Contemporary Culture in the Alps
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Visual Arts,Performing Arts

Pink is the warmest colour

Das Atelier dell’Errore in der Ar/Ge Kunst

06.03.2026
Elisa Barison

Pinking Up, Exhibition view, Ar/Ge Kunst, 2026, © Tiberio Sorvillo

Letzte Woche eröffnete in der Ar/Ge Kunst in Bozen die von Francesca Verga kuratierte Ausstellung PINKING UP vom KünstlerInnenkollektiv Atelier dell’Errore. Die Vernissage war ein Fest und es gab auch eine Performance von zwei Mitgliedern des Kollektivs (Niki Baxter und Mattew the Gamer), welche ich persönlich leider verpasst habe, jedoch in aller Munde war und ihr euch am besten von Verena Rastner bei einem Besuch der Ausstellung erzählen lasst. (Als eine der letzten Arbeiten am Ende der Galerie gibt es ein Video, in welchem eben diese beiden Mitglieder des Kollektivs einen Einblick in die Arbeiten der Ausstellung geben. Ich rate euch das Video am Ende zu schauen. Lasst euch vorher vom Rest fesseln.)

Atelier dell’Errore ist ein Kollektiv von elf neurodivergenten KünstlerInnen, die seit 2002 gemeinsam mit Luca Santiago Mora an Zeichnungen, Gemälden und Performances arbeiten. Santiago Mora gründete 2002 eine Kunstwerkstatt für neurodivergente Kinder unter der Betreuung der Gesundheitsbehörden von Reggio Emilia und Bergamo. Das Kollektiv entwickelt sich von einer Werkstatt rasch in eine Berufung und einen Beruf. Als 2015 drei Mitglieder des Kollektivs die Volljährigkeit erreichen (und laut Gesundheitsbehörde nicht mehr in Betreuung der Werkstatt sein dürften) verwandelt sich das Atelier in ein autonomes Kollektiv, die volljährigen Mitglieder können bleiben. In der Collezione Maramotti in Reggio Emilio findet das Atelier ein dauerhaftes Zuhause und agiert seit 2018 als gemeinnützige Kunstkooperative. Die Gruppe finanziert sich selbst aus dem Verkauf ihrer Werke, bezahlt damit zwölf KünstlerInnengehälter und ist inzwischen ein fester Bestandteil des nationalen Kunstmarktes und seiner Institutionen und Veranstaltungen geworden.

Pinking Up, Exhibition view, Ar/Ge Kunst, 2026, © Tiberio Sorvillo

Atelier dell’Errore sind: Laura Aurelio aka Sméagol, Giorgia Ballabeni aka GB7, Gianluca De Marco aka GiangiGiangetto, Nicole Domenichini aka Niki Baxter, Giulia Gaiti aka Mozzy, Nicolò Grisendi aka Sid, Marco Iardino aka Scotland Yardo, Francesco Mandalà aka Metta, Luca Santiago Mora aka Garibaldi, Matteo Morescalchi aka The Gamer, Matteo Sandrin aka Pitbull, Giulia Zini aka July Shining. 

