Contemporary Culture in the Alps
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Büro für Gegenwartskunst

Gut genug für alle

Prägt Museum unsere geschmacklichen For-you-Pages noch mit oder sind Ausstellungen längst „Tasteslop“? Legt diesen Sommer das Smartphone nicht weg, es gibt Punkte und umgedrehte Leinwände!

07.08.2026
Barbara Unterthurner

Zuerst Basel, dann Köln, dann Amsterdam: Eine große Personale von Yayoi Kusama tourt derzeit durch Mitteleuropa. Infinity Mirrored Room – The Hope of the Polka Dots Buried in Infinity Will Eternally Cover the Universe, 2025. Mixed media, detail. Photo: Mark Niedermann. © YAYOI KUSAMA

Spätestens jetzt, Anfang August, wird klar: Dieser Sommer ist kein Hot Girl Summer – ja, er ist nicht mal brat. Dieser Sommer sagt stattdessen: „Du bist gut genug“. Und damit ist dieser Sommer der erste Sommer seit einigen Sommern, der gar nichts verlangt. Kein Urlaubsmaxxing, nichts zum Reinsteigern, einfach relaxx – oder?

Gut, verlässlich nach der zehnten Wiederholung von „Du bist gut genug“ kommt der Zweifel. Ist dieses „Gut genug“ tatsächlich nur eine Absage an die Selbstoptimierung? Oder ist es das Motto einer Gegenwart, in der auch sonst vieles vor allem eines sein soll: angenehm, vertraut und bloß nicht zu anstrengend. Probieren wir das „Gut genug“ doch einmal am Geschmack aus! Öffnet dafür eure Feeds und schaut in eure Wohnungen. Rein ästhetisch scheint auch hier vieles eh schon „gut genug“ aka schön genug, geschmackvoll genug, individuell genug.

Vor allem aber: vertraut genug.

Denn let’s be honest: Was wir in Feeds, Wohnungen und anderen Leben sehen, sind dasselbe Geschirr, dasselbe Shirt, dasselbe Buch auf demselben Nachtisch. Und dann die Urlaubsfotos, die pünktlich rund um Ferragosto entstehen: unterwegs mit dem schnieken Alukoffer, Drinks in diesen einen Ballerinas, das Buch eines deutschen Industriedesigners der Moderne im Airbnb. All das steht für guten Geschmack, das hat auch der Algorithmus längst verstanden. Und das gefällt, sogar wenn der Look am Ende irgendwie leer wirkt.

Für dieses Phänomen gibt es inzwischen einen Begriff: Tasteslop wird Autorin Emily Segal zugeschrieben und meint Ästhetiken, die hochwertig und geschmackvoll wirken, zugleich aber unpersönlich bleiben. Anders als bei AI-Slop geht es hier nicht um schlechten Geschmack, sondern um guten. Vor allem aber ums Zirkulieren seiner leicht lesbaren Zeichen: Versatzstücke, die zuverlässig Kultiviertheit signalisieren, aber aus ihren persönlichen und sozialen Zusammenhängen gelöst wurden.

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Denn Geschmack ist – Achtung, Bourdieu schielt kurz um die Ecke – nie nur eine Eigenschaft der Dinge. Geschmack zeigt auch, was wir kennen, wo wir dazugehören und wovon wir uns unterscheiden wollen. Das Togo-Sofa oder das Design-Buch von Dieter Rams sind nicht naturally geschmackvoll. Sie werden es, weil bestimmte Milieus ihre Bedeutung erkennen. Und Tasteslop übernimmt diese Codes – nur halt ohne die Erfahrungen, Beziehungen und das Wissen, aus denen Codes ihre Bedeutung beziehen. Weil der Algorithmus uns halt so gern mehr davon zeigt, was bereits als besonders bestätigt wurde.

Verlassen wir mit diesem Gedanken mal die Welt der kommerziellen Dinge und diven deep in die Kunstwelt. Gibt es in den heiligen Hallen der Kunst eigentlich auch so etwas wie musealen Tasteslop – also:

 Guten Geschmack, fein kuratiert und viel gesehen – aber doch irgendwie unpersönlich? 

Schließlich weiß man doch auch hier um das Potenzial großer Namen und erkennbarer Bildwelten. So etwa in Köln, wo im Museum Ludwig gerade mit einer riesigen Yayoi-Kusama-Retrospektive der Besucher*innenrekord gebrochen wird. 450.000+ kamen schon vor dem letzten Ausstellungswochenende Anfang August, ähnlich war der Zulauf in der Fondation Beyeler in Basel; auch im Stedelijk Museum in Amsterdam, wohin die Ausstellung nun reist, dürfte das Interesse beträchtlich sein. Funktioniert das auch deshalb, weil Punkte, Kürbisse und Spiegelräume vielen Besucher*innen längst vertraut sind? Weil Yayoi Kusama nicht nur eine Künstlerin, sondern auch so etwas wie ein weltweit lesbarer kultureller Code geworden ist? 

