Contemporary Culture in the Alps
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Visual Arts,Performing Arts,People + Views

Was Material und Gesten über uns erzählen können

Camilla Prey zeigt durch ihre Kunst neue Möglichkeiten der Wahrnehmung auf

10.03.2026
Greta Ferrari

Eco del sucesso, Camilla Prey, 2025, Installation, Sportpokale und Medalien, Ausstellungsansicht im Kunstforum Unterland, Neumarkt, Italien, © Tiberio Sorvillo

Die Arbeiten von Camilla Prey sind wie die Spuren einer Reise durch kreative Prozesse, die in Bildern, Skulpturen, Installationen und Schmuckstücken Gestalt annehmen und erfahrbar werden.
Die junge Künstlerin ist in Weimar in Deutschland geboren und in Neumarkt in Südtirol aufgewachsen. Ihre Ausbildung führte sie durch verschiedene Länder, von Österreich bis nach Estland und Portugal, wo sie sich auf zeitgenössischen Schmuck spezialisierte. Aktuell studiert sie an der Akademie der Bildenden Künste in München.

Camilla interessiert sich besonders für die Beziehung zwischen dem Material, das sie verwendet, und den Gesten, durch die es in eine Form gebracht wird. Oft handelt es sich dabei und Handgriffe und Bewegungen, die über Generationen weitergegeben wurden. Angeregt durch die Frage, wie die Gesten im Schaffensprozess mit Zeit und Raum in Verbindung stehen, begann die Künstlerin, sich auch mit der Performance auseinanderzusetzen und so auch soziale und anthropologische Aspekte zu erkunden. Ihre Kunst ist multidisziplinär und multidimensional: verschiedene Ebenen, Gegenstände und Konzepte verschmelzen miteinander. Die so entstehenden Arbeiten tragen etwas von einem fortlaufenden Prozess in sich, als hätten sich Überlegungen und Erfahrungen in dem Objekt kondensiert, ohne jedoch statisch zu werden. Durch feine Nuancen und geschickte Verweise gelingt es ihr, unsere gewohnte Wahrnehmung oft kaum merklich zu verändern. Man hat das Gefühl, dass sie mit ihrer Arbeit Schritt für Schritt Schichten abträgt, um uns etwas zu zeigen – um sanft, aber bestimmt etwas zu enthüllen.

Camilla Prey, © Cristiana Ortiga

Im Sommer 2025 präsentierte Camilla Prey bei ihrer Einzelausstellung How many scales on the eye? im Kunstforum Unterland in Neumarkt eine Auswahl ihrer Werke. Im folgenden Interview erzählt sie mehr über ihre künstlerischen Erkundungsreisen und die Gedanken, die in ihren Arbeiten mitschwingen. 

About the authorGreta FerrariWas ich mag: Mittelmeerfarben, warme Wollsocken im Winter, gute Bücher auf langen Zugfahrten, Herbstspaziergänge, ferne Orte und Sprachen, [...] More
Du hast in Lissabon, Tallinn und München studiert. Was haben dir diese verschiedenen Orte künstlerisch vermittelt und wie haben sie deine Arbeit beeinflusst?
Orte sind Sprache, Umfeld, Kultur und sind in sich selbst im stetigen Wandel. Jeder Ort, an dem ich in einen Kontext eingewachsen bin und durch dessen Linse ich kurz oder länger schauen durfte, hat mir Perspektivenwechsel geschenkt. Ich bin schon seit Jahren zwischen verschiedenen Orten, nach einem längeren Arbeitsaufenthalt in Slowenien und dann in der Schweiz habe ich in Wien mein erstes Studium in Kultur- und Sozialanthropologie und in Kunstgeschichte begonnen. Dort hatte ich schon im Gymnasium ein Jahr an einer Textil-Design-Schule verbracht. In den letzten Jahren sind Lissabon, Südtirol und München zu Gravitationsorten geworden.
Es ist ein Spiel von Kostanten und Unterbrechungen. Manche Situationen, Menschen, Beziehungen, Ansichten bleiben länger als andere, aber durch die konstante Veränderung, werden Entscheidungen aktiv und werden einem selbst offenbart. 
Das daraus entstehende Auslesen färbt sich auf meinen Bezug zu meiner künstlerischen Arbeit ab. Manchmal scheint es mir, dass die Produktion von Ausstellungen und Umzüge viel gemeinsam haben.
11 Teaspoons, Camilla Prey, 2024, Objekt im geschlossenen Zustand, Objekt im offenen Zustand, Teelöffel, © Camilla Prey

Würdest du deine Schmuckstücke als konzeptuell bezeichnen?
Von 2018 bis 2022 habe ich mich vorwiegend mit Schmuck auseinandergesetzt. Anfangs war ich sehr am Handwerk interessiert, an den Techniken. Vor allem auch an dem engen Kontakt mit dem Material und der Vorstellung, wie Menschen seit Tausenden von Jahren eine Beziehung zu Metall und dessen Bearbeitung haben. Die Gesten gehen lange in der Zeit zurück und dieses Echo kann man in den eigenen Handgriffen spüren. Das ist ein magisches Gefühl. Mit der Zeit hat sich mein Interesse mehr in die Peripherien, die Grenzgebiete des Schmucks und der dazugehörigen Gesten erweitert: Spannungsfelder Objekt, Körper und Träger, soziale und anthropologische Aspekte von Schmuck und Werkzeug. 
Als eine der Konsequenzen davon ist ein konzeptionelles Denken in den Vordergrund getreten. 
Die Medien, die ich auf meiner Suche ausgewählt habe, verschoben sich langsam in den Bereichen Installation, Objekte, Skulptur, Video und Performance, aber trugen als Gedanke den Schmuck im erweiterten Sinne.  

