen umgesetzt: Welche Rolle spielt die Musik auf diesen Bühnen?
Im besten Fall nicht die Rolle, die Musik im Theater manchmal bekommt: Jetzt ist es traurig, also kommt traurige Musik. Klang kann einer Szene auch widersprechen. Er kann etwas lächerlich machen, unangenehm werden, eine Erinnerung hineinbringen oder plötzlich verschwinden. Und manchmal ist die beste Entscheidung, überhaupt nichts zu spielen. Theater ist dafür sehr schön, weil Musik dort nicht alleine sein muss. Da sind Text, Körper, Licht, Bühne, Publikum. Man muss nicht ständig beweisen, dass man auch noch da ist. Manchmal reichen drei Töne. 

Für „Faulender Mond“ wurdest du mit der Musik beauftragt. Wie war die Premiere?
Sehr intensiv – und auch eine Erleichterung. Man arbeitet lange an einzelnen Szenen, verändert Sachen, verwirft wieder etwas, und irgendwann sitzt da plötzlich ein Publikum und das Ganze muss als ein Abend funktionieren.
Bei Faulender Mond mag ich besonders, dass die Klangwelt ziemlich viele Extreme aushält. Da gibt es sehr alltägliche Geräusche, eine Metzgerei, Radio, Wirtshaus – und dann bewegt sich alles immer weiter Richtung Mond, Absurdität und einer anderen Realität. Bei der Premiere merkt man dann zum ersten Mal, wo das Publikum atmet, wo gelacht wird, wo es still wird. Das kann man in den Proben nicht herstellen.

Natyrë Elezi, Faulender Mond, © Dekadenz/FlipFlop Collective

Was bedeutet Live-Vertonung? Jede Aufführung klingt anders? Wie ist die Interaktion mit den Schauspielerinnen auf der Bühne?
Ja, jede Aufführung ist ein bisschen anders. Es gibt natürlich klare Absprachen, musikalische Momente und eine Dramaturgie. Sonst wäre es irgendwann einfach Chaos – obwohl Chaos manchmal auch ganz brauchbar ist.
Aber ich höre den Schauspielerinnen sehr genau zu. Wie schnell sprechen sie heute? Wo entsteht eine Pause? Ist eine Szene plötzlich aggressiver, trauriger oder lustiger als gestern? Während des Theaterstücks selbst laufen festgelegte Klangspuren und ich reagiere live mit Lautstärke auf Schauspiel und Situation. Auf diesem Musikteppich agieren die Schauspielerinnen. Es gibt aber einen Moment ganz am Ende des Stückes, wo ich gute 30 Sekunden nur für Klaviermusik habe (ohne Text) – da kann ich dann bei jeder Aufführung anders spielen.  

About the authorKunigunde WeisseneggerGeboren an einem hitzigen Heunachmittag, ewiges Bergkind und immer Waldmensch. Außerdem und hauptsächlich liebe ich Sprachen und Sprache. [...] More
Im Sommer 2026 hast du an einem abgeschiedenen Ort das Festival für Musik, Poesie, Klangkunst und Stille AUDĪRE veranstaltet. Wie war diese Erfahrung?
Ich würde AUDĪRE eigentlich nicht unbedingt Festival nennen. Es war eher ein Treffen, ein Happening, vielleicht ein gemeinsamer Tag zum Hören. Ursprünglich ist die Initiative von Gerold Plank ausgegangen, das Projekt wird vom Kulturverein LURX sowie von vielen Menschen getragen, die freiwillig mitarbeiten und damit solche Kulturveranstaltungen überhaupt möglich machen. Wir waren oben in Ladurns am Berg und irgendwann wird sowieso klar, dass man die Umgebung nicht kontrollieren kann. Da ist Wind, irgendwo redet jemand, Kinder laufen herum, eine Kuh macht etwas, das sie wahrscheinlich genau in diesem Moment machen muss. Das alles ist dann Teil davon. Genau das war schön. Es gab Musik, Poesie, Klangkunst, Soundwalks und Performances, aber das Publikum musste nicht die ganze Zeit brav vor einer Bühne sitzen. Man konnte herumgehen, sich hinlegen, näherkommen, wieder verschwinden. 
Natürlich war es organisatorisch ziemlich wahnsinnig: viele Menschen, Technik, Bühne, Seilbahn, Wetter, Essen, Schlafplätze – und das alles auf einem Berg. Aber vielleicht braucht es manchmal ein bisschen Wahnsinn, sonst macht man solche Sachen gar nicht erst.
AUDĪRE, initiiert vom Kulturverein LURX in Sterzing, hat uns wunderschöne Rückmeldungen beschert. Knapp 150 Menschen waren dabei und viele haben betont, wie besonders dieses Format ist: Man durfte einfach da sein, ganz ohne Erwartungen. Auch von den Künstlerinnen und Künstlern habe ich viel Zuspruch bekommen. Es geht bei solchen Events eben nicht darum, anzureisen, zu spielen und wieder zu verschwinden. Es geht darum, gemeinsam etwas zu erleben, mitten in der Natur zu sein und einander respektvoll zu begegnen, ohne gegen die Stille anspielen zu müssen. Was davon geblieben ist, war dieses Gefühl, dass Zuhören selbst schon eine gemeinsame Tätigkeit sein kann. AUDĪRE möchte ich deshalb unbedingt weiterführen. 
Field Recording, © Natyrë Elezi

