Die Ausstellung „ZeiTraum“ von Valeria Ferrari und Johannes Inderst in den Räumen des Palais Mamming in Meran

Johannes Inderst, Engel mit Traube (Serie 2025), Analogfotografien, Digitaldruck, © Valeria Ferrari/Johannes Inderst
Wir starten das neue Jahr mit einem Ausstellungstipp. Noch bis zum 11. Januar 2026 ist im letzten Stock des Meraner Palais Mamming die Ausstellung ZeiTraum zu sehen. Für diese fünfte Schau aus der Reihe Mamming Now hat Kuratorin Ursula Schnitzer das Künstlerpaar Valeria Ferrari und Johannes Inderst eingeladen. Die beiden haben sich mit den rund 70.000 Artefakten im Depot des Palais Mamming auseinandergesetzt.
Entstanden ist eine Schau, die die suggestive Wirkung von Alltagsgegenständen in den Mittelpunkt stellt und erstmals die künstlerischen Praktiken von Valeria Ferrari und Johannes Inderst – von analoger Fotografie bis hin zu textilen Skulpturen – miteinander verknüpft. Im Depot des Palais Mamming aufbewahrte Objekte werden so zu Trägern kollektiver Erinnerungen und emotionaler Verbindungen, die alltägliche, oft übersehene Gebrauchsgegenstände mit unserem Unterbewusstsein herstellen. Auf diese Weise schafft die Ausstellung einen Dialog zwischen materieller Präsenz, künstlerischer Interpretation und der unsichtbaren Kraft der Erinnerung.
Für franzmagazine habe ich gemeinsam mit den beiden Künstler:innen die Ausstellung besucht und mehr über den Enstehungprozess der Schau erfahren.
Das Interesse an Objekten als Akkumulation verbindet uns auch im Privaten. Für uns beide werden diese Objekte zu Gedächtnisapparaten, die Erinnerungsprozesse reaktivieren.


Die Auseinandersetzung mit Museumsobjekten spielt auch in „ZeiTraum“ eine zentrale Rolle. Wie habt ihr es geschafft, trotz unterschiedlicher künstlerischer Praktiken ein gemeinsames Thema für die Ausstellung zu finden? Was hat euch inspiriert?
Johannes Inderst: Als wir eingeladen wurden, diese Ausstellung zu konzipieren, haben wir uns bewusst dafür entschieden, Objekte aus dieser Sammlung in unsere Schau miteinzubeziehen. Zunächst waren wir vor allem von der Sammlung des Museums selbst fasziniert, die sich über zwei Ebenen erstreckt. Besonders beeindruckt hat uns dann das sichtbare Depot. Es hat uns sofort inspiriert, weil man die Sammlung hier zwar nicht vollständig sieht, aber sofort ein Gefühl dafür bekommt, wie umfangreich sie ist. Die Präsentation ließ erkennen, dass es noch unzählige weitere Stücke gibt und dass hinter dieser Sammlung eine enorme Arbeit an Katalogisierung und Archivierung steckt. Man bekommt so einen direkten Einblick in die musealen Praktiken.
Valeria Ferrari: Vom sichtbaren Depot ausgehend entstand dann der Wunsch, auch mit dem unsichtbaren Teil der Sammlung zu arbeiten. Über den Online-Katalog des Palais Mamming erhielten wir einen ersten Einblick in das Depot, dessen Standort übrigens völlig geheim ist. So erfuhren wir auch, dass sich dort rund 73.000 Objekte befinden. Wir haben den Katalog praktisch vollständig durchgesehen, um jene Stücke auszuwählen, die uns besonders interessierten. Anschließend haben wir etwa 50 Objekte ausgewählt und dem Museum vorgeschlagen, sie fotografieren zu dürfen. In diesem geheimen Lager, das wir für unsere Arbeit besuchen durften, haben wir dann auch das Setup für die Fotos aufgebaut. So konnten wir sie aus ihrem verborgenen Dasein holen. Daraus entstanden ist dann die Fotoarbeit Engel mit Traube von Johannes.
Welche Rolle spielen dabei die Beschriftungen der Artefakte?
Johannes Inderst: Für uns beide sind Objekte Gedächtnisapparate, die Erinnerungsprozesse reaktivieren. Diese Faszination für Dinge – seien es besondere Objekte oder alltägliche, vergessene Gebrauchsgegenstände, die von Hand zu Hand weitergegeben werden – hat unsere Recherche geleitet. Objekte sind stets emotional oder intellektuell aufgeladen, doch besonders fasziniert haben uns Stücke mit fehlenden Teilen oder lückenhaften Beschreibungen. Oft wurden sie als „mysteriös“ oder von unklarer Herkunft bezeichnet. Dieser Zwischenraum zwischen Bekanntem und Geheimnisvollem hat uns stark angezogen. Deshalb haben wir die Objekte digital neu fotografiert, aus anderen Blickwinkeln, mit Ausschnitten und Perspektiven, die an die Recherche in digitalen Archiven erinnern: zoomen, Details betrachten, den Blickwinkel wechseln. Ein zentraler Bestandteil der Arbeit sind deshalb auch die didaktischen Texte und ihre Übersetzungen. Oft stimmen sie nicht exakt mit den abgebildeten Objekten überein, sondern überlagern sich bewusst. Diese Schichtung erzeugt ein Gefühl der Überforderung, ähnlich wie beim Navigieren durch große Archive oder Datenbanken.
Auffallend ist auch, dass das von euch verwendete Ausstellungsmaterial stark auf das Thema der Archivierung und Konservierung verweist. Warum diese Entscheidung?
Valeria Ferrari: Materialien wie Seidenpapier, Plastikfolien oder Luftpolsterfolie stammen direkt aus der musealen Praxis. Beim Auspacken der Objekte begegnet man ihnen ständig. Wir wollten diese Ästhetik der Aufbewahrung sichtbar machen und in die Ausstellung integrieren.