About the authorElisa BarisonStill sitzen konnte ich noch nie. Dafür habe ich die Stille schätzen gelernt. Wer nie weggegangen ist, versteht [...] More
Bereits vor zwei Jahren stellte Atelier dell’Errore in Südtirol aus. Im Rahmen der Biennale Gherdëina 9 - The Parliament of Marmots schuf das Atelier sogar die visual identity dafür. Eine Murmerltierarbeit aus der Produktion rund um die Biennale ist auch in der Ar/Ge Kunst, gleich zu Beginn am Eingang der Galerie zu sehen. Auf der Rückseite der Murmeltierarbeit findet sich eine Zeichnung in Bleistift, welche einen Einblick in den Schaffensprozess des Ateliers geben soll. Die stets fantastischen und aus dem Beitrag aller zwölf KünstlerInnen entstandenen Wesen, werden zunächst mit Bleistift auf die gewählte Unterlage gezeichnet - in der AR/GE Kunst sind das silberne Rettungsdecken. Das Zeichnen übernimmt meistens ein Mitglied. Dann gibt es Mitglieder, die ausschließlich schwarze Striche in Kugelschreiber-Optik hinzufügen, wieder andere entscheiden über Farbe und Form und nochmals andere geben die Charakteristiken für die gemalten Wesen vor, leisten also konzeptuelle Arbeit. In der über zwanzigjährigen Geschichte des Atelier dell’Errore gäbe es bloß zwei Konstanten, meint Luca Santiago Mora: animali ed errore. Dabei ist der Fehler nicht etwas negativ Behaftetes – im Gegenteil. Es gibt kein Ausradieren, kein Retuschieren. Was die Tiere angeht, so sind diese meist nicht so auf dieser Erde anzutreffen wie in den Arbeiten. Je nach jahresübergreifendem Thema oder Objekt der Ausstellung oder des Projekts sind die Tiere einmal mystischer, einmal fantastischer, einmal düsterer und einmal lustiger. Hier gilt es zu erwähnen, dass im Atelier ganz viel Expertise gebündelt ist, unter anderem jene zur griechischen Mythologie.
Pinking Up, Exhibition view, Ar/Ge Kunst, 2026, © Tiberio Sorvillo

Der Titel PINKING UP steht für die Farbe Pink und bezieht sich auf die sogenannte rosa Phase (Unknown Pleasures), zu welcher sich das Atelier für das heurige Jahr selbst bekannt hat. Im Gegensatz zu Picassos verträumter und melancholischer rosa Phase bedeutet rosa für das Atelier dell’Errore Lust, Begehren, schöpferische Kraft und den Drang, etwas zu schaffen, welchen auch viele weitere Lebewesen besonders um diese Jahreszeit verspüren. Sex, Fortpflanzung, das Erkunden des eigenen Körpers und jenem von fremden Personen oder Wesen ist der treibende Motor jeder Spezies, ein Teil des Überlebensdrangs, ein Teil des Lebensdrangs. Die gottgleichen (hint: Mythologie) Tierwesen in den Arbeiten der Ausstellung entspringen aktuellen Debatten, gemixt mit Arten von Säugetieren, Vögeln, Meerestieren und weiteren Tierarten. Priapo Orchitico Capezzoluto zum Beispiel ist ein Hermaphrodit, der seine Überlebensstrategie aufgrund der in den USA wütenden ICE-Agenten anpassen hat müssen, Arakne’s Sex Toy erzählt die etwas weniger bekannte Geschichte der Star-Weberin der griechischen Mythologie und Porno Amorino Anubico hat sich einen extra langen Arm wachsen lassen, damit er diesen besser zum Pornos schauen auf seinem Smartphone verwenden kann.

Das Begehren wird vom Atelier dell’Errore weder gehyped noch wird es kategorisiert oder beurteilt. Die Vorstellungen des Kollektivs, eigene unknown pleasures und der Bezug zur irdischen Tierwelt, sowie zur Aktualität des Weltgeschehens schaffen eine Serie höchst interessanter Wesen, die geschickt auf spiegelnden Rettungsdecken auftauchen und BesucherInnen somit in sich spiegeln. Gewollt oder nicht, diese Spiegelung sollte das Publikum dazu anregen, sich von der bold energy dieser Wesen anstecken zu lassen. In jeder Arbeit stecken so viele Details, so viel Lust, soviel Erkundung, dass es nicht anders möglich ist, als die Galerie mit einem positiven Gefühl des Aufbruchs zu verlassen. Ein Aufbruch in einen Tag und eine Welt ohne Furcht, ohne sich von all den deprimierenden und erdrückenden Nachrichten leiten zu lassen, sondern seinen Begehren zu folgen, das Leben zu feiern. 

Performance von Niki Baster bei der Vernissage von Pinking Up, Ar/Ge Kunst, 2026, © Fanni Fazekas

Die Ausstellung PINKING UP ist noch bis zum 05. Mai 2026 bei freiem Eintritt zu sehen. Die genauen Öffnungszeiten findet ihr auf der Webseite der Ar/Ge Kunst.

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Tags

ar/ge kunst, Atelier dell’Errore, Luca Santiago Mora, Pinking up, Francesca Verga, neurodivergenz
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