Contemporary Culture in the Alps
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Visual Arts

Dealen mit Abfall – und Transformation

Das Kollektiv Con.tain mit „con.tain #4“ im Circolo in St. Ulrich, und mit franz im Interview

09.09.2026
Kunigunde Weissenegger

con.tain, Ausstellungsansichten, ars avanti, © Katharina Schreiter

Lia Mostra d’Ert in Urtijëi hat sich im Lauf seiner Existenz einen beachtlichen Namen erarbeitet. Die Aktvitäten sind so mannigfaltig wie die Mitglieder des Kreises für Kunst und Kultur: Ausstellungen mit renommierten und aufstrebenden Künstler:innen, Theateraufführungen, Konzerte, Referate, Workshops, Festivals, Mitgliederversammlungen und etliche Zusammenarbeiten mit diversesten lokalen und internationalen Kulturinitiativen. Es lohnt sich auch ein paar Blicke auf die Geschichte des Circolo zu werfen. Den Vorsitz hat im Augenblick die Bildhauerin Valeria Stuflesser. Ich persönlich rat außerdem unbedingt die Bibliothek zu besuchen und sich darin zu verlieren …

Seit Mitte-Ende August 2026 ist im Ausstellungsraum bis 13. September die Ausstellung von Alan Biehlig, Clara Pötsch, Nele Hendrikje Sandner, Katharina Schreiter und Teresa Szepes zu sehen. Der Ausstellungstitel con.tain #4 lässt Synapsen knacksen, Assoziationen drohnen und meinen inneren Beamer starten. Das Kollektiv mit dem gleichlautenden Namen konzentriert sich in der gemeinsamen Arbeit auf Denkräume. Doch! Fragen wir bei den Fünf selbst nach …

Was habt ihr euch bei diesem Namen gedacht?
Der Name unseres Kollektivs Con.tain wurde in seiner Schreibweise dem Lexikon entnommen. Die Bedeutung des Wortes reicht dabei von Enthalten und Beinhalten, bis hin zu Kontrollieren, Umfassen, Einbinden oder Eingrenzen. Er deutet ein Beobachten und Durchschreiten der Welt an, das Ähnlichkeiten mit Forschungsarbeiten aufweist. Objekte verschiedenster Art werden gefunden, gesammelt, kategorisiert, umgewandelt oder in neue Kontexte gesetzt. Diese Überreste oder Hinterlassenschaften und deren Transformation bilden den roten Faden unserer Arbeiten. Sowohl in seiner Wortbedeutung als auch in seiner Schreibweise greift der Titel verschiedene Denkräume auf. Er stellt daher die Frage nach dem Wesen der Dinge, die uns umgeben sowie den Inhalten und Funktionen, die wir ihnen zuschreiben.

con.tain, Ausstellungsansichten, ars avanti, © Katharina Schreiter

Wie habt ihr euch gefunden?
Alan und Teresa haben sich über das Ausstellungsprojekt DinAklein kennengelernt, was die Vernetzung von Kunstschaffenden fördert. Das Konzept ging also auf : ) Alan hatte die Idee zu einer gemeinsamen Ausstellung und beim Brainstormen im Café ergaben sich dann Ähnlichkeiten in der Arbeitsweise beider und es kristallisierte sich ein Konzept heraus. Über das Offene Atelier Leipzig, was einmal im Jahr stattfindet, lernte Teresa dann die Künstlerinnen Nele und Clara im gemeinsamen Atelierhaus kennen. Bis dahin wussten sie nicht, dass nur mehrere Türen voneinander entfernt, alle mit zwar unterschiedlichen Materialien, aber mit Müll experimentierten. Die Bekanntschaft mit Katharina machte Teresa bei einer Atelierfeier ihrer Künstlerkollegin. Bei einer Ausstellung in der Alten Handelsschule in Leipzig trafen sie sich zufällig wieder, scrollten durch das Instagram der jeweilig anderen und schon war Katharina mit im Container. Wir haben uns also alle gegenseitig gefunden oder aufgesammelt, alles hat sich ganz organisch gefügt.

