The Guardian of Stories von Claudia Bellasi und Markus Steiner Ender im Wettbewerb beim 39. Bolzano Film Festival Bozen

The Guardian of Stories, © Markus Steiner Ender
Der preisgekönten Dokumentarfilm The Guardian of Stories der beiden Meraner:innen CIaudia Bellasi (Co-Regie und Co-Autorin) und Markus Steiner Ender (Co-Regie und Kamera) stand bei mir schon länger auf der Watchlist. Umso mehr habe ich mich gefreut, als ich ihn im Programm der 39. Ausgabe des Bolzano Film Festivals Bozen in der Wettbewerbskategorie Local Heroes entdeckt habe, in dessen Rahmen er auch seine Italien-Premiere feiert.
Worum es geht: Im Mittelpunkt dieses 74-minütigen Dokumentarfilms, produziert von der spanischen Produktionsfirma trukitrek, steht der junge laotische Geschichtenerzähler Siphai Thammavong, der sich der Bewahrung eines bedrohten kulturellen Erbes verschrieben hat: dem Sammeln und Erzählen von Geschichten. Auf seinen Reisen durch abgelegene Regionen seines Landes sucht er die Begegnung mit Menschen, die durch mündliches Erzählen noch alte Legenden, Mythen und Erinnerungen lebendig halten. In einer Zeit rasanten gesellschaftlichen Wandels wird sein Weg zu einer Suche nach Identität, Erinnerung und kultureller Kontinuität. Der Film begleitet diesen Prozess und eröffnet zugleich einen poetischen Blick auf die Kraft des Geschichtenerzählens als verbindendes Element zwischen Vergangenheit und Gegenwart.
Für franzmagazine habe ich mich mit Claudia Bellasi und Markus Steiner Ender über die Entstehung des Films, die Zusammenarbeit mit Siphai und die Herausforderungen bei den Dreharbeiten ausgetauscht.

Was hat euch an Siphais Mission besonders berührt?
Für uns war vor allem Siphais Leidenschaft für die Bewahrung der mündlichen Überlieferungen seiner Kultur beeindruckend. Seine Mission steht im Einklang mit unserer eigenen, nämlich künstlerische und kulturelle Ausdrucksformen in ihrer ganzen Vielfalt zu dokumentieren und zu teilen. In diesem Fall wurden wir von der Dringlichkeit und Schönheit eines kulturellen Erbes berührt, das noch in Stimmen, Gesten und Landschaften lebt, aber langsam aus dem kollektiven Gedächtnis zu verschwinden droht. Das Erzählen und Weitergeben von Geschichten durch Sprache ist eines der grundlegendsten Merkmale des Menschen – eine imaginative und relationale Fähigkeit, die Generationen verbindet, Identität formt und Erfahrungen Bedeutung verleiht. Oft fragen wir uns: Wenn wir diese einzigartige menschliche Fähigkeit verlieren, was könnten wir dann noch alles verlieren? Vielleicht etwas Grundlegendes: unsere Verbindung zueinander, zu unserer Vergangenheit und zu einer Weisheit, die nicht schriftlich festgehalten werden kann.


Mit welchen Herausforderungen wart ihr beim Drehen in den abgelegenen Regionen von Laos konfrontiert?
Eine der wohl größten Herausforderungen war die Unvorhersehbarkeit von Siphais Zeitplan, der sich oft kurzfristig änderte, da er zur Versorgung seiner Familie drei verschiedene Tätigkeiten ausübt: Theater, Landwirtschaft und Unterricht. Sein Alltag ist so intensiv, dass jeder Tag ständige Improvisation und Anpassung erforderte, mit häufigen kurzfristigen Änderungen. Wir waren jedoch ein kleines und agiles Team – nur vier Personen – und dadurch sehr flexibel. Trotzdem war es nicht immer einfach: Die Straßen in Laos sind oft schlecht, die Reisen lang und unsicher und der Transport von einem Dorf zum anderen erforderte Zeit, Geduld und Abenteuergeist. Eine weitere Herausforderung waren die Tonaufnahmen der Off-Stimme für das Figurentheater. Wir wollten unbedingt Siphais erzählerische Stimme als Off-Stimme nutzen. Die Suche nach einem wirklich ruhigen Ort erwies sich als schwierig. Verkehrslärm und krähende Hähne ständig und überall machten konzentrierte Aufnahmen fast unmöglich. Schließlich hatten wir Glück und fanden in der Nähe von Luang Prabang einen Musiker mit einem kleinen Proberaum, abgelegen von Straßen und fern vom Alltagslärm. Am Ende war es aber genau diese Unvorhersehbarkeit, die das Projekt noch authentischer gemacht hat. Und langweilig wurde es uns definitiv nie!
Euer Dokumentarfilm wurde auf mehreren internationalen Filmfestivals präsentiert und auch ausgezeichnet. Was glaubt ihr, macht den Erfolg dieser Geschichte aus?
The Guardian of Stories wurde auf sieben internationalen Festivals in China, Australien, Bangladesch, Nepal, Kambodscha, den USA und Italien gezeigt. Für uns liegt der Erfolg dieses Films in seiner hybriden Natur, die verschiedene künstlerische Ausdrucksformen miteinander verbindet. Es ist ein Dokumentarfilm, der nicht nur beobachtet, sondern sich in ein visuelles und poetisches Erlebnis verwandelt. Ein Film, der durch seine Fähigkeit beeindruckt, dokumentarischen Realismus mit theatralischer Magie zu verbinden. Wir haben zwei vollständige Geschichten, die wir gemeinsam mit Siphai in den Dörfern gesammelt haben, mithilfe des Figurentheaters im Film integriert, um so das Publikum in eine märchenhafte, fast traumartige Dimension zu versetzen. Uns war es wichtig, nicht nur die Realität zu zeigen, sondern die Zuschauer:innen in die imaginären Welten laotischer Volksmythen eintauchen lassen, in denen Mythologie, Landschaft und Alltag miteinander verwoben sind. Genau das ist es, was auch dem Publikum gefällt: ein Film, der evoziert, nicht nur erzählt. Und dann ist da der Rhythmus – kontemplativ, langsam, respektvoll – der das Leben in Laos widerspiegelt, wo Zeit anders zu verlaufen scheint. Diese Atmosphäre hat jede Einstellung, jede Stille und jede Übergangsszene geprägt. Die Bilder und die Fotografie sind nicht nur unterstützend, sondern bewusst gestaltet, um Emotionen zu vermitteln und die Zuschauer:innen in diese Welt eintauchen zu lassen. Es ist eine poetische, aber auch positive Geschichte: kein bloßes Dokument, sondern eine Hymne auf die Widerstandskraft kultureller Traditionen und die Schönheit des mündlichen Erzählens. Und vielleicht ist es in einer Zeit technologischer Hektik genau diese erzählerische Ruhe, dieses Vertrauen in die Kraft von Bildern und Worten, die Menschen am meisten berühren. Außerdem verbinden erzählte Geschichten Menschen – unabhängig von Herkunft, Kultur oder Alter. Besonders deutlich wurde uns das bei den beiden Festivals in Asien, bei denen wir vor Ort waren. In den Gesprächen mit dem Publikum in Shanghai (China) und Dhaka (Bangladesch) tauschten wir uns über ihre eigenen Geschichten und Erzähltraditionen aus. Dabei wurde uns bewusst, wie universell das Bedürfnis nach Geschichten ist: Das Geschichtenerzählen ist ein Alleinstellungsmerkmal des Menschen: Nur wir Menschen erzählen einander Geschichten, um Erfahrungen zu teilen, Erinnerungen weiterzugeben und Verbindung zu schaffen.

