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April 25, 2022

Radikal Kultur und Bildung verknüpfen – das PolitFilmFestival in Innsbruck

Kunigunde Weissenegger

Radikal ist es, das Konzept des Innsbrucker PolitFilmFestivals, seit nunmehr knapp zwei Jahrzehnten, vielleicht nicht einzigartig, aber auf alle Fälle auffallend: Während der 3 Festivaltage von 25. bis 27. April werden, jeweils um 19:30 im Leokino in Innsbruck, „nur“ 3 Filme gezeigt, jeder aber im Anschluss in einer Podiumsdiskussion diskutiert und nachbearbeitet. Gemeinsam mit dem Publikum beleuchten Expert*innen aus aller Welt mit ihrer Erfahrung die Themen der Filme aus ganz unterschiedlichen Perspektiven. 

2022 wird das Thema MAUERN ins Auge gefasst: „Ereignisreiche Jahre liegen hinter uns, und in der Gesellschaft wirkt nun vor allem eines nach: die Stimmung einer zunehmenden Spaltung. Genau das nehmen wir zum Anlass, uns dieses Jahr mit dem Thema MAUERN zu beschäftigen. Denn was verbildlicht eine Spaltung mehr als eine Mauer?“

An Abend 1 läuft „Shadow Game“ von Eefje Blankevoort und Els van Driel; im Anschluss diskutieren Els van Driel, Regisseurin des Dokumentarfilms und unabhängige Journalistin, sowie SK, einer der Protagonisten, unter der Moderation von Sandra Schildhauer, Pädagogin mit Schwerpunkt Migration. Am 26. April wird „Die Frist“ von Karin Becker gezeigt; zur Diskussion geladen sind Thomas Galli, Kriminologe und ehemaliger Haftanstaltsleiter, sowie Kristin Henning, Leiterin von NEUSTART Tirol, unter der Moderation von Margret Aull, Psychoanalytikerin und Supervisorin. Am 3. Abend steht „In the Same Breath“ von Nanfu Wang auf dem Programm.

Festivalleitung Bettina Lutz und Daniel Dlouhy und das PolitFilmFestival-Team haben sich also auch 2022 Komplexes vorgenommen und geben keine Ruh – im Interview erzählen uns die beiden, warum …

In Innsbruck gibt’s das International Film Festival Innsbruck IFFI, das Innsbruck Nature Festival, die Diametrale. Experimental Film Festival – was bringt das PolitFilmFestival?

Daniel Dlouhy: Ich glaub, da können wir uns nicht vergleichen. Weil diese Events nur die Bezeichnung Filmfestival teilen. Das PolitFilmFestival gibt es nun seit 18 Jahren und es hat über diese Zeit viel bewirkt und vorangebracht. Wir denken mit unserem Event Filmfestivals neu und gehen einen radikalen Weg. Wir zeigen ja nur 3 Filme und haben somit die strengste Auswahl in unserem Programm. Wir sind sozusagen der Gegenpol zu Netflix und Co., die zwar auch kuratieren, aber am Ende bleibt doch immer die Überforderung. Wir setzen einen Film an einem Tag aufs Podium. Unser Auswahlprozess unterliegt vielen verschiedenen Bedingungen und am Ende wollen wir einen Film zeigen, der dem*der Zuschauer*in neue Denkweisen und Möglichkeiten aufzeigt, und dann gehen wir noch einen Schritt weiter und helfen durch unsere groß angelegte Diskussionsrunde nach dem Film, dem*der Betrachter*in neue Verknüpfungen zu schaffen. Wir verknüpfen Kultur und Bildung zu einem völlig neuen Konzept und allein schon deswegen braucht es ein PolitFilmFestival.

Wie stellt ihr das Programm zusammen? Nach welchen Kriterien wählt ihr die Filme aus? 

Daniel Dlouhy: Schwer zu sagen. Wir sichten sicher um die 40 Filme pro Festival. Die Filme gelangen einerseits über unser doch recht großes Netzwerk zu uns. Andererseits suchen wir ganz gezielt nach ihnen bei internationalen Festivals und Screenings. Da wir ja recht viele Filme ausschließen, versuchen wir aber gute Filme, die jetzt zu einem unserer Themen nicht passen, an unser Netzwerk wieder weiterzugeben, wir sprechen dann Empfehlungen bei anderen Festivals für den ein oder anderen Film aus. Das kommt auch recht gut an. Also viel passiert auch im Hintergrund, was uns aber sehr wichtig ist, weil wir uns als wichtigen Teil der Filmbranche sehen. Das Zeigen von Filmen ist nun mal in der heutigen Zeit vielschichtiger und komplexer als früher noch.

Bettina Lutz: Zu den Kriterien: Der Film muss, wenn manchmal auch in abstrakter Art zum Thema passen und, was uns ganz wichtig ist, innovativ und hochwertig sein und er sollte der dokumentarischen Form entsprechen. Sprich Filme. die einen an die Hand nehmen, aber auch im richtigen Moment loslassen können. Filme, die uns anregen, nicht mit Infos vollstopfen und keinesfalls Feel-good-Movies die ein erschreckendes Thema anreißen und am Ende mit „hoffnungsvollem Zukunftssprech“ keine Fragen zurücklassen. Die schlussendliche Auswahl treffen fünf Personen, da wird viel diskutiert, beschlossen, zurückgezogen und wieder neu besetzt. Durch diese intensive Auseinandersetzung entsteht immer ein Programm, auf das das gesamte Team stolz sein kann und aus einem gemeinsamen Prozess gewachsen ist.