Was reizt euch am Kollektiv? Was turnt euch am Allein-Arbeiten ab?
Die Kunstwelt zeichnet sich selten durch solidarisches Miteinander oder Kooperation aus. Das ist in unserem Kollektiv anders. Wir unterstützen uns gegenseitig und die gemeinsamen Ausstellungen helfen uns, trotz unserer Berufe am Ball zu bleiben. Die gegenseitige Wertschätzung und natürlich auch der gemeinsame Spaß machen die Arbeit als Künstler:innen bereichernder. Natürlich arbeiten wir in unseren eigenen Positionen als einzelne Menschen mit individuellen Fragestellungen, gleichzeitig beeinflussen und inspirieren wir uns aber auch gegenseitig.

con.tain, Ausstellungsansichten, ars avanti, © Katharina Schreiter

Was verbindet euch? (außer eure Looks bei euren Ausstellungseröffnungen)
Uns verbindet der Prozess des Findens und Transformierens von Zurückgelassenem. Welche neuen Funktionen oder Lebensräume können gefundenen Objekten zugesprochen werden? Wir sammeln inzwischen auch für die anderen aus der Gruppe Fundstücke. Man könnte sagen, wir dealen mit Abfall, was dann so aussieht, dass eine interessante Verpackung per Foto in die Gruppe gestellt wird. Wer sie haben möchte, meldet sich einfach und teilweise werden die Objekte auch geteilt. Beispielsweise gießt Alan eine Plastikverpackung ab und gibt sie dann weiter an Clara, die diesselbe Verpackung in eine Malerei mit Blattgold verwandelt. Wir lassen uns von Materialien inspirieren, die als Abfall bezeichnet werden. So erhalten verschiedene Fundstücke aus unmittelbarer Umgebung eine neue Existenzberechtigung. 

Was zeichnet die einzelnen Positionen aus?
Die Einzelpositionen weisen Überschneidungen auf in Themen- und Materialwahl, unterscheiden sich dann aber wieder sehr in der Materialver- und bearbeitung und im künstlerischen Endprodukt, d. h. die Ästhetik der Werkreihen ist sehr verschieden.

Sowohl in den Bildern von Alan Biehlig, als auch in seinen Plastiken finden sich Spuren von menschlichen Hinterlassenschaften wieder. Dabei handelt es sich meistens um Müll, den er auf der Straße aufsammelt. Gefundene Objekte erzeugen farbige Abdrücke im Kreidegrund oder auf Glas, Fragmente von Gegenständen werden mit Hilfe von Abgusstechniken zu scheinbar zeitlosen Fossilien. Die Arbeiten spielen mit menschlichen Vorstellungen von Naturkunde und Naturbetrachtung. Sie befragen uns selbst und die Beschaffenheit der Spuren, die wir auf der Erde hinterlassen, während sie gleichzeitig die Widerstandsfähigkeit und Kraft der Natur beschwören.

Nele Hendrikje Sandner schafft Zeichnungen, Collagen und Bildobjekte aus Papier. Mal von Hand geschöpft, mal eingefärbt, mal auseinander geschnitten und neu zusammengesetzt ist für sie das Papier der wichtigste Werkstoff. Das Material bietet ihr eine flexible Haptik, die sie je nach thematischer Ausrichtung viel fältig einsetzen kann. Ausgangspunkt ihrer Untersuchungen ist der menschliche Körper in seiner Ganzheit. Sandner entwickelt abstrakte und subtile Werke, die das Figurative hinter sich lassen, ohne den Körper zu vergessen. Dabei interessieren die Künstlerin vor allem die Spuren und Zeichnungen die das Leben auf und an uns Menschen hinterlässt.