Mithilfe dieser Materialien hast du auch rund um deine Skulptur „Timetricks“ eine „Raum-im-Raum“-Situation erschaffen ...
Valeria Ferrari: Die größte Herausforderung bestand darin, den Raum mit den Folien zu gestalten, da der Raum selbst mit viel Holz ausgestattet ist und dadurch sehr traditionell wirkt. Die Folien verleihen dem Raum jedoch eine zeitgenössische Dimension. Wir haben verschiedene Materialien getestet und letztlich hat sich das kostengünstigste Material als das geeignetste erwiesen. Es ist ein Material, das die Archivierung der Objekte widerspiegelt – viele Stücke sind darin eingepackt – und das ich auch selbst in meinem Atelier verwende, um Oberflächen vor Farbe zu schützen. Diese Materialwahl erweist sich sowohl konzeptionell als auch logistisch als optimal und schafft zusätzlich eine Verbindung zwischen den verschiedenen Ausstellungsebenen. Daneben repräsentiert diese Inszenierung zugleich einen häuslichen, intimen Raum. Sie transportiert die Skulpturen in jene Dimension häuslicher Intimität, aus der sie ursprünglich entstanden sind.
Kannst du uns mehr darüber erzählen?
Valeria Ferrari: Timetricks ist zwar hier vor Ort im Atelier von Johannes entstanden, normalerweise arbeite ich jedoch in meinem Atelier zu Hause in Mailand. Diese Dimension häuslicher Intimität fließt stets in meine Arbeiten ein. Für diese Ausstellung ließ ich mich von den mythologischen Figuren der drei Parzen inspirieren, die den Lebensfaden spinnen: Die Vergangenheit webt den Faden, die Gegenwart misst ihn, die Zukunft schneidet ihn. Ein Symbol für das Ende des Lebens, zugleich aber in einer hoffnungsvollen, zukunftsgerichteten Lesart. Die Arbeit verweist somit auf den Fluss der Erinnerung und den Lauf der Zeit, wobei der Faden als verbindendes Element alles zusammenhält. Für meine Skulpturen verwende ich stets Bettwäsche, ein Material, das die häusliche Funktion zusätzlich betont. Und auch die Wahl der Farben ist bewusst: Ich bevorzuge Weiß, um die Farbabstufungen präzise kontrollieren zu können. In dieser Arbeit etwa repräsentiert die Gegenwart materielle, hautähnliche Töne, während Vergangenheit und Zukunft in phantasievollen Farben wie Grün und Blau erscheinen, die den Traum- und Imaginationsraum betonen. Als Füllmaterial benutze ich meist recycelte, synthetische Kissenfüllung. Sie ist formbar, leicht und erlaubt es mir, selbst kleine Details wie Finger zu modellieren, während sie gleichzeitig leicht bleibt. Ein entscheidender Faktor, da die Skulpturen aufgehängt und bemalt werden und dadurch an Gewicht zunehmen. Die Entscheidung, mit Acryl zu arbeiten, erlaubt es mir, eine sehr körperhafte Textur zu schaffen, die an Haut erinnert – mit Überlagerungen und Transparenzen.


