Contemporary Culture in the Alps
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Sprachlos … und oder doch nicht ?!

10 Jahre 1/2 Mittag, heuer kuratiert von Nadia Rungger und Matteo Jamunno

17.09.2026
Kunigunde Weissenegger

Matteo Jamunno und Nadia Rungger, 1/2 Mittag am 05.09.2026, © Landesbibliothek Dr. F. Teßmann

Jubiläum! Denn 1/2 Mittag findet heuer zum 10. Mal statt. Seit 2016 treffen sich Literaturhungrige an drei Samstagvormittagen im September auf Einladung Teßmann und SAAV zu literarischen Matinéen und Gesprächen. Die Themen wurden Jahr für Jahr vielfältiger, mehrsprachiger und geografisch ungewöhnlicher. Konstanz bieten Kaffee und Croissants, um beim Holbmittougholtn den Hunger zwischen Frühstück und Mittagessen zu stillen.

Heuer hab # 1 Sprachlos / Senza parole am 5.9. Raum für die Texte von Maddalena Fingerle, Veronika Oberbichler, Laurin Schedereit, Ginevra Tarascio und Miriam Unterthiner, für die Zeichnungen von Armin Barducci, für die Performance von Giulia Tornarolli. 

Bei # 2 Zwischen den Sprachen / Tra le lingue haben die drei Autor:innen Eugenia Giancaspro, Patricia Mathes und Wolfgang Nöckler Poesie auf Deutsch, Italiano, LIS Lingua dei Segni Italiana und Dialekt gelesen.

1/2 Mittag am 05.09.2026, © Landesbibliothek Dr. F. Teßmann

Runde # 3 widmet sich am 19.9. den Universen Jenseits der Worte / Oltre le parole mit Breakfast with a Soundtrack von Mirko Giocondo, Tiere & Comunicazione Non Verbale mit Rut Bernardi, Miao Miao Miao mit Chiara Fa Cose und ein Sprachexperiment von Lena Simonetti. Abwechslungsreich wie immer gibt’s Musik, Gespräche, Lesung, Monolog und Performance. 

Kuratiert und moderiert haben die Lesereihe dieses Jahr Nadia Rungger und Matteo Jamunno gemeinsam und abwechselnd. Anlass genug, um sie mal getrennt voneinander zu ihrer Idee zu befragen.

Was macht dich „sprachlos senza parole“? 
Nadia Rungger:
Im Grunde genommen die Welt, und jedes Wort, jeder Satz, jedes Gedicht ist ein Versuch, eine Sprache dafür zu finden. Aber auch Sprache kann sprachlos machen, etwa wenn ein Gedicht mich dazu bringt, es immer wieder zu lesen. Ich finde es erstaunlich, wie Worte mich gleichzeitig aufwühlen und trösten können, und nach dieser Gleichzeitigkeit frage ich immer wieder im Schreiben. Ohne Worte zu sein ist ein interessanter Moment, einmal habe ich geschrieben: ab und zu / taste ich blind / nach der welt / wenn sie nicht ist / wo ich vermute / kommt mir schwindel. Sprache kann so präzise sein – aber wie kann ich das beschreiben, was diffus ist und weit?

Matteo Jamunno: Così tante cose! Sia l’indescrivibile bellezza che le profondità dell’orrore. Cerco di restare sempre positivo e concentrarmi su quello che mi lascia senza parole perché stupendo, salvo poi rendermi conto della mancanza di empatia, crudeltà, violenza, e pure quello mi lascia senza parole. Però continuo a scrivere, forse proprio per combattere il senso di impotenza. Sia davanti al bello, che davanti al brutto. 

Wann fühlst du dich zwischen den Sprachen?
Matteo Jamunno:
Vivo in un’altra nazione e pare che il destino della mia famiglia sia quello di emigrare costantemente. Parlo ogni giorno lingue diverse. Cerco di farmi capire da tutti. Dalla cassiera al supermercato. Dal commercialista. Dalla polizia alla dogana. Penso l’unico che si sforza a non farmi sentire capito sia il mio gatto.

Nadia Rungger Immer. Es ist ein wundersames Gefühl. Beim Schreiben etwa hebe ich manchmal kurz den Blick, eine Hand auf dem Notizbuch, den Kugelschreiber in der anderen. Dann senke ich den Blick wieder aufs Papier, schreibe weiter, und erst später merke ich, dass ich Sprache gewechselt habe. Percie pa, frage ich mich später, wodurch wird das ausgelöst? Es ist etwas kaum Wahrnehmbares, so viele Wege führen von einer Sprache in die nächste.