con.tain, Ausstellungsansichten, ars avanti, © Katharina Schreiter

Katharina Schreiter arbeitet mit Fotografie, Installation und Text. Ihre künstlerische Auseinandersetzung kreist um zentrale Fragen: Was konstituiert Identität? Wie bewahren wir Erinnerung, und wie entgleitet sie uns? Wie entstehen Beziehungen, und wo liegen die Grenzen unserer Fähigkeit zur Resonanz? In ihrer Arbeit werden tatsächliche und inszenierte Räume zu Projektionsflächen und Spiegeln der menschlichen Psyche. Sie arbeitet mit echten Situationen und Beobachtungen, erweitert sie jedoch fiktiv – ein Verfahren, das ihr erlaubt, persönliche Fragen auszuloten und zu klären. Diese Fragen werden zum Angebot an die Betrachtenden, sich selbst zu befragen. Das Reale wird zum Ausgangspunkt, das Fiktive zur Methode. Dabei bleibt die Arbeit immer fragmentarisch, nie abgeschlossen und offen für das Ungewisse. Dabei verwendet sie tatsächliche und inszenierte Räume als Projektionsflächen und Analogien zur menschlichen Psyche.

Teresa Szepes stellt Bilder und Objekte aus gesammelten Papieren und anderen Materialien her. In den einzelnen Serien beschäftigt sie sich neben eigenen, persönlichen Themen, auch mit gesellschaftspolitischen Fragen von Verteilung, Konsum und wissenschaftlicher Naturbetrachtung. Ihre Arbeiten sind vielschichtig, farbintensiv, können klein und detailreich aber auch raumgreifend in ihrer Ausgestaltung und Präsentation sein. Neu entstandende Arbeiten sind der Anfang neuer Serien oder schließen an ältere an. So bleibt es ein sich ständig erweiterndes und veränderndes Archiv.

Clara Pötsch befasst sich in ihren Malereien formal wie auch inhaltlich mit Werken der frühchristlichen Kunst bis zur Renaissancemalerei. Das geschieht aus einer tiefen Bewunderung und Verwunderung spezifischer Ästhetiken. Zum anderen möchte sie die Wirkmächtigkeit solcher Bilder und den fortwährenden Einfluss auf Sehgewohnheiten im Jetzt künstlerisch erforschen. Durch das Wieder-Aufgreifen und Kombinieren bestimmter Elemente werden Geschichten neu erzählt, kritisch hinterfragt, interpretiert und erweitert. Wegwerfverpackungen, Holzreste und andere Hinterlassenschaften dienen ihr als Träger und Kompositionsgrundlage der Werke. Mit Hilfe von Blattgold, Eitempera und Acrylfarben entstehen kleinformatige Miniaturmalereien, die komplexe Szenen in bühnenhafter Landschaft zeigen.

con.tain, Ausstellungsansichten, ars avanti, © Katharina Schreiter

Was zeigt ihr bei con.tain #4 im Circolo in St. Ulrich? 
In der Galerie Circolo in St. Ulrich in Gröden zeigen wir Collagen, Fotografie, geschöpfte Papiere, eine Installation aus Pappmaché, Abdrücke auf Glas, Abgüsse aus Magnesia,Texte, Hinterplastikmalereien und Malereien auf Holz. Es sind sehr vielfältige Arbeiten, die wir alle in einem großen Koffer und in Form von zwei Rollen mit dem Zug transportiert haben, Kunst aus dem Koffer, die sich als Gesamtinstallation im Raum entfaltet. Besuchende können viel entdecken und müssen eventuell auch mehr als einmal hinschauen, um den Ursprung eines Objekts oder einer Malerei zuordnen zu können. Das erzeugt Spannung und Lust den Kunstwerken auf den Grund zu gehen und ein Stück Abfall anders zu betrachten.

Wie geht's weiter?
Wir sind natürlich gespannt auf das, was noch kommt und wie sich unsere Gruppe weiterentwickelt! Nächstes Jahr wird es eine Ausstellung in den Galerieräumen der Künstlervereinigung Dachau geben, eventuell noch eine in Hildesheim. Auch für 2028 haben wir in Leipzig eine Zusage für eine weitere Ausstellung. Parallel dazu bewerben wir uns natürlich weiterhin bei Vereinen und Galerien und freuen uns, die künstlerischen Arbeiten an unterschiedlichen Orten zu zeigen. Für alle, die uns gerne mal in ihre Ausstellungsräume einladen möchte, ihr findet uns bei Instagram.

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