Contemporary Culture in the Alps
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Alles, was verbindet

Kunst meets Skizirkus, das geht auch außerhalb von (Süd-)Tirol. In Flachau im Salzburger Land trotzt die Biennale „minus20degree“ tiefen Temperaturen und irritierten Blicken. Damit Kunst auf dem Land nicht einfriert. Und auch mal gemeinsam geschwitzt werden kann.

19.01.2026
Barbara Unterthurner

Geht so kuschelig: 2012 startete „minus20degree“ als Schneekino. Gezeigt wurden bei eisigen Temperaturen Kurzfilme. Inzwischen ist das Festival eine dreitägige Kunst- und Architekturbiennale. © m20d

Flachau im Salzburger Land hat eine Hermann-Maier-Piste. Hermann Maier aka  „Herminator“ ist ein Kind Flachaus, wurde zweimal Olympiasieger, dreimal Weltmeister und gewann viermal den Gesamtweltcup, weiß Wikipedia. Im Skifahren übrigens. Darauf ist Flachau also stolz. Wie ganz Österreich eigentlich. Heißt für das Örtchen mitten in einem der größten Skigebiete Österreichs („Ski amadé“ – juchee!): Hermann Maier ist immer da. Auch wenn Hermann Maier nicht da ist. Denn: Hermann Maier ist hier quasi (Alltags-)Kultur.

Am Hermann-Maier-Platz in Flachau gibt es nämlich eine Hermann-Maier-Skulptur. Und eine Hermann-Maier-Galerie. Darin verwahrt: Hermann-Maier-Trophäen, Hermann-Maier-Ausrüstung und Hermann-Maier-Privatfotos. Weil das nicht genug ist, kommen hier in den nächsten Tagen über 1.000 Auszeichnungen dazu – nicht, weil ein bisher unbekannter Hermann-Maier-Schatz geborgen wurde. Sondern weil die Künstler*innen Nicole Six und Paul Petritsch in Vorbereitung auf das biennal in Flachau ausgetragene Kunst- und Architekturfestival „minus20degree“ in ganz Flachau Pokale gesammelt haben. Bekommen haben sie für diese besondere „Trophäenschau“ diesen einen Preis vom Kinderskilauf 19-hundert-schlag-mich-tot, diesen anderen Pokal von der Meisterschaft anno Schnee. Sie alle sind dann zwischen den großen Erfolgen des großen Hermann Maier zu sehen. Weil auch die kleinen Erfolge zählen.

Dass es in Flachau auch um Flachau und die Flachauer*innen (minus ihr bekanntester Skifahrer) geht, das will „minus20degree“ nicht erst seit gestern klar machen. Die Kunst- und Architekturbiennale startet am 22. Jänner in die achte Ausgabe. Zeit also, einen Blick auf ein Festival zu werfen, das einmal ganz privat begonnen hat.

Liang Jung Chen und Fabio Spink maßen 2024 in Flachau im Rahmen der Live-Performance „Windschatten“ Windströme. Skifahrer*innen und Rodler*innen halfen mit. © halmeskobel

Kurzfilme auf Festivallänge

Es ist Marlene Deutinger, die hier von den Anfängen erzählt – damals als das Festival weder Festival noch Biennale war, sondern vielmehr eine (Schnee-)Aktion. Denn mit dem Schnee hatte 2012 alles begonnen. Es lag damals außergewöhnlich viel, erinnert sich Deutinger. Das war auch ihrem Vater, Theo Deutinger (Autor, Architektur und noch mehr) aufgefallen. Nur genutzt hatte ihn abseits der Piste keiner. Besonders nicht kulturell. Das wollten er und vier seiner Kolleg*innen ändern. Sie bauten so etwas wie ein Schneekino. „Ein Filmprogramm war schnell erstellt“, ergänzt Marlene Deutinger, „Kurzfilme natürlich“, schließlich habe das Thermometer in diesem Jänner vor vierzehn Jahren, im Freien gerade mal kuschelige minus 20 Grad angezeigt.

Überprüft wurde das nicht – aber die Namensgeschichte glaubt man ihr einfach. Weil eisige Kälte ja sonst eher Kunst verhindert. In Flachau aber begründete sie sozusagen ein Festival, das ab 2012 stets im Jänner, also mitten in der Skisaison beharrlich aufzeigt, erfreut, irritiert, Gespräche anstößt und Diskussionen auslöst.