70 Jahre künstlerisches Schaffen: Bis zum ersten Augustwochenende war im Kölner Museum Ludwig eine umfassende Ausstellung zur japanischen Künstlerin Yayoi Kusama zu sehen. Yayoi Kusama bei der Arbeit an My Eternal Soul (2009–21), 2017, © YAYOI KUSAMA, Courtesy of Ota Fine Arts, David Zwirner

Mit dem großen Namen geht ja ein Versprechen einher: Qualität, Bedeutung und Zugänglichkeit. Ähnlich bei Georg Baselitz, der zu den bekanntesten (und teuersten!) Künstlern der Gegenwart gehört. Das Museum der Moderne in Salzburg widmet ihm derzeit gleich zwei Ausstellungen. Zumindest jene am Mönchsberg („Baselitz jetzt“) zeigt auch viele seiner bekannten – ja, berühmten – umgedrehten Figuren.

Aber auch das Bekannte ist nicht einfach von selbst bekannt geworden. Kusama, Baselitz und Co. waren nicht immer weltweit lesbare kulturelle Codes. Museen, Kunstmarkt, Kritik und Medien haben ihre Bedeutung über Jahrzehnte hergestellt und wiederholt bestätigt.

Das Problem ist also weniger, dass Museen big names zeigen. Problematisch wird es dort, wo deren Größe wie eine natürliche Eigenschaft erscheint: Yayoi Kusama = Punkte und Spiegelräume, Georg Baselitz = umgedrehte Porträts – und damit scheint alles gesagt. Wenn „musealer Tasteslop“, dann doch dort, wo diese billige Rechnung reicht, während die Bedingungen dieser Kanonisierung und die Ausschlüsse des Kanons unsichtbar bleiben.

Spätwerk am Mönchsberg: Der heuer verstorbene deutsche Künstler eröffnete die Personale in Salzburg noch mit. Georg Baselitz, Surrealismus die Filzlüge, 2020, Öl auf Leinwand, 300 × 400 cm, Ausstellungsansicht BASELITZ JETZT, © Museum der Moderne Salzburg, Foto: wildbild, Herbert Rohrer

Und genau hier kann Museum mehr sein: Es kann leicht lesbaren Zeichen Geschichte, Widerspruch und Zusammenhang zurückgeben. Das Museum Ludwig zeigte 300 Werke der japanischen Künstlerin – und nicht alle davon sind gepunktet. Salzburg zeigt neben Baselitz’ Spätwerk nun im Rupertinum („Baselitz Manifeste“) auch seine frühe Druckgrafik. Im besten Fall macht eine Ausstellung in ihrer Erzählung ja sichtbar, wie ein großer Name groß geworden ist – und zeigt gleichzeitig, wen der bestehende Kanon bisher übersehen hat.

 Gelingt das, unterscheidet sich Museum vom Feed.

Ein Kunstraum kann uns mit dem Bekannten über die Schwelle locken und dort mit etwas konfrontieren, nach dem wir nie gesucht hätten. Wenn ihr so wollt, prägt er die eigene For-You-Page mit. Auf Salzburg angewandt hieße das: Wer wegen Baselitz kommt, entdeckt auch Charlotte Perriand, eine außergewöhnliche Architektin und Designerin, die lange im Schatten von Le Corbusier gearbeitet hat. Wie viele Eintrittskarten wären allein ihretwegen wohl verkauft worden?

Gelungener Mix: All jene, die Baselitz sehen wollen, können im Museum der Moderne in Salzburg aktuell auch das Schaffen von Charlotte Perriand entdecken. Charlotte Perriand. Moderne leben: Design, Fotografie, Architektur, Ausstellungsansicht, Museum der Moderne Salzburg, 2026, © Archives Charlotte Perriand, Bildrecht Wien, 2026, Museum der Moderne Salzburg, Foto: wildbild, Herbert Rohrer

Vielleicht ist „gut genug“ tatsächlich gut genug – als Anfang. Ein übernommener Geschmack muss nicht das Ende des eigenen Urteils sein. Ein vertrauter Name muss nicht nur Bekanntes bestätigen. Er kann eine Tür öffnen. Der Feed zeigt uns nach Kusama noch mehr Kusama. Das Museum kann uns Baselitz, Kusama, aber auch Claude Monet und Louise Bourgeois und Anne Imhof zeigen – und daneben etwas, das in unserem Feed niemals aufgetaucht wäre. Auch für diesen Sommer gilt: Dafür muss man halt auch schauen gehen.

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Tags

yayoi kusama, Tasteslop, Georg Baselitz, Charlotte Perriand
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