Contemporary Culture in the Alps
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Visual Arts

Heute ist übermorgen, übermorgen ist heute

„Il paese di dopodomani“ in der Ar/Ge Kunst in Bozen

09.02.2026
Elisa Barison

Il Paese di dopodomani, Exhibition view, Ar/Ge Kunst, 2025, © Tiberio Sorvillo

Lauter Wörter, die sich auf Zeit und ihr Vergehen beziehen. Dabei stellt sich gleich in einem der Videogespräche in der Ausstellung Il paese di dopodomani in der Ar/Ge Kunst in Bozen die Frage, ob lineare Zeit nicht ebenso ein geistiges Konstrukt ist wie Zeit und Uhrzeit überhaupt. Eine der vielen Antworten darauf lautet, dass wir Menschen diese Vorstellung von Zeit geschaffen hätten, um uns besser organisieren zu können, und daher gleich vorweg: Die Ausstellung ist noch bis diesen Samstag, 14. Februar 2026, zu sehen, also auf auf!

Eine weitere Frage in den Videogesprächen, welche die Kuratorin der Ausstellung Francesca Recchia, einer Reihe von Künstler*innen, Aktivisti*innen, Architekt*innen und Kolleg*innen, stellt ist: „Wie können wir uns Praktiken vorstellen, die Räume öffnen, ohne bloß symbolisch zu sein?“.
Nun, ich persönlich finde, diese Ausstellung ist ein solcher Ort.

Il Paese di dopodomani, Exhibition view, Ar/Ge Kunst, 2025, © Tiberio Sorvillo

Kunst wird oft die Fähigkeit zugeschrieben, sich Alternativen für die Gegenwart oder Zukunft ausmalen zu können, „bessere“ und mögliche Zukunftsszenarien zu imaginieren (so auch die Leitfrage der Ausstellung), doch ganz oft scheint dies ein bloß symbolischer Akt bzw. eine leere Hülle zu sein, die selten an den Aussagen und Praktiken der Künstler*innen selbst liegt, sondern ganz oft am Rahmen, der Institution oder der Instrumentalisierung dieser.

In diesem Fall haben die aktuellen künstlerischen Leiterinnen von Ar/Ge Kunst, Zasha Colah und Francesca Verga, die Pädagogin, Wissenschaftlerin, Schriftstellerin und Kuratorin Francesca Recchia (*1975, Avezzano, Italien) eingeladen, diese Ausstellung zu kuratieren, welche wiederum ihre fünfjährige Nichte Emma Snædis Recchia als Co-Kuratorin eingeladen hat. Dazu gibt es Werke von Stefano Graziani (*1971, Bologna, Italien), Lorenzo Tugnoli (*1979, Lugo, Italien) und Aziz Hazara (*1992, Wardak, Afghanistan) zu sehen und auf zwei Monitoren antworten die oben erwähnten Kolleg*innen von Francesca Recchia auf diverse Fragen zu unserer Vorstellungs- und Handlungskraft rund um die Gegenwart und Zukunft: Sandi Hilal (*1973, Beit Sahour, Palästina) und Alessandro Petti (1973, Pescara, Italien), [Gründer von Decolonizing Architecture Art Research 2007]; Ram Bhat (1981, NeuDelhi, Indien), Ekta Mittal (*1978, Indien), [Gründer von Maraa 2008]; Sanjay Kak (*1958, Pune, Indien); Amanullah Mojadidi (*1971, Jacksonville, USA); Jayaraj Sundaresan (*1972, Thrissur, Indien).

Il Paese di dopodomani, Exhibition view, Ar/Ge Kunst, 2025, © Tiberio Sorvillo
About the authorElisa BarisonStill sitzen konnte ich noch nie. Dafür habe ich die Stille schätzen gelernt. Wer nie weggegangen ist, versteht [...] More
Das sind viele Namen und Informationen, die aus Respekt und Vollständigkeit der mitschaffenden Menschen an dieser Ausstellung genannt werden sollten, gleichzeitig unterstreichen sie aber auch die Intention dieser Ausstellung und warum sie ein Ort ist, der „Räume öffnet“: Die Kunstwerke der eingeladenen Künstler*innen, die Antworten auf die Fragen in den Videogesprächen und die Mitarbeit und imaginäre Kraft der kleinen Emma Snædis Recchia als Co-Kuratorin haben alle gemeinsam, dass sie sich eine Gegenwart und Zukunft als Gemeinschaft vorstellen. Die Ausstellung basiert auf Gesprächen, dem Erzählen von Geschichten und dem Erzählen von Erlebnissen, eingebettet in eine sehr gemütliche und einladende Architektur (danke Emma!). Es wird eine Verbindung hergestellt zwischen den Kämpfen um mehr Selbstbestimmung und dem Raumschaffen für Gemeinschaften auf diversen Teilen der Erde und, indem Gespräche geführt werden und diverse Blickwinkel geteilt werden, fühlt sich ein Grundtenor der Aussagen plötzlich greifbar an: Wir sind nicht doomed und machtlos, jede kleine und alltägliche Geste macht einen Unterschied in der Art, wie wir unser Leben gestalten wollen und daher wie wir uns eine Zukunft vorstellen, und Zukunft bedeutet nicht technokratische Höchstleistungen und devices, sondern auch alte Geschichten und Traditionen mündlich weitergeben, Orte beleben und inhabiten und vor allem bedeutet Zukunft Gegenwart und Gegenwart Zukunft und daher kommt die, aus meiner Meinung, wohl wichtigste Perspektive der Ausstellung von der fünfjährigen Emma.

Es klingt so einfach zu sagen „Kinder an die Macht“ und, dass wir mehr auf diese hören sollten. Frasi fatte, könnte man meinen. Aber es sind doch wirklich sie, welche übermorgen gestalten werden, warum also nicht bereits jetzt aus ihrer Perspektive die Dinge betrachten? Dafür gibt es ein tolles kleines Fernglas in der Ausstellung und bemalte Steine. Nochmals, danke Emma. 

Stefano Graziani, Dubai, 2008; Il Paese di dopodomani, Exhibition view, Ar/Ge Kunst, 2025, © Tiberio Sorvillo
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