Rapunzel, Rapunzel, L' animal que donc je suis, Performance Play #1, Camilla Prey, 2024, Galeria Ze dos Bois, Lissabon, Portugal, © Tiago Moura

Wann hast du begonnen, dich für die Performance als Ausdrucksform zu interessieren und welche spezifischen Möglichkeiten bietet sie?
Die Geste hat mich im Handwerk schon sehr begeistert. Wie bewegt sich ein Körper mit Intention im Raum? Was sind die Brücken zur Materie? Performance gab mir die Möglichkeit, Zeit auf eine andere Art zu spüren und zu verkörpern. Zeit ist zwar auch in einem angefertigten Objekt vorhanden, aber der Moment des Zeigens ist meist ein stiller und meistens das Ende. Durch Performance konnte ich diesen Moment verlagern und die Idee des Endmomentes auseinanderziehen, einen Fokus auf das Davor und das Danach richten, den Prozess zum Endmoment werden lassen oder diesen vollkommen auflösen. 

Floating Mountain, Camilla Prey, 2023, Objekte, gesammelte Steine aus verschiedenen Ortschaften, © Camilla Prey

Dein Kunstwerk „Floating Mountain“, bei dem Steine ineinandergelegt wurden und so etwas Neues bilden, erinnern sehr an Schmuckstücke. Gibt es für dich da eine Verbindung?
Das Gefühl, wenn man am Strand oder in den Bergen spaziert und plötzlich einen Stein oder eine Muschel sieht, zu der man sich hingezogen fühlt, so als ob man danach greifen möchte, um den kleinen Schatz in der Hand zu halten oder sogar an sich nehmen, vielleicht für ein bisschen bei sich herumtragen, um dann woanders wieder abzusetzen – dieses Verlangen empfinde ich auch bei Schmuckstücken: wertvoll, zart, meist handgroß; oder im Bezug zum Körper: beruhigend und zugehörend. Floating Mountains erzählt diese Geschichte.
Davon abgesehen, kam ich auf das Einsetzen der Steine ebenso durch die Technik der Einfassung von Steinen im Schmuck. Steine werden meist in Metall gefasst. Ich war neugierig auszuprobieren, Stein in Stein zu setzen.

Daily Cruelties, Camilla Prey, 2023, Skulptur, gewalzte Gabeln, © Camilla Prey

In einigen deiner Arbeiten, z. B. „Daily Cruelties“ und „11 Teaspoons“, hast du Gabeln und Löffel als Material verwendet. Im Alltag verwenden wir Besteck ganz selbstverständlich, ohne weiter darüber nachzudenken. Welche Inputs können solche Alltagsgegenstände für die künstlerische Arbeit bieten?
Es handelt sich hier nicht nur um Objekte, die uns im Alltag umkreisen, sondern auch unsere performative Beziehung zu diesen Geräten und Werkzeugen. Mich interessieren die Gesten und die Funktion. Wiederholungen des Alltages bieten eine interessante Bühne für Absurditäten, wie in Daily Cruelties.
Mit der Arbeit 11 Teaspoons interessierte ich mich langsam für Maßstäbe, das Messen von Umgebung, um unsere Realität zu rechtfertigen. Was passiert, wenn zwei Messeinheiten verschmelzen, die unterschiedliche Hierarchien der Glaubwürdigkeit haben? Einmal, der Maßstab, sehr glaubwürdig und dann ein Teelöffel, eine Maßeinheit aus der Küche, spontan, eher ungenau. Es war ein Gedankenspiel. Diese Arbeit öffnete aber mein Interesse an der Frage, was Wissen ist, wie wir kreieren und vor allem in dieser Gesellschaft unsere Wahrnehmung legitimieren.

What is just is, Camilla Prey, 2025, Installation, Waage, Wachs und Kerzen, Ausstellungsansicht im KFU Neumarkt, Italien, © Tiberio Sorvillo
Désillusion – On earth as on earth, Camilla Prey, 2023, Installation, Ausstellungsansicht, Limassol Art Walks, MeMeraki, Limassol, Zypern, © Camilla Prey
gaining a gain, Camilla Prey, 2025, Skulptur, Ausstellungsansicht im KFU Neumarkt, Italien, © Tiberio Sorvillo

Was ist deine bisherige Erfahrung: Kann man das Flüchtige durch Kunst greifbar machen?
Ich frage mich an dieser Stelle, welche Akteure des Kunstgeschehens mit dem „man“ genau gemeint sind. Als Künstlerin kann man sich mit Thematiken der Flüchtigkeit auseinandersetzen, den Fokus auf eine prozessorientierte Praxis legen. Ausstellungsräume, Galerien und Museen sind meist in einem Format, das Flüchtigkeit eher scheut. Davon abgesehen, dass Flüchtigkeit meist weniger vorhersehbaren Profit generiert.
Diese Begebenheiten sind keine Einzelfälle, sondern treten aus einem soziokulturellen System hervor, das sich zurück in sich selbst speist.
Damit meine ich zum Beispiel die Problematik der Restaurierung von zeitgenössischer Kunst, deren Intention es vielleicht eben nicht ist, für immer erhalten zu werden. Ich denke im Grunde handelt es sich um die gesellschaftliche Verdrängung des Todes und die individuelle Segregation von Akteuren in einem System.

IIII, Camilla Prey, 2025, Installation, Nägel, Ausstellungsansicht im Kunstforum Unterland Neumarkt, Italien, © Tiberio Sorvillo

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Tags

Kunstforum Unterland, Camilla Prey, schmuck
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