Künstler:innenkollektiv Studio Erba zu Gast bei der BAU Residency 2026 in Aschbach

© ERBA
Wir verstehen Geruch und Geschmack als Möglichkeiten, Beziehungen zwischen Menschen, Landschaften und anderen Lebewesen zu erforschen.
Auf Einladung von BAU – Institut für zeitgenössische Kunst und Ökologie – sowie dessen Kuratorinnen Simone Mair und Lisa Mazza verbringt das Künstler:innenkollektiv Studio ERBA (Philipp Kolmann und Suzanne Bernhardt) den Sommer in Aschbach oberhalb von Algund, zwischen Wald und Wiese auf 1.350 Metern Höhe. Im Rahmen der BAU Residency 2026, für die das Kollektiv im Zuge eines internationalen Open Calls aus 97 Bewerbungen ausgewählt wurde, entwickeln die beiden ihr Projekt Am Saum, das den Ökoton, den Übergangsraum zwischen zwei Ökosystemen, als Ort der Begegnung und des Wandels erforscht. Mit Spaziergängen, textilen Arbeiten sowie Geschmacks- und Geruchserfahrungen machen sie die ökologischen und kulturellen Veränderungen der Südtiroler Weidelandschaft sinnlich erfahrbar. Wer ihre Arbeit kennenlernen möchte, hat dazu am Sonntag, 12. Juli, von 10:30 bis 12:30 Uhr Gelegenheit (Anmeldung innerhalb heute hier). Bei einem geführten Spaziergang mit Förster Laurin Mayer durch die sich wandelnde Kulturlandschaft rund um Aschbach und einer anschließenden Granita-Verkostung in der werkSTOTTschual ,das als temporäres Atelier der beiden fungiert, geben Studio ERBA Einblicke in ihre künstlerische Forschung.
Mit den beiden Künstler:innen haben wir vorab über Übergangsräume, sinnliche Erfahrungen und jene Geschichten gesprochen, die Landschaften in sich tragen.
Der Weiler Aschbach ist ein Ort, an dem sich Kulturlandschaft und Natur auf besondere Weise begegnen. Wie beeinflusst der konkrete Ort eure Arbeitsweise? Und was möchtet ihr während der Residenz über die Landschaft herausfinden?
Wir fühlen uns seit jeher von Orten angezogen, an die Menschen sich anpassen mussten: Orte, an denen Landschaften die Architektur, die Esskultur und den Alltag prägen und an denen die Jahreszeiten ihre Spuren in Rezepten, Düften und Lebensweisen hinterlassen. In den vergangenen fünf Jahren hat Studio ERBA als translokales Food-Studio gearbeitet. Wir tauchen in die Mikroklimata, Ökologien und Geschichten eines Ortes ein und verbinden sie gleichzeitig mit anderen Landschaften und Esskulturen jenseits ihrer Grenzen. Unsere Arbeitsweise wurzelt in der Beziehung zwischen Gastgeber:innen und Gäst:innen. Als Kunstschaffende sind wir immer Gäste: in einer Landschaft, in der Küche von jemandem, auf einer Wiese oder in einem Wald. Gast zu sein bedeutet, aufmerksam zuzuhören, den Rhythmen und Ritualen eines Ortes zu folgen und von jenen zu lernen, die ihn in- und auswendig kennen. Im Gegenzug werden wir selbst zu Gastgeber:innen und laden andere zu gemeinsamen Erfahrungen des Schmeckens, Riechens und Essens ein. Diese Begegnungen werden zu Momenten des kollektiven Zuhörens, in denen Menschen sich nicht nur durch Worte verbinden, sondern durch die Erinnerung an einen Geschmack, einen Geruch oder ein im Körper getragenes Gefühl.
Aschbach bietet eine Landschaft, in der viele Geschichten aufeinandertreffen: Almwirtschaft, Wälder, Tourismus, sich verändernde Wassersysteme und ein im Wandel begriffenes Klima. Uns ziehen Landschaften an, die ein wenig unaufgeräumt sind: wo Grenzen verschwimmen, wo sich verschiedene Lebensweisen überschneiden und wo keine einzelne Erzählung das Ganze erklären kann. Der Wald-Wiesen-Rand lädt uns ein, Teilnehmende statt Betrachtende zu werden: zu gehen, zu schmecken, zu riechen, zu hinterfragen, zu definieren, neu zu definieren und zu staunen. Während unserer Künstler:innenresidenz hoffen wir, diese sich überschneidenden Geschichten zu sammeln und sowohl die Reibungen als auch die Zusammenarbeit sichtbar zu machen, die diese pastorale Landschaft in Bewegung prägen.