Die Kassette …
… ist eigentlich ein ziemlich störrisches Ding. Und vielleicht mag ich sie genau deshalb. Man muss zurückspulen, warten, manchmal klingt sie plötzlich anders, sie wird mit der Zeit schlechter. Bei digitalen Medien versuchen wir ständig, alles schneller, sauberer und verlustfrei zu machen. Die Kassette macht genau das Gegenteil. Und sie hat etwas Körperliches. Man nimmt sie in die Hand, dreht sie um, überspielt sie, löscht etwas. Fehler bleiben manchmal einfach drauf. Diese Unperfektheit kann musikalisch sehr schön sein.

Improvisation …
… heißt zuerst zuhören. Das klingt vielleicht banal, ist aber ziemlich schwer. Improvisation bedeutet nicht, dass alle die ganze Zeit möglichst viel spielen. Im Gegenteil. Manchmal ist die beste improvisierte Entscheidung, fünf Minuten nichts zu machen. Und sie hat etwas sehr Soziales: Man schlägt etwas vor, jemand anderes versteht es komplett anders, daraus entsteht etwas Drittes. Das kenne ich auch aus meiner Heimat und auch in Italien sehr gut – fünf Leute reden gleichzeitig, niemand wartet offiziell, bis sie dran ist, und irgendwie funktioniert die Kommunikation trotzdem. Vielleicht ist gute Improvisation manchmal genau so.

Klänge …
… sind überall. Das Problem ist eher, dass wir gelernt haben, die meisten davon nicht mehr zu hören. Mich interessieren oft gerade die unspektakulären Sachen: ein Kühlschrank, eine Lüftung, Schritte im Nebenraum, ein kaputter Lautsprecher, Stimmen durch eine Wand. Sobald man einem solchen Klang länger zuhört, wird er plötzlich unglaublich komplex. Vielleicht muss man gar nicht ständig neue Klänge produzieren. Es gibt schon genug. Man muss ihnen nur zuhören.

Natyrë Elezi, Sound Art, © Cordula Treml

Was kommt?
Erstmal möchte ich hier ankommen. Faulender Mond hat noch einige Aufführungen in der Dekadenz, und AUDĪRE wird hoffentlich weitergehen. Gerade plane ich eine Performance mit Künstlerinnen und Musikerinnen aus dem Kosovo für die Lyon Biennale.
Ab Mitte Oktober freue ich mich darauf, am Tiroler Landeskonservatorium in Innsbruck Klavier in Klassik, Jazz und Pop zu unterrichten. Ich beschäftige mich eigentlich die ganze Woche fast ausschließlich damit, ob und wie ich diese Stelle überhaupt antreten darf. Ich wohne jetzt in Sterzing und habe die Stelle in Innsbruck bekommen, aber als kosovarische Staatsbürgerin ist die rechtliche Situation trotz meines fünfjährigen italienischen Aufenthaltstitels sehr kompliziert. Ich bin inzwischen zwischen Magistrat, AMS, Fremdenpolizei, Konsulat und den italienischen Behörden unterwegs und versuche herauszufinden, welche Bewilligung überhaupt möglich ist. Ich erzähle das hier, weil ich gerade merke, dass das eigentlich auch Teil meiner Realität als Künstlerin mit Drittstaatsangehörigkeit in Europa ist: Man kann hier zwölf Jahre leben, studieren, arbeiten, Steuern zahlen, eine Stelle über ein Auswahlverfahren bekommen – und trotzdem kann die Frage, ob man diese Arbeit überhaupt antreten darf, plötzlich alles bestimmen.
Gerade durch den Umzug interessiert mich sehr, welche Menschen und Orte ich hier kennenlernen werde und was daraus entsteht. Ich glaube sowieso, dass die interessanteren Projekte oft nicht diejenigen sind, die man zwei Jahre vorher schon perfekt beschreiben konnte. Also: einiges ist geplant – und hoffentlich kommt auch einiges dazwischen. 

Natyre Elezi, geboren 1994 in der Republik Kosovo, begann ihre musikalische Ausbildung am Klavier in der Nachkriegszeit. Sie absolvierte Bachelor und Master in klassischem Klavier mit Dirigieren als Zweitfach sowie einen weiteren Master in Sound Art an der Hochschule für Musik und Theater München. Ihre künstlerische Praxis bewegt sich zwischen freier Improvisation, Echtzeitkomposition, klangkunst und Pertormance, modularer Synthese, Sound Walks, Musikproduktion und Chorleitung. In ihrer Forschung beschäftigt sie sich mit lokalen und überlieferten Praktiken, Performances über politische Grenzen hinweg, queer-feministischen Perspektiven und der Körperlichkeit von Klang in der Performance.

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