Soundkünstlerin Caroline Profanter zu Gast bei Unteroberwasser, der diesjährigen Ausgabe von Kunst in der Kartause
Klanginstallation „Während die Welt sich dreht“ von Caroline Profanter für die Ausstellung Unteroberwasser, © Daniela Brugger
Klanginstallation „Während die Welt sich dreht“ von Caroline Profanter für die Ausstellung Unteroberwasser, © Daniela Brugger
Die Ausstellung Unteroberwasser, kuratiert von Lisa Mazza und Simone Mair vom Institut für zeitgenössische Kunst und Ökologie BAU auf Einladung vom Kulturverein Schnals, ist bis 31. August 2025 täglich von 10:00–18:00 in der Kartause Allerengelberg in Karthaus im Schnalstal zu sehen. Sie findet anlässlich der Biennale Kunst in der Kartause 2025 statt. Für die Ausstellung holte das Kurator:innenduo die Künstlerinnen Eva Kotátková (Prag), Martina Steckholzer (Sterzing/Wien), Ingrid Hora (Meran/Berlin), Linda Jasmin Mayer (Meran/Gent) und Caroline Profanter (Bozen/Brüssel) ins Schnalstal und ließ sie den Kreuzgang sowie die umliegenden Orte des ehemaligen Kartäuserklosters mit ihrer zeitgenössischen Kunst bespielen.
Unteroberwasser inspiriert sich am Schwärmen, Lauschen und Spielen von Fischen. Ein Blick in die Vergangenheit zeigt: Die Kartäuser aßen kein Fleisch, Fisch jedoch spielte eine große Rolle in ihrer Ernährung und stand des öfteren auf dem Speiseplan. Im Lauf der Jahrhunderte hatte sich das Kloster Fischereirechte in der Etsch, aber auch am Haidersee gesichert. Die in diesen Gewässern entnommenen Fische wurden von Trägern und Saumtieren in Zummen, also in mit Wasser gefüllten Holzfässern, bis in das Schnalstal transportiert. Unteroberwasser verweist auf diesen schwebenden Zustand der Fische in ihren hölzernen Käfigen und erzählt vom unnatürlichen Zustand des Fisches auf dem Trockenen.
Zum Abschluss der Ausstellung findet am Samstag, 30. August 2025, ab 11:00 die Finissage mit dem Sound-Workshop Die Dichte der Stille unter der Leitung von Caroline Profanter statt. Um 17:00 führen die beiden Kuratorinnen Simone Mair und Lisa Mazza ein letztes Mal durch die Ausstellung. Um 18:00 zeigt Linda Jasmin Mayer die Performance La cena delle metamorfosi in Zusammenarbeit mit dem Restaurant Grüner.
Von Caroline Profanter konnten wir über Mail mehr über ihre Klanginstallation und den anstehenden Workshop für Unteroberwasser sprechen:
Du bist bei der Ausstellung „Unteroberwasser“ mit der Klanginstallation „Während die Welt sich dreht“ vertreten. Kannst du beschreiben, worum es in deiner Arbeit geht?
Wie hast du deine Arbeit vor Ort umgesetzt?
Die Klanginstallation Während die Welt sich dreht wird in Form von drei Lauschpforten präsentiert, die im Kreuzgang installiert sind, genauer gesagt in den Öffnungen der Kartäuserzellen. Für 4 Minuten erklingt jeweils an unterschiedlichen Türchen eine verdichtete Komposition, bis sie wieder in ein kontinuierliches Rauschspektrum übergeht und von unterschiedlichen Interferenzen gespeist wird. Die Soundspuren erklingen durch die Radios hindurch. Durch ihre visuell nostalgische Präsenz sind sie wie Vektoren der Vergangenheit. Die Mischung aus den 3 verschiedenen Soundspuren in dem langen Kreuzgang verschiebt sich konstant. Als ich in der Kartause war, kamen mir sofort Antennen in den Sinn. Ich musste daran denken, wie wir Menschen als Antennen fungieren können. Dass wir wie Antennen Signale empfangen, Vibrationen spüren und auch für elektromagnetische Felder sensibel sein können. Eigentlich sind wir durch Klang, sprich Vibration, ständig verbunden. Das Objekt Radio, ein Weltempfänger, das ich für die Installation ausgewählt habe, ist eine schöne Analogie dazu, wie wir unsere Antennen ausfahren können, um hinaus zu spüren, uns zu verbinden und zu kommunizieren.