Geschmack und Geruch sind zentrale Elemente eures Projekts „Am Saum“, mit dem ihr ökologische und kulturelle Veränderungen der Südtiroler Weidelandschaft erfahrbar macht. Welche Bedeutung haben sinnliche Erfahrungen für eure künstlerische Praxis?
Geruch und Geschmack stehen seit vielen Jahren im Mittelpunkt unserer Praxis, weil hier auch unsere eigenen Geschichten aufeinandertreffen. Philipp wuchs auf dem österreichischen Land auf, in einer Familie, in der das Leben mit dem Land einfach zum Alltag gehörte. Der Garten folgte den Jahreszeiten und seine Aromen wurden in Gläsern für den Winter konserviert. Suzanne wuchs in Amsterdam auf, umgeben von einer großen Vielfalt an Kulturen, Küchen und Geschichten. Gemeinsam existiert unsere Praxis irgendwo zwischen diesen Welten: an dem Saum, an dem ländliche Traditionen und urbane Vielfalt aufeinandertreffen, wo verschiedene Arten des Wissens, Essens und Erinnerns koexistieren und zu etwas Neuem verschwimmen können. Deshalb arbeiten wir mit den Sinnen. Wir verstehen Geruch und Geschmack als Möglichkeiten, Beziehungen zwischen Menschen, Landschaften und anderen Lebewesen zu erforschen. Sie besitzen die einzigartige Fähigkeit, unsere Wahrnehmung zu verschieben und uns Pflanzen, Tieren, Mikroorganismen, Böden und atmosphärischen Veränderungen näher zu bringen.



Was können sinnliche Erfahrungen vermitteln, das Sprache oder Bilder allein nicht leisten können?
Sensorische Erfahrungen sind unmittelbar. Ein Geruch kann Erinnerungen, ein Gefühl der Zugehörigkeit oder sogar Unbehagen hervorrufen, noch bevor wir die Möglichkeit haben, es rational zu erklären. Geschmack ist immer verkörpert. Er bringt Landschaft, Klima, Boden, Anbau, Pflege und kulturelle Praxis in einem einzigen, gemeinsamen Moment zusammen. Wir lieben es, dass Essen diese komplexen ökologischen Beziehungen auf eine Art und Weise vermitteln kann, die sowohl intim als auch greifbar ist. Für uns ist eine weitere wichtige Eigenschaft von Geruch und Geschmack ihre Fähigkeit, Menschen verschiedener Generationen und kultureller Hintergründe ins Gespräch zu bringen. Viele Menschen tragen Erinnerungen an bestimmte Pflanzen, Tiere, Gerichte, Jahreszeiten oder landwirtschaftliche Praktiken in sich. Wenn diese Erinnerungen durch Geschmack oder Duft geweckt werden, entsteht eine andere Art des Austausch – nicht nur über Informationen, sondern über Erfahrung, Erinnerung und Beziehungen. In Am Saum interessieren wir uns genau für diese Schwelle. Wie lässt sich die sich verändernde Kulturlandschaft Südtirols nicht nur durch Erklärung oder Darstellung, sondern durch den eigenen Körper erfahren? Welche Aromen verschwinden? Welche Düfte verändern sich? Welche neuen Beziehungen entstehen? Wir hoffen, dass das Schmecken und Riechen die Menschen dazu einlädt, langsamer zu werden, aufmerksam zu sein und den ökologischen und kulturellen Wandel nicht als etwas Fernes oder Abstraktes zu begreifen, sondern als etwas, das in den Körper übergeht und Teil von uns wird.
Eure Arbeit geht davon aus, dass Landschaften Erinnerungen in sich tragen. Welche Formen von Wissen begegnen euch in der Südtiroler Weidelandschaft, die im Alltag vielleicht auch oft übersehen werden? Und wie macht ihr sie sichtbar?