Nach den drei Filmen wird diskutiert. Nochmal: Warum ist das Teil des Konzeptes? Und so wichtig? 

Daniel Dlouhy: Wie oben erklärt. Aber als Zusatz: Ich glaube, in den letzten Jahren ist das „Nach dem Film“ in den Kinos und auf Fesitvals immer weiter weggerückt. Die Leute haben keine Zeit, wollen an die Bar, zum letzten Bus oder in den nächsten Film. Wir bieten eine Art Entschleunigung und tiefere Beschäftigung. Allein schon, weil unsere Kinoabende länger dauern als gewöhnlich, verlangen wir dem*der Zuschauer*in viel ab. Das wissen wir und wollen wir. Das „Nach dem Film“ bleibt ja dann auch trotzdem noch und am besten gelingt uns ein Abend, wenn man dann immer noch zu Hause über den Film oder die Diskussion spricht. Dann haben wir schon recht viel erreicht. 

Das Festival findet 2022 zum 18. Mal statt, mit einer Unterbrechung von 2015 bis 2018. Besteht seit 2019 wieder mehr Bedürfnis? Und was sind die Herausforderungen für Filmfestivals bzw. wie müssen sie sich entwickeln, damit sie nicht untergehen (in Zeiten von Streaming usw. usw.) …

Daniel Dlouhy: Ich glaub schon, ja. Das Bedürfnis nach unserem Festival war vor allem in der Abwesenheit da. Es hat einfach auch was gefehlt. Aber allein schon uns ist das sehr aufgefallen. Also ich denke, Filmfestivals müssen sich genauso wie Kinos immer was einfallen lassen. Stillstand, grad in der Kultur, ist der Tod. Aber Festivals und Kino müssen keine Angst haben. Das bleibt immer und ewig in unserer Kultur erhalten. Das kollektive Sehen und Erleben gehört zum Menschsein dazu. Und ich würde sagen, Herausforderungen ändern sich, werden aber nicht schlimmer oder weniger schlimm. Die sind immer da. Grad wenn man was Neues versucht, ist oft viel Gegenwind spürbar, aber daran merkt man dann auch, dass man am richtigen Weg ist.Bettina Lutz + Daniel Dlouhy (c) Alena Klinger:PolitFilmFestival

… vielleicht könnt ihr euch als Festivalleiterin und Festivalleiter noch kurz vorstellen, warum arbeitet ihr im Duo …? 

Daniel Dlouhy: Bettina und ich arbeiten mit mehreren Leuten zusammen, wie vorher bemerkt. Alina Murauer, Magdalena Meissl und Jonas Heitzer sind auch dabei. Junge Leute, die nochmals eine ganz andere Sicht mit einbringen. Das Schöne ist, wir lernen fast täglich voneinander und das spürt man bei uns auch. Es steckt wirklich sehr viel Mühe und Liebe in unserem Festival. Also um das nochmal zu verstärken. Ein Direktor*innen-Festival (wo ein Mensch entscheidet, was läuft) ist für uns nicht mehr zeitgemäß. Bettina und ich leiten das Projekt zwar, aber das muss auf die Dauer auch nicht so bleiben. Wir würden’s schön finden, wenn in Zukunft auch das in der Gemeinschaft erledigt wird. Sprich das Geld-Ansuchen, Konzeptarbeit etc.

Bettina Lutz: Uns geht es ganz besonders darum Hierarchien abzubauen – und das nicht nur mit unserm Programm, sondern auch in, mit und um unsere Organisation herum. Gerade in den Festivalbetrieben sind Hierarchien häufig stark vertreten und das hat noch nie zu etwas Positivem geführt. Da wollen wir ein Beispiel bieten, und größeren Strukturen Mut geben, selbst diesen Weg einzuschlagen. 

Daniel Dlouhy: Um auf deine ursprüngliche Frage zurückzukommen: Mit Bettina arbeite ich seit 2016 perfekt zusammen, durch ihren Hintergrund als Soziologin und Pädagogin bringt sie noch einmal einen ganz anderen Blick ein.

Bettina Lutz: Ich würde auch sagen, wir sind ein sehr eingespieltes Team und ergänzen uns perfekt. Trotz unserer verschiedenen Professionen ist es immer eine Bereicherung unserer Diskussionen und kein Hindernis. Daniels zusätzlicher Blick als Filmemacher und Produzent, der immer auf der Suche nach etwas ganz Besonderem ist und es dann auch entdeckt, ist unverzichtbar. Ich konnte in den letzten Jahren viel von ihm lernen und das ist eine Freude. Auch auf die Gefahr hin, mich zu wiederholen: Dieses gegenseitige Lernen und Bereichern hat genauso mit unseren neuen Teammitgliedern funktioniert. Ich denke, gerade in flachen Hierarchien birgt die Möglichkeit, sich gegenseitig besser wahrzunehmen und offener Ideen zu betrachten. Sätze wie „das haben wir schon probiert, das funktioniert nicht“ versuchen wir grundsätzlich zu vermeiden. Was wir da im Kleinen probieren, hoffe ich für die Kulturszene im Generellen: Mehr Mut zur Strukturveränderung und dem Hierarchieabbau!PolitFilmFestival Innsbruck Leokino (c) Alena Klinger

Fotos: Alena Klinger 

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