
Anger, Release-Konzert, © Leonhard Angerer
Dialekt war lange ein Problem. Oder zumindest etwas, das man in der Popmusik lieber umschifft hat. Zu regional, zu missverständlich, zu schnell in der falschen Ecke. In den Charts durfte Dialekt höchstens dann stattfinden, wenn er entweder maximal ironisiert oder maximal vereinfacht wurde – irgendwo zwischen Après-Ski, Hüttengaudi und Fernsehshow. Ein bisschen Heimat, bitte. Aber ja nicht zu viel Bedeutung.
Dass Dialekt gerade wieder auftaucht, ist deshalb kein Zufall, sondern ein Symptom. Eines, das weniger mit Retro zu tun hat als mit Müdigkeit: Müdigkeit gegenüber Englisch als vermeintlich neutraler Popsprache, Müdigkeit gegenüber Ironie als Schutzschild, Müdigkeit gegenüber dem ewigen Versuch, überall gleichzeitig dazuzugehören. Dialekt kehrt zurück, weil er etwas kann, das andere Sprachen verlernt haben: Er meint es ernst, auch wenn er leise ist.
In diesem Spannungsfeld erschien im Herbst 2025 das neue Album „Bau a Stodt au über die Wolken gonz weit oben glei neben dir“ von Anger – komplett im Dialekt. Kein Zwinkern, keine Geste, kein ironischer Sicherheitsabstand. Einfach Sprache, wie sie gesprochen wird. Und Musik, die sich nicht erklären will. Nach Jahren im Wiener Exil, nach mehreren Alben, die sich souverän durch verschiedene Popzustände bewegt haben – Dreampop, Hedonistenpopforlovers, Power-Pop –, klingt dieses Album wie ein Ankommen. Nicht laut, nicht programmatisch. Eher so, als hätte jemand aufgehört, ständig den Raum zu wechseln, und begonnen, genauer hinzuhören, wo er eigentlich steht. Was dabei auffällt: Dieses Album klingt nicht nach Markt. Nicht nach Algorithmus. Nicht nach „das funktioniert gerade“. Das hat es bei Anger bisher nur selten gegeben … Es klingt weich, schwebend, manchmal fast spirituell – irgendwo zwischen den Wolken und Dolomitenkamm, ohne je ins Postkartenhafte zu kippen. Pop, ja. Aber Pop ohne Eile. Ohne Druck. Ohne Pose.
Dass Dialekt hier funktioniert, liegt nicht daran, dass er plötzlich „cool“ wäre. Sondern daran, dass er notwendig wirkt. Als hätte es diese Sprache gebraucht, um bestimmte Dinge überhaupt sagen zu können. Oder um sie endlich nicht mehr erklären zu müssen. Der Schlusstrack „I bin olm no I“ wirkt dabei weniger wie ein Statement als wie eine Feststellung. Kein Neuanfang im Sinn von Neuerfindung, sondern eher eine Selbstvergewisserung: Wir sind noch da. Und wir klingen gerade so, wie wir klingen müssen. Beim Release-Konzert am 22. November 2025 in der Carambolage in Bozen (das dritte nach den ersten beiden offiziellen Terminen in Brixen) wurde genau das spürbar. Ein kleiner Raum, wenig Distanz, viel Nähe. Mit Schlagzeug, Gitarre, Saxophon und Gästen füllen Anger den Saal bis in die letzte Ecke. Nora Pider führt ruhig, fast behutsam durch die Songs, Julian Angerer kontert mit Humor. Alte Stücke und neues Material greifen ineinander, ohne Bruch, ohne Nostalgie.