Hat dieses Projekt eure Sicht auf Storytelling oder auf das Filmemachen verändert?
Absolut. The Guardian of Stories ist unser erster Film und der lange, komplexe und kollektive kreative Prozess hat uns künstlerisch und menschlich tief verändert. Wir lieben Storytelling in all seinen künstlerischen Formen seit jeher und dieses Dokumentarfilmprojekt hat uns herausgefordert, uns selbst hinterfragt und uns weit über unsere Erwartungen hinaus wachsen lassen. Wir wurden darin bestätigt, dass Kino eine Brücke zwischen verschiedenen Kulturen sein kann – ebenso wie zwischen Tradition und Moderne, zwischen Individuen und Gemeinschaften. Wir hoffen, dass The Guardian of Stories beim Publikum auch die Freude am mündlichen und theatralen Erzählen neu entfacht, Kunstformen, die uns dazu einladen, innezuhalten, tief zuzuhören und uns wieder mit Emotionen zu verbinden. Sie erinnern uns daran, wie wichtig es ist, die einzigartigen Stimmen kultureller Gemeinschaften zu bewahren, bevor Zeit oder Vergessen sie verschwinden lassen. Dieser Film hat uns gezeigt, dass Geschichten nicht nur etwas sind, das wir erzählen: Manchmal wählen sie uns aus, ziehen uns hinein und verwandeln uns am Ende mehr, als wir je gedacht hätten.

Claudia Bellasi, 1973, ist Künstlerin, Kulturvermittlerin, Regisseurin und leidenschaftliche Liebhaberin von Straßentheater, Musik, Zirkus und den unterschiedlichsten darstellenden Künsten. Seit über zwanzig Jahren ist sie künstlerische Co-Leiterin des internationalen Straßenkunstfestivals Asfaltart in Meran. Gleichzeitig arbeitet sie als Schauspielerin, Jongleurin und Clown im Theater-, Kinder- und Straßentheater. Darüber hinaus war sie als Theaterregisseurin tätig und konzipierte und inszenierte eigene Produktionen und realisiert eigene Bühnenproduktionen, darunter L’uomo che piantava alberi. Gemeinsam mit Markus Steiner Ender gründete sie artenlamondo, eine Plattform zur Dokumentation und Vernetzung darstellender Künste und kultureller Erzähltraditionen.
Markus Steiner Ender ist Regisseur, Filmemacher, Fotograf, Musiker und leidenschaftliche Liebhaber von Straßentheater, Musik, Zirkus und den unterschiedlichsten darstellenden Künsten. Im Mittelpunkt seiner Arbeit steht das visuelle Geschichtenerzählen, insbesondere in den Bereichen Straßentheater, Puppenspiel und Kulturerbe. Als Teil des Teams hinter dem internationalen Straßenkunstfestivals Asfaltart ist er für Kommunikation, Fotografie und Online-Medien verantwortlich. Steiner Ender hat einen starken Schwerpunkt auf Performance-Fotografie gelegt. Seine Ausstellung A Family on Theatre Wheels aus dem Jahr 2019 dokumentierte die italienische Straßentheaterfamilie Girovago e Rondella, während er 2022 Fotografien der spanischen Puppentheatergruppe Zero en Conducta präsentierte. Zusammen mit Claudia Bellasi initiierte er das kreative Projekt artenlamondo.