In deiner Klanginstallation verbindest du die radikale Stille der Kartäuser mit Geräuschen aus dem Kosmos. Wie ist diese Verbindung für dich zustande gekommen?
Im letzten Jahr habe ich begonnen mit SDR zu experimentieren, das sogenannte Software Defined Radio, ein digitales Verfahren, das es mir mithilfe einer Antenne und einem Computerprogramm ermöglicht, eine große Bandbreite auch weit entfernter Signale aus dem Weltall zu empfangen. Je nachdem, wo ich mich befinde, kann ich mit SDR unterschiedliche Datenübertragungssignale empfangen: von Satelliten (Wetterdaten, GPS), über Funksignale (Flug, Schiffsverkehr, Polizei) bis hin zu sogenanntem Meteroitenregen, der hörbar wird, weil die Radiowellen durch die Interferenz in der Sphäre reflektiert werden. Im Zuge der Recherche habe ich aber auch Archive von Radioamateur:innen im World Wide Web durchforstet und historische Aufnahmen von Satelliten und Sonden gesammelt. Und ich habe mithilfe von SDR selbst Aufnahmen in Chile und Belgien machen können. Dabei habe ich bemerkt, wie sehr Geräusche aus dem Kosmos irdischen, aber auch Unterwasserklängen ähnlich sind. Diese Analogie fand ich interessant, ebenso wie die Vorstellung, dass sich das Kosmische mit dem Spirituellen überschneidet und diese Neugier weckt: Was verbirgt sich da draußen noch? Wie kann ich mich verbunden fühlen?
Wie genau können wir uns das vorstellen?
Ein Großteil von dem, was man mit SDR empfängt, sind unterschiedliche Rauschspektren und plötzliche kurze Einstreuungen. Es braucht dafür sehr viel Geduld. Der Kosmos ist wie ein tiefer Ozean, in dem immer wieder ein kommunizierendes Unterwasserlebewesen oder ein Echolot hörbar wird. Für die Klanginstallation habe ich das ganze Material zu einer Komposition verarbeitet und die Signale miteinander verwoben. Es ist ein Grundrauschen, aus dem die Signale hervor wachsen wie kleine musikalische Motive. Die Klanginstallation soll eine Einladung sein, sich mit geschärften Sinnen auf diese Umgebung einzulassen, aber auch den Klängen, die von weit her kommen, Aufmerksamkeit zu schenken.
Wie näherst du dich in deinen Arbeiten einem bestimmten Ort?
Ich verbringe immer gerne so viel Zeit wie möglich alleine an dem Ort, an dem ich eine Arbeit präsentiere. Den Fokus auf die akustische Wahrnehmung zu richten, stellt immer auch eine Möglichkeit dar, mich näher auf einen Ort einzulassen. Auch vor meinen Konzerten versuche ich die Klänge auf den Raum oder die Situation abzustimmen, mich sozusagen vorher in den Raum einzutunen. Klang ist ein Medium, das sich in jedem Raum anders entfaltet und sich dadurch auch unterschiedlich verhält. Vor allem im öffentlichen Raum gibt es viele Überschneidungen und Unvorhersehbares. So müssen etwa auch die technischen Limitierungen mitgedacht werden.
Und wie war deine Herangehensweise in diesem konkreten Fall?
