Im Gespräch mit Co-Kuratorin Giulia Cordin über die Diplorama! 2026
Mette Beuter, Diplorama! 2026, © unibz
Assume Nothing heißt die diesjährige Diplorama! – die viel erwartete und viel beachtete Abschlussausstellung der Fakultät für Design und Künste der Freien Universität Bozen. 32 Absolvent*innen aus Kunst, Design und Eco-Social Design zeigen dort ihre Arbeiten. Bis 10. Oktober 2026 ist die Ausstellung zu sehen, heuer erstmals für zwölf Tage an zwei Orten in der Stadt: im Erdgeschoss der Fakultät und in der Stadtgalerie Bozen. Konzipiert wurde die Ausstellung von einem fakultätsinternen Team unter der Leitung von Designerin, Dozentin und Forscherin Giulia Cordin, gemeinsam mit den Kuratorinnen Zasha Colah und Chiara Siravo.
Mit dabei bei Assume Nothing – Diplorama! 2026 sind: Alessia Farinola, Liselotte Michelle van Beveren, Irma Ruiz Velasco Monroy, Emily Rosa Whitney, Matteo Zanettin, Leika Su Kutzke, Gabriele Armani, Elisa Grasl, Anne Schmike Cedar, Aurora Zampedri, Alice Collareta, Gabriela Cruz,Morin Pichler, Emma Hauser, Stella Brandhlhuber, Jacopo Margaglia, Alessia Formica, Benedikt Weiss, Olimpia Mangini, Gera Minucci, Annalisa Conti, Emma Lieben-Seutter, Giorgia Ruele, Mette Beuter, Anzhelika Kopp, Catia Lamari, Anna Lienbacher, Lalehan Kahyaoğlu, Eleonora Dal Cin, Barbara Koniecka, Vanessa Wahls, Alice Yorke, Elisa Giacomelli.
Im Gespräch mit Giulia Cordin wirft franz einen Blick auf das, was hinter den Türen der Designfakultät entsteht, und zugleich auf zehn Jahre Kunststudiengang in Bozen.
Im Zusammenhang mit der Ausstellung wirst du mit folgendem Satz zitiert: „Nicht alles zu wissen, kann produktiv sein.“ Was kann passieren, wenn man im künstlerischen Prozess nicht von Anfang an alle Antworten kennt? Und was können die Studierenden daraus lernen?
Der Titel der Ausstellung lässt sich ja auf zweierlei Weise lesen: Zum einen mit Blick auf unsere gegenwärtige Zeit, zum anderen als Auseinandersetzung mit künstlerischen und gestalterischen Prozessen, die neue Formen der Beziehung zur Welt erproben, ohne unbedingt endgültige Lösungen anzubieten. Assume Nothing bedeutet in diesem Sinn, anzuerkennen, dass wir nicht immer schon alle Antworten haben. Dieses Nichtwissen kann zu einem Ausgangspunkt werden, von dem aus wir beobachten, experimentieren und neue Möglichkeiten entwickeln. Die Arbeiten der Studierenden entstehen deshalb aus der Auseinandersetzung mit konkreten Kontexten, Materialien, Gemeinschaften, Technologien oder Ökosystemen. Anpassung und das Hinterfragen von Prozessen werden dabei zu wichtigen Bestandteilen der Arbeit. Die Ausstellung und das beim niederländischen Verlag Set Margins erschienene begleitende Buch führen die im vergangenen Jahr begonnene Auseinandersetzung mit Wissensproduktion durch Praxis weiter. Wissen entsteht hier nicht in erster Linie durch Texte, sondern durch das Tun: durch die direkte Auseinandersetzung mit Bildern, Menschen, Materialien und konkreten Situationen. Dabei geht es auch darum, unterschiedliche Formen des Wissens anzuerkennen und durch Experimentieren und Produzieren selbst neue Erkenntnisse zu gewinnen. Assume Nothing wird so zu einer produktiven Arbeitsweise: Man beginnt einen Prozess, ohne bereits zu wissen, wie das Ergebnis aussehen wird. Wer offen für das bleibt, was sich entwickelt, kann mit Unsicherheit arbeiten und muss bereit sein, die eigenen Vorstellungen und Kategorien immer wieder infrage zu stellen. Prozesse und Projekte entstehen dabei im Dialog mit Dingen, die sich nicht vollständig kontrollieren lassen – etwa Materialien, die Widerstand leisten, unerwartete Entwicklungen oder Bedingungen, die Anpassung erfordern. Entdeckung geht deshalb immer auch mit einem gewissen Verlust an Kontrolle einher, und Bedeutung entsteht durch die Erfahrung des Prozesses selbst.