Johannes, im dritten Ausstelltungsbereich steht deine fotografische Arbeit „Engel mit Traube“ im Mittelpunkt. Und, was noch auffällt, drei ausrangierte Theaterstühle. Warum hast du den Raum in dieser Form bespielt?
Johannes Inderst: Die Stühle stammen aus dem Meraner Stadttheater – es sind die letzten drei Exemplare, die noch im Depot aufbewahrt wurden. Wir haben beschlossen, sie als physische Objekte in die Ausstellung zu integrieren, auch weil sie im kollektiven Gedächtnis der Meraner eine besondere Rolle spielen. Während unserer monatelangen Arbeit im Depot standen sie stets direkt hinter uns. Oft haben wir uns auf diese Sessel gesetzt, um zu überlegen, wie wir die Szenen für die Fotografien arrangieren wollen. Heute können die Besucher:innen auf denselben Stühlen Platz nehmen und meine Arbeiten aus dieser Perspektive betrachten. Bei den fotografischen Inszenierungen standen hingegen die Depot-Regale für mich im Mittelpunkt. Sie ermöglichten es, räumliche Perspektiven zu schaffen und den Raum mit unserer Arbeit zu verbinden. Die Fotos zeigen die 50 von uns ausgewählten Objekte – manche nur teilweise, andere vollständig. Wir haben sie willkürlich zusammengestellt und durch diese Anhäufung ein neues Narrativ geschaffen, das ihre evokative Kraft erhöht. So verbergen sich hinter den Objekten vielfältige Geschichten: technische Geräte, Krippenfiguren, ein schwerer Marmor-Cube mit Haken, Messinstrumente zur Landvermessung. Die Herkunft vieler Artefakte lässt sich nicht mehr rekonstruieren. Gerade das machte die Arbeit spannend: Objekte, deren ursprüngliche Funktion oft unklar ist, die dennoch persönliche oder kollektive Erinnerungen transportieren. Einige Stücke tragen auch politische oder ikonografische Bezüge, wie etwa Adler-Symbole, die unterschiedlich interpretiert werden können. So wird deutlich, wie jedes Objekt auf seine eigene Weise Erinnerungen und Bedeutungen aktivieren kann. Persönlich bedeutungsvoll war für mich etwa ein SCM-Abzeichen, das Erinnerungen an meine Kindheit weckt, als ich Kunstturner war und wir diese Abzeichen auf unsere Trikots genäht bekamen. Die Bilder erzählen also von Fragilität, Isolation und funktionaler Mehrdeutigkeit der Dinge.

Valeria Ferrari, (*1985) lebt und arbeitet in Mailand. Sie studierte Film und Video an der Accademia di Belle Arti di Brera und spezialisierte sich auf Kino und Video. Ferrari arbeitet an audiovisuellen Auftragsprojekten in den Bereichen Dokumentarfilm, Werbung, Musikvideo und Videokunst. Parallel dazu untersucht sie als Künstlerin die Wechselwirkungen zwischen den Medien Video, Fotografie, Ton und Collage. Seit 2020 arbeitet sie regelmäßig mit dem italienischen Videokunst-Duo MASBEDO zusammen. In den letzten Jahren konzentriert sich ihre künstlerische Forschung auf textile Skulpturen, in denen Nähte, Polsterungen und malerische Eingriffe zu Werkzeugen einer Auseinandersetzung mit Materialität, Gestik und Erinnerung werden. 2024 zeigte sie ihre erste Einzelausstellung „Dreams Made Flesh“ im Spazio Cler in Mailand.
Johannes Inderst, (*1967) lebt und arbeitet in Meran. Er ist Künstler und Lehrer. Seine Leidenschaft für Fotografie entdeckte er im Alter von 12 Jahren. Das Fotografieren, welches er sich selbst beibrachte, ist bis heute ein zentraler Aspekt in seinem Leben. In seinen Werken kombiniert er vorwiegend analoge Fotografie mit Installation, arbeitet mit Großformatkameras und Dunkelkammertechniken und experimentiert dabei mit Licht, Raum und Material. Seine Arbeiten wurden in zahlreichen Einzel- und Gruppenausstellungen im In- und Ausland gezeigt. Zu seinen bekanntesten Arbeiten zählt die Werkserie „Fauna“, in der er sich mit musealen Nachlässen auseinandersetzt und so das Erbe eines ehemaligen Faunamuseums beleuchtet. Daneben engagiert er sich sozial und entwickelt gemeinsam mit Schüler:innen kleine mobile Wohneinheiten für obdachlose Menschen.