Was bleibt, ist kein Popstar-Moment, sondern etwas Familiäres. Nach dem Konzert stehen alle noch draußen, trinken Bier, reden. Die Bühne löst sich auf. Vielleicht ist genau das die eigentliche Rückkehr: nicht zu einem Ort, sondern zu einer Haltung. Was bei Anger dabei auffällt, ist weniger der große Gestus als die Konsequenz, mit der sie Entscheidungen treffen und stehen lassen – ohne sie nachträglich zu erklären. Im Gespräch wird schnell klar, dass dieses Album weniger aus einem Konzept heraus entstanden ist, als aus dem Wunsch, sich selbst nicht länger im Weg zu stehen.
Euer neues Album ist komplett im Dialekt – nicht punktuell, nicht ironisch, nicht als Spiel. War das eine bewusste Entscheidung für etwas oder eher eine Entscheidung gegen etwas, das sich über die Jahre erschöpft hat?
Es war weder bewusst für noch gegen etwas. Wir haben Songs geschrieben, Skizzen, Demos, und die Sprache, die sich dafür am besten angefühlt hat, war der Dialekt. Am Ende ist es unsere Muttersprache und sie löst andere Dinge aus. Es ist ein sehr persönliches Album, vielleicht das Album, das uns wirklich am nächsten ist.
Ihr wart lange als „österreichische Band“ lesbar, auch für einen klar definierten Popmarkt. Fühlt sich das Dialektalbum im Rückblick wie ein Ausstieg aus dieser Logik an oder wie ein spätes Nachjustieren?
Wir sind Teil der österreichischen Szene und auch der Südtiroler Szene. Dort wohnen wir, dort bewegen wir uns. Im Rückblick war es eher ein Nachjustieren als ein Ausstieg. Nicht vom Markt, sondern von unseren eigenen Routinen. Das Außen können wir ohnehin nicht beeinflussen, das Innen schon.
Das Album wirkt sehr offen, fast verletzlich – viel weniger Pose als früher. Hat der Dialekt euch emotional näher an die Songs gebracht?
Es ist ein sehr persönliches Album geworden. Ein Abschiedsalbum, ein Leb-Wohl-Album für eine Person, ohne die es uns als Act so nicht geben würde. Es gab keinen Platz für Schnickschnack. Der Dialekt hat vieles einfacher gemacht, vor allem in Bezug auf Aussprache und Zugang.

Früher wart ihr Dream-Pop, Hedonisten-Pop, Power-Pop. Jetzt scheint sich etwas Eigenes zu setzen. Ist das noch Pop oder schon so etwas wie ein persönlicher Zustand?
Der Überbegriff Pop oder Alternative Pop kann bleiben. Gleichzeitig ist es handgemachter als früher. Vor allem live wird das noch stärker spürbar.
Nach Jahren im Wiener Exil klingt dieses Album sehr nach Südtirol – sprachlich, visuell, atmosphärisch. Ist das eine tatsächliche Rückkehr oder eher ein inneres Ordnen?
Es war eine bewusste Entscheidung, dem Außen keine so große Rolle zu geben. Vor allem geht es darum, Geschichten zu erzählen.
Das Album klingt schwebend, weich, fast spirituell – weit weg von Trendästhetiken. War das eine bewusste Entscheidung gegen Zeitgeist-Sounds?
Dieses Album war der Versuch, kein Versuch zu sein, sondern einfach zu machen und uns selbst zu helfen. Wir wissen oft selbst nicht genau, wo es hingeht. Aber wenn wir es wissen, dann sind wir kompromisslos.
Der letzte Track „I bin olm no I“ wirkt fast programmatisch. Neuanfang oder Selbstvergewisserung?
Wahrscheinlich beides. Und vielleicht genau deshalb so wichtig für uns.


Anger zeigen mit diesem Album, dass Dialekt keine Lautstärke braucht, um Wirkung zu entfalten. Dass er nicht erklären, rechtfertigen oder ironisieren muss. Und dass Rückkehr nichts mit Stillstand zu tun hat, sondern mit einer Verschiebung des Blicks nach innen. Dialekt kann vieles sein: Verkaufsargument, Requisite, Missverständnis. Bei Anger ist er vor allem eine Abkürzung – nicht zum Erfolg, sondern zu sich selbst. Das Album will nichts zurückholen und nichts beweisen. Es stellt sich weder gegen den Rest noch darüber. Es bleibt einfach dort, wo es Sinn ergibt. Und vielleicht ist genau das im Moment das Interessanteste, was Dialekt im Pop leisten kann: nicht lauter werden, sondern genauer.