Die einen machen sich Gedanken über das Kreuz, die anderen über die Kunst. In Wien kreuzen sich gerade beide. Auch, um über eine Kröte am Kreuz – und über Südtirol nachzudenken.

Es isch a Kreiz – mitm Kreiz: Eröffnet wird die Ausstellung „Du sollst dir ein Bild machen“ im Künstlerhaus Wien von Renate Bertlmann. Und einem feministischen Kommentar auf das christliche Kreuz. Renate Bertlmann, Zärtlicher Christus, 2019, digitale Fotografie auf BacklitTex, 280 x 190 cm, Courtesy of Silvia Steinek Galerie, © Renate Bertlmann/Bildrecht Wien 2025, Foto: Claudia Rohrauer.
Es isch a Kreiz – mitm Kreiz: Eröffnet wird die Ausstellung „Du sollst dir ein Bild machen“ im Künstlerhaus Wien von Renate Bertlmann. Und einem feministischen Kommentar auf das christliche Kreuz. Renate Bertlmann, Zärtlicher Christus, 2019, digitale Fotografie auf BacklitTex, 280 x 190 cm, Courtesy of Silvia Steinek Galerie, © Renate Bertlmann/Bildrecht Wien 2025, Foto: Claudia Rohrauer.
Es isch a Kreiz – mitm Kreiz. Jedenfalls hier bei mir in Österreich. Nein, Leute – wir sprechen heute nicht über die Kreuze in den Schulen. Obwohl die in Tirol gerade wieder die Schlagzeilen regieren. In Wörgl wurden sie einst entfernt. Und zuletzt aus Ermangelung an heiligem Holz mit ausgedruckten Fotos von Kreuzen ersetzt. Das ist, wenn man’s nicht ganz so eng sehen würde, ja schon fast wieder smart. Ceci n’est pas une croix – hätte René Magritte in dem Fall vielleicht dazu gesagt.
Aber zurück zum Kreuz und hin zur Kunst, das ist ja die selbstauferlegte Aufgabe dieses Textes. Weil Verbindungen gibt’s da abseits des gemeinsamen Anfangsbuchstabens genug: Was wurde im Namen dessen denn schon ans Kreuz genagelt? In Basel vor Kurzem kein Geringerer als einer, der gern Gott spielt. Richtig: Donald Trump. Künstler Mason Storm hat eine lebensecht aussende Puppe des US-Präsidenten in einen orangenen Häftlingsanzug gesteckt und auf so etwas wie ein Kreuz gebunden. Ein Etwas übrigens, das ja auch nicht zufällig an eine Pritsche bei einer Hinrichtung erinnert. Weshalb der Titel „Saint or Sinner“ schon mal grundsätzlich die falsche Frage stellt. Und uns beschäftigt heute eher:
Ist jedes Kreuz ein Kreuz?
Eine Antwort darauf hätte nämlich auch der österreichische „Übermaler“ (bitte nur im wörtlichen Sinne zu lesen) Arnulf Rainer gern. Er selbst will seine, let’s say „kreuzförmigen Bilder“, nämlich nicht als christliche Symbole verstanden oder als im religiösen Kontext entstanden wissen. Rainer versucht deshalb eine geplante Ausstellung des Sammlers Werner Trenker für 2026 im altehrwürdigen Wiener Stephansdom zu verhindern. Ja, darf der das überhaupt?
Im ORF erklärte ein Rechtsanwalt vor Kurzem: Ja, ein*e Künstler*in* darf zu Lebzeiten schon mitreden, was mit seinen*ihren Kunstwerken passiert – auch nach dem Verkauf der Werke, wohlgemerkt! Nur wenn ein*e Künstler*in halt versucht, den Betrachter*innen auf die eigene (und einzige) Interpretation zu beschränken, dann wird’s schwierig. Besonders, wenn Kunst irgendwie frei bleiben soll.
Was der Kippenberger denn davon hielte, würde man seinen „Fred the Frog“ (ihr wisst, wen ich meine!) zur Fastenzeit in ein Gotteshaus hängen? Und was erst die Kirche? Noch ist Martin Kippenbergers berühmte Arbeit, eine in unterschiedlichen Farben gefertigte, ans Kreuz genagelte Kröte, eher in den heiligen Hallen der Kunst daheim. Und aufersteht in Museen in regelmäßigen Abständen – bleibt also allein deswegen irgendwie unsterblich.