Die Arbeiten der diesjährigen Absolvent*innen reichen von sehr persönlichen Erfahrungen bis hin zu gesellschaftlichen und ökologischen Fragen. Was hat dich an den Arbeiten besonders beeindruckt ?
Mich berührt immer wieder der Mut der Student*innen, sich persönlich einzubringen und ihre eigene Geschichte sichtbar werden zu lassen. Viele Projekte beschäftigen sich mit komplexen, manchmal schmerzhaften oder schwer zu teilenden Themen. Sie gehen aus persönlichen Erfahrungen hervor und verwandeln diese zugleich in einen Raum für kollektiven Austausch. Dass durch die Projekte Räume des Zuhörens und der Begegnung entstehen, in denen andere sich wiedererkennen, finde ich sehr berührend und kraftvoll.
Wenn du die Arbeiten als Ganzes betrachtest: Welche gemeinsamen Themen oder Verbindungen erkennst du darin?
Zwischen den ausgestellten Arbeiten gibt es verschiedene thematische Verbindungen, die wir als kuratorisches Team bewusst sichtbar gemacht haben. Eine erste Gruppe richtet den Blick auf Gemeinschaft und konkrete Lebensräume: Wie können wir unsere Umgebung gestalten und neue Formen des Zusammenlebens entwickeln? Ein Beispiel ist Barbara Konieckas „Da Grigio a Verde“. Das Projekt setzt sich mit der Entsiegelung von Böden und mehr Begrünung auseinander, um Hitzeinseln zu reduzieren und die Stadt widerstandsfähiger zu machen. Im Mittelpunkt steht die Umgestaltung des vollständig asphaltierten Premstallerhof-Platzes in einen grüneren und lebenswerteren Ort. Dafür brachte das Projekt Bürger*innen, Aktivist*innen, Studierende, Wissenschaftler*innen sowie Politiker*innen zusammen. Die Gemeinde verpflichtete sich schließlich, die Arbeiten mit 350.000 Euro zu finanzieren. Von der Frage nach dem gemeinsamen Lebensraum führt ein weiterer Themenblock zum Individuum und zu den gesellschaftlichen Bedingungen, unter denen wir leben. Mehrere Arbeiten beschäftigen sich mit dem Druck, den die neoliberale Gesellschaft auf den Einzelnen ausübt. Prekarität, Angst, Isolation und der Verlust gemeinsamer Bezugspunkte werden dabei nicht als persönliches Versagen verstanden, sondern als Folge struktureller und politischer Bedingungen. „Corpo Catartico“ von Giorgia Ruele, derzeit im Schaufenster der Stadtgalerie Bozen zu sehen, beschäftigt sich mit der eigenen Körperwahrnehmung und den idealisierten Körperbildern unserer Gesellschaft. In einer Video-Performance schleudert die Künstlerin Darstellungen von Körperteilen, die verbessert werden sollen, gegen die Wände. Sie versteht diese Geste als kathartischen Akt und als Befreiung von Selbstverachtung und unerreichbaren Schönheitsidealen. Benedikt Weiss hingegen hinterfragt in „The Optimised Self“ eine Gesellschaft, in der der Wert von Menschen über messbare Formen von Anerkennung definiert wird. Seine Installation aus immer mehr Pokalen und Medaillen, die schließlich zu Boden fallen und zerbrechen, wird zum Symbol für die Unmöglichkeit, jemals endgültige Anerkennung zu erreichen. Eine dritte Gruppe richtet den Blick schließlich auf konkrete Formen des Handelns und Gestaltens: auf Materialien, Techniken und die Frage, wie Design auf konkrete Bedürfnisse reagieren kann. Mehrere Projekte experimentieren mit Materialien und physischen Veränderungen. Andere greifen traditionelle Techniken