Auch das müsse man aushalten, sagt Deutinger, die inzwischen als Kuratorin an der Seite ihres Vaters und mit einem Team für die Organisation der frostigen Biennale zuständig ist. „minus20degree“ hat durchgehalten. Und ist kontinuierlich gewachsen. Durch die Entwicklung kann man sich online klicken. Angekommen ist man bei einer fixen Vereinsstruktur. Und einer wechselnden Programm-Jury (heuer: Britta Peters von Urbane Künste Ruhr; Cornelia Offergeld von KÖR – Kunst im öffentlichen Raum Wien; sowie dem Künstler und Kurator Vlado Velkov), einem Open Call (50 % des Programms ergibt sich daraus, der Rest erfolgt auf Einladung) sowie einem Produktionsbudget samt Honorar für alle teilnehmenden Künstler*innen (je 4.000 Euro). Und drei Festivaltagen.

Projekte, Performance und mehr: Antti Laitinen hinterließ anlässlich der 2020er Ausgabe von „minus20degree“ sanfte künstlerische Spuren in der Landschaft von Flachau. © Renate Mihatsch

Seit 2016 gibt es dafür Unterstützung von der öffentlichen Hand, aus Wien, Salzburg und der Gemeinde Flachau, sogar vom Tourismusverband. Ebenjenem mit der Hermann-Maier-Galerie. Auch hier dürfte langsam eingesickert sein, dass (zeitgenössische) Kultur am Land immer noch eher Mangelware ist. Und es auch in Flachau noch etwas anderes geben muss als Skifahren. Und Après-Ski.

Oder wie Marlene Deutinger es sagt: „‚minus20degree‘ zeigt, dass Kunst nicht im urbanen Raum stattfinden muss, um gut zu sein.“ Ein großes Anliegen ist ihr, dass die Werke von „minus20degree“ auch etwas mit Flachau machen. Und mit seinen Einwohner*innen.

Sweat baby, sweat!

Also findet sich heuer unter den neun geplanten Projekten etwa eine „partizipative Schwitz-Performance“ (heißt: „WELLNESS-ANTI-ANTI+“ vom Kollektiv „AestheticAthletics+“). Oder ein Community Dinner, bei dem u. a. winterhartes Gemüse aus einem Hochbeet mitten in Flachau verzehrt wird (Projekt: „Frozen Garden“; eine Idee von: Markus Jeschaunig). Helgard Haug vom Kollektiv „Rimini Protokoll“ hingegen hat das Hörspiel „4 Meter pro Sekunde“ für die Achterjet Gondelbahn gestaltet. In knapp 13 Minuten sliden Skifahrer*innen damit Jahr für Jahr in Richtung Piste. In knapp 13 Minuten bekommen sie heuer zudem einiges über den Skizirkus zu hören. Und am Reitecklift will Stephanie Lüning es in allen Farben schneien lassen – mithilfe einer Schneekanone und Lebensmittelfarbe. Da freut man sich doch schon auf Bilder! Und auf die Reaktionen der Skifahrer*innen.

Der Schweizer Künstler Roman Singer lässt’s gern knallen. In Flachau ließ er für die Biennale „minus20degree“ 2022 30 Reifen von einem Helikopter aus in den Schnee plumpsen. Mitkuratiert hat das Festival damals Kasper König. © Lena Prahl

Dass Kunst Irritation erzeugt, gehört im öffentlichen Raum dazu. Besonders im ländlichen Raum, weiß Deutinger. In Flachau hat es 2022 dank Roman Signer (in Südtirol eh ein gern gesehener transart-Gast) schon Reifen aus einem Helikopter geregnet. Oliver Hangl hingegen hat Skifahrer*innen bei der Abfahrt Kunstwerke gezeigt (2020), Anna Vasof hat dafür die ein oder andere Skulptur nach Flachau gepflanzt, die einem zum Schmunzeln bringt. Allen voran ein Schneemann, der sich mit einem Fön selbst den Garaus gemacht hat („Snowman Commits Suicide“, auch 2020).

Die heurige Ausgabe steht bis 24. Jänner 2026 unter dem Motto „Allmende. Über das, was uns verbindet.“ Damit könnte Sport gemeint sein. Skifahren. Hermann Maier. Oder Kultur, Kunst, Architektur. Auch dafür kann man nun ein Wochenende nach Flachau reisen. Dableiben muss man nicht. Ein Shuttlebus bringt Interessierte von Salzburg aus zum eisigen Festival. Und zurück! Tiefsttemperaturvorschau fürs Opening in Flachau? wetter.com sagt aktuell: Minus 12 Grad.

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Tags

biennale, minus20degree, Flachau, Salzburger Land, Marlene Deutinger
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