Zuletzt geschehen übrigens im Künstlerhaus Wien, wo seit Kurzem die Ausstellung „Du sollst dir ein Bild machen“ zu sehen ist. Dort soll man sich – naja, eben ein Bild davon machen, was herauskommt, wenn Künstler*innen auf christliche Bildtraditionen reagieren. Ansätze gibt es unterschiedliche. Und viele sehenswerte. Und insgesamt auffällig viele aus Tirol und Südtirol. Das ist dann mal teuflisch plakativ – wenn Fotograf Lois Hechenblaikner seinen Aufnahmen einer Marienprozession dem Treiben in der Schatzi Aprés Ski Bar in Ischgl gegenüberstellt – und dann wieder überraschend vielschichtig. Künstlerin Esther Strauß etwa reagiert mit ihrem eigenen (blutverschmierten) Geburtskleid halt nicht nur auf die christliche Ikonographie, sondern auch kritisch und feministisch auf die Wiener Aktionisten. Ein „Aktionshemd“ von Hermann Nitsch hat Kurator (und Südtiroler) Günther Oberhollenzer trotzdem daneben hingehängt.
Für alle Fälle.
Für alle Fälle darf halt auch Kippenbergers Frosch im Künstlerhaus nicht fehlen. Nicht als Auftakt der Schau, dort hängt Oberhollenzer, dann doch sehr zeitgemäß, einen feministischen Kommentar von Renate Bertlmann, aber als Hingucker. Die Kröte am Kreuz ist hier – soviel zur Frage: Ist jedes Kreuz ein Kreuz? – übrigens nicht mal in erster Linie Kunstwerk. Sondern noch mehr ein Zeichen der Nicht-Debatte.
Der Frosch als Sinnbild für einen Kunst-Knall und eine Provinz-Posse gleichermaßen, wie gern erzählt man sich noch heute von der legendären Eröffnung des Museion in Bozen vor inzwischen 17 Jahren. Weniger wegen des in Wahrheit eigentlich spektakulären Hauses, aber wegen der dort hängenden Kippenberger’schen Amphibie. Ich darf selbst noch einmal einstimmen in den Chor: „Der Frosch“ (aka „Zuerst die Füße“, 1990) ist dieses eine Werk, wegen dem 2008 sogar der Papst regelrecht geschäumt habe, erzählt man sich. Leser*innenbriefe haben sich überschlagen, Gebetswachen abgehalten und für gute Christ*innen gar außertourliche Fasteneinheiten wurden eingehalten.

Dass der Skandal seinerseits – und das ist doch das Schöne an der Kunst – wieder Kunst schuf, davon weiß man heute wieder weniger. Die Aktionskünstler Artbrothers Kraxntrouga kochten 2008 inmitten der Proteste medienwirksam „Fastenknödel“ – besonders für einen hungerstreikenden SVP-Politiker. Geholfen hat das „Mahl für (Franz) Pahl“ übrigens nix. Am Ende war nicht nur er, sondern auch die erste Direktorin des Museion gone. Amen!
In Wien stieß Oberhollenzer, wie er jüngst der RAI erzählt hat, beim Erzählen dieses Schwanks auf fragende Gesichter. Darf man in Wien sogar „Grüß Göttin“? Auch die gleichnamige Arbeit von Ursula Beiler ist in der Ausstellung zu sehen. Und hängt vielleicht bald ein Kippenberger im Steffl? Nicht vergessen: Wien hat ja auch Florentina Holzinger. Die bei Oberhollenzer tatsächlich irgendwie fehlt.
Holzingers Oper „Sancta“ wurde heuer ja so etwas wie Blasphemie unterstellt. Der Innsbrucker Bischof jedenfalls nannte die – zugegeben, krasse – Performance eine „respektlose Persiflage“. Andere fielen überhaupt in Ohnmacht. Dass die Performerin 2026 ganz Österreich bei der Biennale in Venedig vertreten wird, das haben eh alle registriert, oder? Alle in Tirol und rundherum? Nicht nur in der Serenissima, sondern auch in Bregenz wird Holzinger kommendes Jahr einen großen Auftritt haben, verkündete das Vorarlberger Kunsthaus jetzt. Heißt, 2026 wird ein Holzinger-Jahr. Darauf ein Kreuzzeichen. Und ein: Gottseidank!