Für diese Arbeit bin ich mehrere Male nach Karthaus gereist, zuerst zur Prospektion, im Kreuzgang und im Dorf. Die Kuratorinnen Simone Mair und Lisa Mazza von BAU sowie Daniela Brugger vom Kulturverein Schnals haben mir das Konzept, die Geschichte, die örtlichen Voraussetzungen und Implikationen mit viel Begeisterung nahegebracht, was sehr inspirierend war. Bei einem zweiten Besuch habe ich mich dann auf die Klangumgebung eingelassen, habe mit Lautsprechern Tests und Aufzeichnungen gemacht. Anschließend habe ich ein spezifisches Soundsystem mit Lautsprechern mit idealem Frequenzgang gebaut.
Während der Finissage leitest du den Sound-Workshop „Die Dichte der Stille“. Kannst du kurz erzählen, was die Teilnehmer:innen dort erwartet?
Beim Workshop werden wir uns sehr konkret mit dem Medium Klang auseinandersetzen: Was ist Klang? Wie entsteht er? Wie hören wir? Und wie können wir unseren Hörsinn schärfen? Wir schauen uns verschiedene Arten von Mikrofonen und Aufnahmegeräten an und entdecken gemeinsam, wie wir mithilfe dieser Technologien auch ansonsten unhörbare Frequenzen einfangen können. Wir löten ein einfaches Kontakt-Mikrofon und gehen anschließend auf die Suche nach Klängen im Dorf. Wir hören in das Spektrum hinein und schauen, was sich dahinter verbirgt. Kollektiv erschaffen wir ein Sound Mapping, eine klangliche Kartierung des Ortes. Das Material hören wir uns gemeinsam über mehrere Lautsprecher an, ordnen es und kreieren – wenn es das Wetter erlaubt – eine räumliche Listening Session im Freien.
Mit deiner Arbeit hast du Klangspuren in der Kartause hinterlassen. Hat die Kartause auch Spuren bei dir hinterlassen? Welche?
Die Atmosphäre und das Raumempfinden des Kreuzgangs mit seiner Architektur und besonderen Akustik hat sich bei mir sehr stark eingeprägt. Auch die Vorstellung der Kartäuserzellen von Innen, die ja im Verborgenen bleiben, sich also fast noch lebendiger in der Vorstellung entfalten. Und was mich auch sehr beeindruckt hat, ist die lokale Verbundenheit dieses Projekts. Das Anliegen, diese Geschichte weiterhin lebhaft erscheinen zu lassen und den Austausch zwischen den Menschen über die Kunst zu fördern.
Die Kastelruther Soundkünstlerin Caroline Profanter wohnt und arbeitet in Brüssel. Ihre Kunst bewegt sich zwischen akusmatischen Kompositionen, live gespielter elektroakustischer Musik und Klanginstallationen, woraus sie dicht strukturierte Klanglandschaften und klangliche Erzählungen erschafft. In ihren Arbeiten beschäftigt sie sich mit räumlichen Hörsituationen, bei denen sie sich unter Zuhilfenahme von Lautsprechern und Rückkoppelungssystemen mit der jeweiligen Umgebung auseinandersetzt. Profanter ist Teil des künstlerischen Teams von Q-O2, einem Arbeitsraum für experimentelle Musik und Klangkunst in Brüssel. In Südtirol war sie zuletzt 2024 bei der Gruppenausstellung Fort Biennale 01 in der Franzensfeste zu sehen. Darüber hinaus performt sie auf internationalen Festivals unter anderem in der Schweiz, Schweden und Mexiko. Im Moment arbeitet Caroline Profanter an einem neuen elektroakustischen Live-Set das sie am 11. Oktober 2025 in Ateliers Claus in Brüssel spielt. Ebenfalls im Oktober wird eine bereits existierende Komposition der Künstlerin in einer neuen Version vom Ensemble Chromoson bei einem Konzert in Venedig aufgeführt. Gemeinsam mit Q-O2 arbeitet sie an einem Buch über Field Recording, der Praxis von Feldaufnahmen in der Musik und Klangkunst.