Auch wenn uns eine Hitzewelle beutelt, ist es Zeit, einander näherzukommen. Also der Kunst wenigstens. Bedrohlich nahekommen mitunter. Hauptsache, dies- und jenseits des Brenners wird mit Humor ge-acted.

Hinterlass eine fotografische Spur, wünschte sich Franco Vaccari schon 1972. Eine Ausstellung im Museion entdeckt sein Werk wieder; © Luca Guadagnini
Zugegeben, es ist schon funny, sich manchmal lustig zu machen – über Kunst und all den Ernst, der uns bei Ausstellungen und den beiliegenden Texten mitunter entgegenschwappt. Da wird generell gern „evoziert“ und „in reduzierter Formensprache“ geraunt. Ergo: Vielen fällt es schwer, über Kunst zu sprechen. Andere wollen erst gar nicht.
Gehen wir vom Text aus, so scheinen Kunst und Künstler*innen oft meilenweit entfernt von ihren Betrachter*innen. So weit entfernt, dass es sich heute – sogar inmitten einer Hitzewelle – lohnt, einmal darüber nachzudenken, was passieren könnte, wenn wir der Kunst wieder etwas näher rücken. Denn auch Kunst braucht Zuneigung. Nur ist nicht jede Annäherung eine gute Idee. Man kann sich einladen lassen. Oder mit einem Tannenzapfen vorrücken.
So passiert zuletzt in einem Museum in Jerusalem, wo ein Sechsjähriger einem Gemälde von René Magritte zu nahe kam – mit besagtem Tannenzapfen. Das ging nicht gut aus. Jedenfalls nicht für die Leinwand von „Schloss der Pyrenäen“. Und am Ende auch nicht für den unfreiwilligen Vandalen. Der Magritte muss in die (Restaurierungs-)Werkstatt, der Sechsjährige sei tief betroffen, heißt es in der Berichterstattung. Aus einer Berührung wird hier wohl künftig eher Abstand. Denn: Wer will nach so einem Erlebnis schon noch ins Museum gehen?
Noch tiefer schürften tatsächlich nur jene aufdringlichen Laien-Restaurator*innen, die sich vor Kurzem im brasilianischen Carmo do Cajuru einiger Heiligenfiguren derart annahmen, dass diese zu viralen Lachnummern wurden. Um Himmels Willen! Schnell wurden Verbindungen gezogen zu „Monkey Christ“, eben jenem Ergebnis der Verschlimmbesserung durch eine spanische Rentnerin, die es doch nur gut meinte, aber das Antlitz von Gottes Sohn schlecht traf. Und die Moral von diesem G’sicht? Schwierig wird es dort, wo Zuneigung keine Distanz und keinen Respekt mehr kennt. Wo Patina Schmutz heißt und Ausdruck als Defekt gilt, will der Mensch nicht erhalten, sondern verbessern. Und genau dann wird’s heikel.
Treten Sie ein!
Aber Abstand allein ist natürlich auch keine Lösung. Irgendetwas muss zwischen Kunst und Mensch schon passieren. Ein Blick, eine Bewegung, ein Zögern, ein Lächeln. Manchmal reicht es nicht, vor einem Werk zu stehen. Manchmal will es etwas zurück. Das zeigen viele aktuelle Ausstellungen. Gehen Sie ins Museion in Bozen, wo die Werke des 2025 verstorbenen Franco Vaccari erst durch ihre Betrachter*innen aktiviert werden. Sie entstehen quasi „in tempo reale“, also in Echtzeit – und sind am Ende eher Situationen als klassische Werke. Weit über die heimatlichen Grenzen hinaus berühmt wurde Vaccari mit seiner Arbeit „Esposizione in tempo reale n. 4, Lascia su queste pareti una traccia fotografica del tuo passaggio“, die vom Publikum will, was der Titel sagt: eine fotografische Spur. Vaccari begriff Fotografie schon 1972 nicht mehr als Dokument, sondern als Handlung. Und schuf gleichzeitig Kunst, die durch das Publikum entsteht.