Wir lesen eine Landschaft oft durch die Dinge, die sie ermöglicht hat. Eine Landschaft bringt nicht nur bestimmte Pflanzen hervor oder ernährt bestimmte Tiere, sie prägt auch die Architektur, die Esskultur, die Werkzeuge und die alltäglichen Routinen. Steinhäuser, die aus Felsen der Umgebung gebaut wurden, Dachböden zum Trocknen von Heu und Kräutern, kühle Keller zum Konservieren von Lebensmitteln, Holzrechen aus lokalem Holz oder das Wissen über die Käseherstellung, das vom Bergklima, den saisonalen Rhythmen und spezifischen Mikroorganismen abhängt. All dies sind Ausdrucksformen einer langen Beziehung zwischen Mensch und Ort. Wir interessieren uns für dieses verkörperte Wissen: Praktiken, die uns lehren, mit einer Landschaft zu leben statt gegen sie. Ein Großteil dieses Wissens wird durch das Machen und Tun getragen, von Generation zu Generation weitergegeben und selten aufgeschrieben. Da sich die Landwirtschaft verändert und Technologien effizienter werden, werden viele dieser Beziehungen weniger sichtbar. Anstatt sie nostalgisch zu konservieren, fragen wir, was sie uns heute noch lehren können und wie sie in einen Dialog mit anderen Esskulturen und Lebensweisen treten können. In unserer Arbeit versuchen wir, diesen Beziehungen eine physische Form zu geben. Für Am Saum entwickeln wir textile Objekte aus lokalem Leinen, gewebt von einem der letzten verbliebenen Weber in Südtirol, Herman Kühebacher. Diese Textile befüllen wir mit Holzspänen, getrockneten Gräsern und lokaler Wolle. Sie können in der Landschaft oder am Eingang eines Hauses hängen und laden die Menschen dazu ein, sie wie eine weiche Schwelle zwischen Wiese und Wald zu durchschreiten. Sie können auch als Schürzen getragen werden, um die Landschaft nah am Körper zu tragen. Gemeinsam mit den Keramikern Morlok&Grislis haben wir Schalen entwickelt, die mit einer Glasur aus Holzasche versehen sind. Diese Gefäße werden bei zukünftigen Verkostungen wiederkehren und Spuren von gemeinsamen Mahlzeiten, Gesprächen und Begegnungen sammeln. Wie die Landschaft selbst tragen sie im Laufe der Zeit immer mehr Erinnerungen in sich.

Eure Residenz in der werkSTOTTschual ist Teil des internationalen Projekts Pastoral Twilight: Initiatives for Rural Cultures. Welche Bedeutung haben ländliche Räume heute für zeitgenössische Kunst. Und was können sie als Orte des Experimentierens und der Zusammenarbeit ermöglichen?
Wir haben ländliche Beziehungen durch gemeinsame Mahlzeiten und Verkostungen in die Städte gebracht, während wir gleichzeitig Stadtbewohner:innen dazu einluden, die umliegenden Landschaften hautnah zu erleben. Das Arbeiten in Bewegung erlaubte es uns, verschiedene Gemeinschaften und Ökologien miteinander zu verbinden, aber es bedeutete auch, sich in einem Zustand des ständigen Aufbruchs zu befinden. Was wir gelernt haben, ist, dass bedeutungsvolle Beziehungen Zeit brauchen. An einen Ort zurückzukehren, saisonale Veränderungen gemeinsam zu feiern und mitzuerleben, wie sich eine Landschaft von einem Jahr zum nächsten verändert, schafft eine andere Art der Zusammenarbeit – eine, die auf Vertrauen, Fürsorge und Kontinuität basiert. Auf unserem Weg sind wir vielen inspirierenden Initiativen begegnet, die ähnlich wie BAU arbeiten und sich bewusst dafür entschieden haben, im ländlichen Raum zu arbeiten. Sie agieren oft mit weniger Ressourcen: weniger kultureller Infrastruktur, weniger Institutionen und kleineren Budgets. Doch diese Einschränkungen eröffnen auch andere Möglichkeiten. Ländliche Kontexte bieten Raum zum Experimentieren, enge Beziehungen zu den Gemeinschaften und das starke Gefühl, dass Kultur etwas ist, das Menschen gemeinsam erschaffen, anstatt sie nur zu konsumieren. Zusammenarbeit ist dort keine Methode, sie fühlt sich eher wie eine Notwendigkeit an. Anfang dieses Jahres haben wir beschlossen, diese Verpflichtung selbst einzugehen, indem wir auf das österreichische Land gezogen sind, nahe der Grenze zu Italien und Slowenien. Das hat den Rhythmus unserer Praxis verändert. Anstatt immer wieder an einem neuen Ort anzukommen, lernen wir nun, was es bedeutet, zurückzukehren, den Jahreszeiten zu folgen und gemeinsam mit einer Landschaft und den Menschen, die sie pflegen, zu wachsen. Zeitgenössische Kunst im ländlichen Raum bedeutet für uns nicht, Kultur an einen anderen Ort zu bringen. Es geht darum, Teil einer bestehenden Ökologie aus Wissen, Fürsorge und Ernährungstraditionen zu werden und zu deren Zukunft beizutragen.

