Stephanie Stern gibt in ihrer aktuellen Ausstellung in Innsbruck Einblicke in ihr vielfältiges Kunstschaffen. Über Entropie und Entdeckungen.

Ausstellungsansicht: Under Pressure. ΔS — Orders of Glass, Stephanie Stern, kuratiert von Bettina Siegele, Neue Galerie, Innsbruck, © Daniel Jarosch
Ausstellungsansicht: Under Pressure. ΔS — Orders of Glass, Stephanie Stern, kuratiert von Bettina Siegele, Neue Galerie, Innsbruck, © Daniel Jarosch
Auf den ersten Blick: reinste Idylle. Betritt man die aktuelle Ausstellung „Under Pressure. ΔS – Orders of Glass“ in der Neuen Galerie in Innsbruck, dann sind sie da: prächtige Blumenstillleben, die sich Mensch seit jeher gern ins Wohnzimmer hängt. Fette Blüten und sattes Grün vor dunklem Hintergrund – fast so, als würde man kurz in die Kunstgeschichte abtauchen, im niederländisch-flämischen, sogenannten „Goldenen Zeitalter“ einhaken, wo auch Künstlerinnen üppige Blumenbouquets in Hochpräzision auf die Leinwand pinselten.
Bei den Blumen ist Stephanie Stern geblieben, die hier und heute in Innsbruck ausstellt. Nur sind die Bouquets der gebürtigen Tirolerin hochauflösend fotografiert. Dass sie das Stillleben anders sieht, verrät ein zweiter Blick auf das in ihrer Ausstellung zentrale Werk „Anasa“: Zwei violette Zierblüten wurden hier in wilde, widerständige Brennnesselsträuße gesteckt – autsch! Um das schöne, kontrollierte – ja, harmonische Arrangement geht es also weniger. Es geht vielmehr ums Dekonstruieren von Tradition, ums Aufbrechen von Gewohntem; vielleicht irgendwo gar ums Künstlerin-Sein. Oder: Stern will an die Kunstgeschichte anschließen, aber in der Gegenwart bleiben. Auch das versucht sie in ihrer Einzelausstellung in Innsbruck dem Publikum zu vermitteln.

Hierhin eingeladen hat sie Bettina Siegele, die Leiterin der Künstler*innen Vereinigung Tirol, die im Jahresthema „Under Pressure“ wohl nicht nur nach künstlerischen Akzenten zu gesellschaftlichem Druck, ökologischen Kipppunkten oder psychischen Belastungen gesucht hat. Bei Stern geht es um größere Einheiten – let’s say, um Grundlegenderes. Vielleicht sogar um die Ordnung der Welt. Jedenfalls aber darum, wie der Mensch Information schafft, codiert und übermittelt.
Ausgangspunkt, das bestätigt die Künstlerin, die zwischen Tirol und Wien pendelt, war für sie die Fotografie. Und irgendwo auch frühe, familiäre Prägungen. Sie sei jedenfalls in einem Haushalt groß geworden, wo ständig Computer auseinander- und zusammengebaut wurden, erinnert sich Stern. Intellektuell genährt vom Motherboard also kam sie zum Studium der Fotografie und zur Faszination für Fotolithografie. „Fotografie ist deshalb so spannend, weil sie offenbart, wie ich auf etwas blicke“, sagt Stern heute, „und dass ich mit der Fotografie etwas verändern kann“.
Als Millenial hat die RLB-Kunstpreisträgerin 2024 und die Förderpreisträgerin für zeitgenössische Kunst des Landes Tirol 2026 mit der klassischen Vorstellung von Fotografie als Mittel des Abbildens, des reinen Dokumentierens kaum mehr etwas am Hut. Für sie ist Fotografie eben auch das Übersetzen von Informationen, ein Selektionsprozess vielfach. Warum wir uns mit technischen Vorgängen, Prozessen – ja, auch der Technik in unseren Smartphones oder Computern – nicht beschäftigen wollen („Das ist ja keine Zauberei!“), kann Stern nicht nachvollziehen.

Diese Selbstverständlichkeit im Umgang mit dem Thema wird wiederum in der Ausstellung deutlich sichtbar. Noch einmal zurück zu „Anasa“, unter der die Kunst am Boden „weiterwächst“: Anstelle des fotografierten Arrangements werden unterschiedliche Materialien angeordnet. Blüten kommen auf Siliziumwafer – hauchdünnen, spiegelnden Platten aus reinem Silizium – zu liegen, die nicht ganz zufällig als Grundelement für die Herstellung von Mikrochips dienen. Auf die Wafer werden in vielen Arbeitsschritten extrem feine Strukturen aufgebracht, etwa durch Fotolithografie, Ätzen und Beschichten.
Okay, wir sind also noch im (Foto-)Thema – nur an einer ganz anderen Stelle gelandet. Ähnliche Brücken von natürlichen zu menschengemachten Ordnungen schlägt Stern eh auch in anderen Arbeiten: in „Yeux, Mille yeux (‚tausend Augen‘) zu Milliard yeux (‚eine Milliarde Augen‘)“, dem wohl tausendfach vervielfältigten Foto eines Glases mit Olive, das vom Einzelarrangement zum Code wird; oder im titelgebenden „Orders of Glass“, wo neben Schurwollfilz und Holzperlen auch Quarzsand oder Molybdän arrangiert wird. Aus Mineral wird durch den Menschen irgendwann eben hochverarbeitetes Material.

Der Mensch mischt in den Arbeiten von Stern also schon immer mit. Auch aktuelle Arbeiten entstehen in Kollaboration, betont die Künstlerin – und meint dabei u. a. Rozafa Elshan, mit deren Unterstützung „Orders of Glass“ realisiert wurde. Oder jene Floristin, die sie beim Binden des Brennnesselstraußes für die fotografierten Blumenstillleben unterstützte.
Einmal noch zu den Blumen: Auch die Frage, warum das Blumenstillleben – besonders im Vergleich zum Porträt – zum Dekoelement für das Wohnzimmer wurde, beschäftigt die Künstlerin. Vielleicht gerade deshalb, weil auch Künstlerinnen es malten (malen durften) und es später zu einem vermeintlichen „Frauenthema“ abgetan wurde. Zumindest diese Ordnung hat sich heute verändert. Bei Stern wird das Stillleben mit der Brennnessel, die vielfach entfernt wird aber sich dennoch überall findet, widerständig. Überzeugen kann man sich davon noch bis 8. August 2026 in ihrer wirklich sehenswerten Ausstellung in der Neuen Galerie.