Solche und ähnliche Ansätze lassen sich unter dem naheliegenden, aber smarten Ausstellungstitel „Feedback“ in Bozen aktuell ausprobieren. Heißt für alle, die gespoilert werden wollen: im Dunkeln tappen, in einer Bar abhängen oder eben Spuren hinterlassen. Heißt in dem Fall also: nicht nur schauen. Aktiv werden. Im positiven Sinne.
Spielen wir mit!
Noch mehr gefällig? Was passiert, wenn Kunst und Mensch in Bewegung geraten – miteinander und gegenseitig –, ist in der Franzensfeste indessen ins kuratorische Konzept eingeflossen. Die FORT Biennale 02 reclaimt das Collective bewusst. Und schlägt für Publikum und Kunst eine Choreografie in vier Akten vor. Entlang von „Think“, „Play“, „Act“ und „Dance“ bewegt sich die Ausstellung weg vom Inhaltsträger hin zum Handlungsrahmen – einem Parcours, in dem sich das Aktivsein irgendwann immer schneller dreht. Und ganz schön laut wird.



Während man bei Rosmarie Lukasser in Akt 1 („Think“) und ihren verspannt hockenden Menschenskulpturen noch über weltumspannende Netzwerke und den eigenen Handynacken nachdenkt, stülpt man sich bei Michael Fliri in Akt 2 („Play“) schon eine Maske über, was ohne Mithilfe anderer übrigens nicht gelingt. Mehr als ein Individuum braucht offenbar auch Ingrid Horas erstaunlich einsame Arbeit „The Great Leap Forward“ (2011): Mehrere aneinander montierte Gehhilfen zeigen: Nicht nur Kunst kann nicht ohne Mensch. Auch der Mensch kann offenbar nicht ohne andere Menschen. Gemeinsam werden „Dance“ und „Act“ dann ohnehin schöner: In Akt 3 wandert das Publikum durch unterschiedliche Soundscapes und Musikszenen Südtirols, in Akt 4 baut es ein ganzes alpines Netzwerk.
Komm näher!
Nach so viel kollektiver Choreografie geht es aber auch kleiner, stiller, privater. Die höfliche Einladung ist da längst in etwas anderes gekippt. Aus dem anfänglichen „Kommen Sie näher!“ wird ein „Komm näher!“ – nicht als Befehl, eher als Sammelbewegung. Ganz eng wird es in „Du bis Ich“, jener Brücke, die Matthias Krinzinger in seiner neuen, so betitelten Ausstellung in der Plattform 6020 in Innsbruck baut. Aneinandergeschmiegt und durcheinandergewürfelt sind dort Werke des Künstlers und Werke von Kolleg*innen – und damit auch alles, was sich sammeln lässt. Kronkorken, Spielkarten, Fossilien, Briefmarken, bemalte Leinwände und Fotografie: Alles ist hier Kunst. Oder kann es werden.

Lach ruhig!
Und damit zurück zum Anfang, nur vielleicht von der anderen Seite: Es kann befreiend sein, über Kunst zu schmunzeln. Noch besser aber ist es, wenn Kunst selbst schmunzelt. Nicht als Witz, nicht als Pointe, nicht als billiger Ausweg aus dem Ernst. Eher als kleine Verschiebung, die dich in den Raum lockt, bevor du überhaupt merkst, dass du schon drinstehst.
Bestes Beispiel aktuell: Andrea Lüth, die in ihrer Ausstellung im Klocker Museum in Hall einmal mehr spielerisch mit Sprache, Fehlern und Erwartungen umgeht. Den Ernst des Künstler*in-Seins trägt sie mit dicken Pinselstrichen oder Popkultur-Anleihen auf die Leinwand – und lässt ihn dort kippen. In ihrer Schau hängt „Gute Bild“ neben der großen Frage: „Kommt da noch was?“ Da fragt man doch lieber zurück: Was brauchen wir noch?
Manchmal reicht es, wenn Kunst nicht erklärt, warum sie wichtig ist. Schaut euch in den vier hier empfohlenen Ausstellungen um, die aktuell alle noch einige Wochen laufen. Manchmal reicht es, wenn Kunst frech grinst. Und wir zurück.