auf und interpretieren sie neu – oft in Zusammenarbeit mit Fachleuten aus anderen Bereichen. Eleonora Dal Cin hat unter dem Titel „Prensile“ gemeinsam mit Fachleuten aus Ergotherapie und Rehabilitation traditionelle Greifhilfen neu gedacht. Mithilfe von 3D-Druck und parametrischer Modellierung lassen sich individuelle anatomische Bedürfnisse berücksichtigen und maßgeschneiderte Hilfsmittel herstellen. So sollen wirtschaftliche und produktionstechnische Barrieren abgebaut werden. Alessia Farinola hat mit „The Goat Came Back Home“ ein passives bioakustisches Gerät entwickelt, das die verlorengegangene akustische Dimension von Korallenlebensräumen wiederherstellen soll. Das Projekt nutzt Klang, um Meereslebewesen anzuziehen, die Interaktion zwischen Korallen und Fischen zu fördern und die natürliche Wiederbesiedlung anzuregen.


Diplorama! ist heuer erstmals an zwei Orten in der Stadt zu sehen und feiert gleichzeitig zehn Jahre Studiengang Kunst. Was verändert sich, wenn die Abschlussausstellung die Universität verlässt und stärker mit der Stadt und ihrem Publikum in Dialog tritt? Und was hat umgekehrt der Studiengang Kunst in diesen zehn Jahren in Bozen bewegt oder verändert?
Gerade in Zeiten von Krisen und Veränderungen bin ich überzeugt, dass Kunst und Design wichtig sind, um Räume für Reflexion zu schaffen. Mit ihren unterschiedlichen Mitteln – Objekten, Bildern, Performances oder kollektiven Prozessen – können sie Fragen öffnen und neue Perspektiven auf die Themen unserer Gegenwart ermöglichen. Für diese Ausgabe von Diplorama! haben wir zwei wertvolle Kooperationen aktiviert, um der Arbeit der Fakultät sowie den Projekten und Ideen unserer Studierenden mehr Sichtbarkeit zu geben. Die Gemeinde Bozen und die Stadtgalerie haben uns großzügigerweise ihre Räume zur Verfügung gestellt. Die Ausstellung fand außerdem auch im Rahmen der Bolzano Art Weeks statt – eine weitere Möglichkeit für die Fakultät, ihre Arbeit einem breiteren Publikum vorzustellen. Diplorama! bringt unterschiedliche Menschen mit der Fakultät für Design und Künste in Kontakt: neugierige Besucher*innen, potenzielle zukünftige Studierende, aber auch Fachleute aus verschiedenen Disziplinen, mit denen neue Dialoge entstehen können. In den vergangenen zehn Jahren hat der Studiengang Kunst aktiv zum kulturellen Angebot in der Region, aber auch auf nationaler und internationaler Ebene beigetragen. Durch Ausstellungen, Veranstaltungen und Festivals hat er sich mit drängenden kulturellen und gesellschaftspolitischen Fragen unserer Zeit auseinandergesetzt. Nicht nur Lehrende, sondern auch viele ehemalige Studierende arbeiten heute mit Institutionen, Vereinen und Organisationen in einer Region zusammen, die in diesen Bereichen sehr aktiv und engagiert ist. Dazu gehören etwa die Teilnahme an der Biennale für Public Art Smach, bei der das Projekt .arexport der Alumni Carmine Auricchio, Jonathan Coen und Moritz Knopp in der letzten Ausgabe ausgezeichnet wurde, die Poster-Aktion von Miriam Leonardi Governatori für Art Club/Museion im Rahmen des Performance-Symposiums „Opening The Pill“ oder die Ausstellungsreihe „Joints“ in Zusammenarbeit mit Foto Forum – mit der Ausstellung „Reclaiming the Body“, die am Freitag, 2. Oktober, eröffnet wurde.