1/2 Mittag am 05.09.2026, © Landesbibliothek Dr. F. Teßmann

Was gibt es jenseits der Worte? 
Nadia Rungger
Als Schreibende geht es um Worte – sie sind es, die auf dem Papier stehen. Aber ihre Bilder und ihre Zwischenräume werden von jedem Lesen neu definiert. Besonders die Lyrik nimmt sich diesen Raum, vor den Worten, nach den Worten. Vielleicht so: Jenseits der Worte sind die Menschen, die sie lesen, die sie aufnehmen, aussprechen.

Matteo Jamunno: Un caffè, bevuto al mattino, nel silenzio totale, parla solo moka, borbotta, ripensi ai sogni e alle poche ore di sonno prima di aprire le mail, fai il primo sorso, resetti tutto quello che di sbagliato ti ha accompagnato durante il buio, continui finché puoi, finché il sole ti accarezza, finché c’è caffè. 

Wie habt ihr das diesjährige 1/2 Mittag kuratiert? Mit all diesen unterschiedlichen Akteur:innen ...? 
Matteo Jamunno:
Abbiamo iniziato con il coinvolgere tutti gli autori della SAAV, chiedendo direttamente a loro di raccontarci cosa c’è al di là delle parole. È stato stupendo vedere tanta partecipazione, tutti hanno portato esempi, storie, poesie. Poi da lì abbiamo proseguito cercando di esplorare diversi modi di comunicare, per noi che viviamo di parole scritte, andando in luoghi nuovi. La performance, il disegno, la musica, guidati solo dalla curiosità e il desiderio di imparare e condividere.

About the authorKunigunde WeisseneggerGeboren an einem hitzigen Heunachmittag, ewiges Bergkind und immer Waldmensch. Außerdem und hauptsächlich liebe ich Sprachen und Sprache. [...] More
Nadia Rungger Es war sehr schön für mich, Halbmittag kuratieren und moderieren zu dürfen, vielen Dank an dieser Stelle der Südtiroler Autorinnen- und Autorenvereinigung und der Landesbibliothek Dr. F. Teßmann, und an Eeva Aichner und Matthias Vieider, die dieses Format in den letzten Jahren so schön gestaltet haben.
Den ersten Samstag haben wir mit fünf Texten eröffnet, die wir aus einer Ausschreibung zum Thema „Sprachlosigkeit“ – an der mehr als 40 Autor:innen teilgenommen haben – ausgewählt haben: Maddalena Fingerle, Miriam Unterthiner, Laurin Schedereit, Veronika Oberbichler und Ginevra Tarascio. Dazu gab es eine Performance von Giulia Tornarolli und Zeichnungen von Armin Barducci.
Den zweiten Samstag habe ich kuratiert, wir waren mittendrin, zwischen Sprache(n) und Poesie. Patricia Mathes, kürzlich mit dem Anerkennungspreis für Literatur des Landes Niederösterreich ausgezeichnet, las unter anderem aus ihrem Debut-Lyrikband „im grunde sprichst du schon“ (Edition Keiper 2025) – wenn Sprache, Stimme, Worte miteinander und mit uns in Verbindung treten können, dann in der Lyrik von Patricia Mathes: warst du / denn jemals / etwas anderes / als ein wort, lesen wir, und was an stimme aus uns übersteht. Die Stimme ist da, lässt von sich hören, mehr noch: lässt sich anschauen, berühren. Wolfgang Nöckler, Autor und Musiker aus Südtirol, der in Innsbruck lebt, schenkte uns einen Einblick in sein neues Manuskript „gedichte mit behinderung“. Die neuen Gedichte finden immer wieder auch Orte zwischen den Sprachen, etwa wenn englisch cared, deutsch kehrt sich treffen – aber auch wenn Sprache und Kommunikation zum Thema werden. Wie sprechen wir miteinander? Es sind Gedichte, die einen Sog entwickeln, die vom Autor mit einer ihm eigenen Musikalität vorgetragen werden. Eugenia Giancaspro aus Benevento zeigte auf, wie man gleichzeitig in zwei Sprachen sprechen kann, indem sie in italienischer Sprache und in italienischer Gebärdensprache performte, lingua dei segni italiana LIS – und das Publikum mit ihren lyrischen Texten, mit ihrem Klang und ihrer Bewegung in den Bann zog; und anschließend habe ich ein paar Fragen gestellt, auf der Suche nach einer gemeinsamen Sprache, der Poesie.
1/2 Mittag am 12.09.2026, © privat

