Was haben Kabelkopfhörer eigentlich mit den großen Gefühlen zu tun? Und all das mit zeitgenössischer Kunst? Eine Reise in die analoge Welt, nach London und zurück.

Künstlerin der „Young British Artists“, Tracey Emin malt, filmt, stickt, oft ist sie selbst Teil ihrer Werke, etwa ihrer Fotografien. © Tate/Sonal Bakrania
Achtung, eine wichtige Durchsage: Die Kabelkopfhörer sind zurück. Das meldete zuletzt auch die BBC. Und das sieht jede und jeder in Bus, Bahn und überall sonst. Weiß glänzende Kabel samt Verbindungsgliedern baumeln da zwischen Ohr und Empfangsgerät, so als hätte es absolute Bewegungsfreiheit nie gegeben. So als hätte man Bluetooth gar nie gebraucht.
Übrigens, es ist jetzt eh wieder schick, offline zu gehen. Social Media ist over. Und auch das dringende Bedürfnis, jede Minute eines Alltags zu dokumentieren scheint, ob der Fülle an bereits dokumentierten Alltagen, irgendwie nicht mehr ganz so drängend. Überhaupt sind wir der Lautstärke in den Echoräumen überdrüssig, geblendet von der Grellheit im KI-Slop und genervt von dem Trash aus all den Shit-Postings. In einer Welt, in der der politische Alltag die Satire abgeschafft hat, muss man sich sowieso eines fragen:
Was gibt es da überhaupt noch zu posten?
Wir haben doch alles schon gehört. Banksy gilt erneut als enttarnt. Und der Louvre kein Nonplusultra-Museum mehr. „Auf der Biennale in Venedig ist ein Streit über die Teilnahme Russlands an der Biennale entbrannt“ – war das nicht schon mal? „Das Rijksmuseum entdeckt verschwundenen Rembrandt“ – war das nicht schon öfter? „Die Kirche (auch bei mir in Innsbruck übrigens, Anm.) entdeckt pünktlich zur Fastenzeit ihr verschüttgegangenes Interesse an der zeitgenössischen Kunst wieder“ – ja, hört das denn eigentlich nie auf?

Wenn schon nicht online sein, dann statt Fastentücher lieber „blankets“. Und ein ungemachtes Bett. Also im Museum! In der Tate Modern in London wartet nämlich aktuell eine Künstlerin, die ihr Leben in Bettdecken und dazugehörigem Gestell schon so schonungslos ausgestellt hat, wie man es auf Social Media gar nie könnte. Tracey Emin ist eine der bekanntesten lebenden Künstler*innen überhaupt – und das auch, weil sie einst ihr eigenes Bett in den Ausstellungsraum verfrachtet hat. „My Bed“ von 1998 gehört zu den ikonischsten Werken der zeitgenössischen Kunst. Und ist in der Ausstellung „A Second Life“ derzeit in London wieder zu sehen.
Da steht es dann, wie in Emins „erstem Leben“, in all seiner Einfachheit, zerwühlt und zerschlafen, benutzt und verlebt. Bierdosen, angebrochene Medikamente, Kondome haben sich rundherum eingefunden wie ein Chor von Gute-Nacht-Sagern. Es ist ein Leben in einem Queen-size-Format gebettet. Aber: So echt hat sich Kunst vorher vielleicht noch nie angefühlt.

Gehüllt ist die Künstlerin zudem noch in ein Leben, dessen Ups – aber vor allem Downs – sie bis heute radikal offen erzählt. Milieu, Missbrauch, Metastasen, das Frausein in einer (Kunst-)Welt, die gemacht ist für Männer, all das ist bei Tracey Emin Motiv. Für Malerei, Stickerei, Skulptur, Video und mehr. Und alles ist gleichzeitig ein Prozess. „Its Not me Thats Crying its my Soul“ liest man irgendwo in leuchtenden Lettern. Und glaubt ihr das. „Nichts ist ihr peinlich“, schreibt ein Kritiker der Zeit über Emin. Gleichzeitig ist auch nichts persönlich. Und das schon, bevor alle um sie herum damit begannen, online ihre Leben für alle auszubreiten.
Nichts ist persönlich.
Was Tracey Emins Kunst besser macht, als alles, was in digitaler Form danach kam: Sie hat nichts geschönt. Alles fühlt sich echt an. Während die Gefühle drumherum zugleich weniger gefühlig werden. Übrigens nicht nur in London. Auch in Ausstellungen rund um uns Älpler*innen darf dieser Tage analog richtig gefühlt werden. Der Kunstraum Schwaz wagt gerade einen „FLIRT“. Zwei Künstlerinnen, Isabel Peterhans und Lea Abendstein, sehen ihre aktuelle Ausstellung dort nicht als Display, sondern als feministisches Mittel der Annäherung. Eine Beziehung, die interessanterweise zuerst E-Mail-Verkehr war und jetzt Malerei, Stoff, Text und alles gleichzeitig wurde.
Am anderen Ende der emotionalen Skala: Brixen weint. Im „Tränenpalast“ von Leander Schwazer in der Stadt Galerie Brixen reagieren Künstler*innen bis 4. April auf Historisches. Es werden Tränen geweint – und von Manuela Kerer gar musikalisch abgewogen. Bei Aron Demetz sind die Tränen endgültig zu Pech geronnen. Und wo der Gletscher schon weint, fehlen höchstens noch die performativen Zeichnungen von Esther Strauß (laufende Serie: „2024–2034“), in denen die Künstlerin ihr Weinen über zehn Jahre hinweg dokumentieren will. Die ersten Papiere wurden vor zwei Jahren im TAXISPALAIS in Innsbruck ausgestellt.
Aber hey, don’t be a crybaby – hier muss nichts beweint werden! Also Handy weg und ab ins Bett. Oder nach Schwaz, Brixen oder London. Ob sich der Besuch der Ausstellungen hier wie dort lohnt, berichte ich euch übrigens gern weiterhin auf Social Media. Mitsamt meiner Kabelkopfhörer.