Was hat es mit dem heurigen Motto der drei Ausgaben auf sich? 
Nadia Rungger:
Wir umkreisen Sprachen und Sprachlosigkeit, bringen Menschen zusammen, die sich in unterschiedlichen Sprachen ausdrücken – von Deutsch, Italienisch, Dialekt, Ladinisch, LIS, bis hin zu Tanz und Zeichnung. Es gefällt mir, den Raum für unterschiedliche Perspektiven zu öffnen, so hat mich besonders auch die Lesung von Laurin Schedereit beeindruckt, der mit seinem Text „Über mein Reden“ einen der Hauptpreise des Ohrenschmaus-Literaturpreises 2026 gewonnen hat. Diesem Literaturpreis geht es unter anderem auch um die Inklusion von Autor:innen im Literaturbetrieb und dem Sichtbarmachen von Menschen mit Behinderungen in ihrer literarischen Begabung. Und bei unseren 1/2-Mittagen ging es immer auch darum, trotz oder gerade auch mit unseren unterschiedlichen Sprachen eine gemeinsame zu finden, eine Augenhöhe in der Begegnung, einen Raum für kreativen und poetischen Austausch.

Matteo Jamunno: Volevamo lasciare gli schemi dei libri, una specie di fuga, organizzata in una biblioteca. Il tempio massimo. Quale miglior modo per allontanarsi dalla parola scritta o parlata, se non dando voce a ciò che trova altri modi per essere raccontata? Il desiderio di rimanere sbalorditi e ascoltare, notare i dettagli senza per forza evidenziarli, i movimenti e i gesti, i colori e i versi.

Matteo Jamunno und Nadia Rungger, 1/2 Mittag am 05.09.2026, © Matteo Jamunno

Was nimmst du von den ersten beiden Ausgaben mit? Und was erwartest du dir von der dritten und letzten? 
Matteo Jamunno:
Credo di aver ascoltato tanto. Io che sono uno che parla sempre, ho dovuto fare davvero un bello sforzo, ma ci sono riuscito. Così ho assimilato la poesia della mia collega Nadia ad esempio, le sfumature della lingua Ladina. Poi la poesia tradotta attraverso i muscoli e i gesti di Giulia. I disegni di Armin. Adesso con l’ultima giornata ho solo voglia di sentire racconti di gatti e capire come fanno gli altri umani che condividono con me questo infame destino. Ovvero il dover sopportare la totale mancanza di affetto da parte del tuo coinquilino abitante felino. O questo capita solo a me? Voglio ascoltare le voci strane che fa Chiara e vedere dove è arrivata Lena con il suo percorso performativo. Ah e fare mille domande a Mirko riguardo le colonne sonore. Amo guardare i film e mi ha sempre affascinato chi compone per rendere epica una scena.

Nadia Rungger: Ich nehme sehr vieles mit, von den Veranstaltungen selbst und auch von der Vorbereitung, dem Weg dorthin. Ich treffe Matteo zufällig im Zug von Wien nach Südtirol und wir machen eine spontane 1/2-Mittag-Sitzung im Restaurantabteil, es ist schön zu spüren, wie manche Dinge sich ab und zu von selbst fügen. Ich stehe auf der Bühne und schaue ins Publikum, ich mag diesen Moment, bevor es losgeht, Matteo und ich sprechen auf der Bühne zueinander, ich lausche den Lesungen, kenne manche Gedichte so, dass ich mitsprechen könnte, freue mich auf die Stimmen der Autorinnen und Autoren. Ich stelle Fragen, wechsele die Sprachen, spüre die interessierte und gleichzeitig lockere Atmosphäre. Ich teile mir ein Marmeladecroissant, höre da und dort ein Wort, è bella la vita così, sagt eine Frau aus dem Publikum, eine Tasse Kaffee in der Hand, und unterhält sich angeregt mit einer Autorin nach der Veranstaltung. Wir haben es so organisiert, dass Matteo Jamunno und ich den ersten Samstag gemeinsam moderieren, den zweiten habe ich übernommen und den dritten Matteo – ich wünsche eine schöne Veranstaltung am Samstag.

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Tags

matteo jamunno, Nadia Rungger, 1/2 Mittag, yomo, Teßmann, SAAV
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