Music

December 16, 2021

hijss: Wahnsinn in Noten

Florian Rabatscher

Aus den tiefsten Tiefen des Bozner Undergrounds donnern gerade neue Töne auf uns hernieder. hijss! Gesundheit. Oh nein, das ist kein Niesen, sondern der wohl sonderbarste Name einer neuen Band hierzulande. Doch wie soll man ihn bloß aussprechen? Hiss? Hischiss? Hischs? Keine Ahnung. Oder vielleicht ist es eine Anspielung auf die bei uns hier oft falsch ausgesprochenen Namen grandioser Bands? AC/DC kennt man als „Iesi Diesi“ und Iron Maiden als „Eiroun Meihdän“. hijss erinnert auch stark an Namen wie Lynyrd Skynyrd oder Kyuss, bei denen man sich auch nie über die Aussprache sicher ist und es einem bei „Hey Alexa. Spiel …“ fast schon die Zunge verdreht. Aber genug zum Bandnamen, der somit offiziell eine Wirkung erzielt. Auch der Sound hat seine Eigenheiten, was vor allem an der hochkarätigen Besetzung liegen könnte. Der musikalische Instinkt von Lois Lane (Guitar & Vocals), Maurices (Schlagzeug) Wucht und Pans (Bass & Synthesizer) hypnotischer Sound lässt die Musik nicht nur an der Oberfläche kratzen, sondern geht tief unter die Haut. Seit 8. Dezember 2021 tummeln sich ihre zwei Debut-Songs „1234me“ und „narcolepsy“ im World Wide Web herum, noch dazu werden sie dieses Wochenende zusammen mit den Mailänder Acid-Rock-Schwergewichten GIÖBIA unser Land unsicher machen: am 17. Dezember im Astra Brixen und am 18. Dezember in der BASIS in Schlanders.

Soviel zu den Fakten … aber kommen wir zu etwas anderem, fast schon Übernatürlichem. Es stellt sich nämlich als weitaus schwieriger heraus, diesen Sound mit reinen Fakten zu beschreiben. Beim Hören dieser Songs merkt man schnell, wie Genregrenzen langsam verschwinden. Man hört irgendwie alles von Punk über Blues bis hin zu Space und Psychedelic Rock oder oft auch einfach das, was man gerade hören will. Viel besser würde diese Band die Einleitung von Rod Serling aus der Serie Twilight Zone beschreiben:

 Es gibt eine fünfte Dimension jenseits der menschlichen Erfahrung – eine Dimension, so gewaltig wie der Weltraum und so zeitlos wie die Ewigkeit. Es ist das Zwischenreich, wo Licht in Schatten übergeht, Wissenschaft auf Aberglaube trifft. Sie liegt zwischen den Fallgruben unserer Furcht und den lichten Gipfeln unseres Wissens. Dies ist die Dimension der Fantasie, das Reich der Dämmerung – die Twilight Zone.

Man könnte natürlich einfach sagen, dieser Sound wäre hypnotisch, was aber viel zu abgedroschen für meinen Geschmack klingt. Gehen wir doch etwas genauer darauf ein: Wir hören treibende Basslines, die euch zusammen mit gezielten Tom-Schlägen und fast schon erotischen Drum-Rhythmen zu jagen scheinen. Keiner wird verschont, wer denkt, er könnte einfach regungslos dastehen, wird plötzlich wie von Geisterhand anfangen seinen Speck zu schütteln. Über diese fast schon desert-rock-ähnliche Rhythmus-Fraktion legt sich zudem ein dunkler, aber trotzdem bunter Schleier von Gitarrenklängen. Hart, präzise oder melodiös, alles vereint sich zu einem Klang. Da muss doch Luzifer persönlich im Spiel sein. Dann ist da noch diese Stimme, die dich wahnsinnig macht. Kommt das von ein und der selben Person? Man scheint irgendwie mehrere zu hören. Ich wusste doch, dass es der Teufel höchstpersönlich ist, aus dem die verschiedenen gebeutelten Seelen singen. Totaler Quatsch natürlich, aber wie soll man sich dieses Spektakel sonst erklären? Kommt mir also nicht mit einer Nebenwirkung der Corona-Impfung. Der Song „narcolepsy“ ist mit seinem Riff der kleine Hit der Band. Es ist mit seiner Struktur eben wirklich ein Song, aber trotzdem nicht so normal, wie es scheint. Wie Till Lindemann von Rammstein, dieser immense Fleischberg, der aber trotzdem so verletzlich und fast schon anmutig erscheint, schmiegen sich diese beinharten Klänge an meinen Körper und nicht nur ins Gehör. Ein wilder Cocktail von verschiedenen Gefühlen, hier sieht wahrscheinlich jeder seinen eigenen Film. Dann, wenn der Song richtig Fahrt aufnimmt, ist kein dumpfes Headbangen angesagt, sondern eher der epileptische Tanzstil von Ian Curtis. Mein absoluter Favorit ist aber „1234me“, da dieser purer Wahnsinn in Noten ist. Und mit Wahnsinn meine ich auch Wahnsinn. Schmeißt die Lederjacke aus dem Fenster und schnallt euch eine Zwangsjacke um. Nach einer klaren Abfolge sucht man hier vergebens und trotzdem ist es extrem stimmig. Diese abgefahrenen Effekte, die sich hier über die Gitarre und den Bass stülpen, geben dir den Rest. Auch die Stimme scheint direkt aus dem Unterbewusstsein eines schizophrenen Geistes zu kommen. Wie gesagt: Wahnsinn. Trotzdem glänzt dieser Track mit gut versteckten wunderschönen Melodien. Die Gitarre klingt dabei manchmal so, als ob ein Wipers-Riff von einem Shoegaze-Gitarristen gespielt würde. Es ist fast schon wie „Precious“ von Depeche Mode zu hören. Besser gesagt, der Teil von „Precious“ ab 02:23 min, der nicht hart aber doch irgendwie heavy ist. Lassen wir es aber gut sein, denn ich verliere mich langsam in irgendwelchen unnötigen Vergleichen. 

Zusammenfassend ist der Sound von hijss wie dieser Freund, mit dem du um 04:00 Uhr früh auf dem Heimweg bist. Er fährt so schnell wie die Raumschiffe in den Star-Wars-Filmen mit Lichtgeschwindigkeit, sodass sich die dunkle Landstraße in einen Strudel aus leuchtenden Strichen verwandelt. Ach ja, und dieser Freund ist natürlich sturzbetrunken. Ihr scheppert also mit gefühlten 300 km/h durch diese gottverlassene Gegend, während irgendwelcher Nonsens leicht rauschend aus dem Radio dudelt, als ihm plötzlich seine Zigarette zwischen die Füße fällt. Was macht man in so einem Moment? Sonnenklar! Man fängt an, nach dem verlorenen Glimmstängel zu suchen. Das Auto wird sich schon alleine lenken. Bevor ihr also dem Abgrund nach der nächsten Kurve immer näher kommt, reißt du entweder das Lenkrad in die gewünschte Richtung oder findest dich mit einem äußerst sinnlosen Tod ab. Was ich damit sagen will? Es ist genau diese Ungewissheit, die diesen Sound so speziell macht. hijss ist nicht dein Freund. hijss ist gefährlich, aber trotzdem erfrischend belebend. hijss ist mein neues Lieblingswort. hijss ist genau das, was wir unserem Leben oft vermissen. Ich glaube, hjiss ist wahrer Punk. hijss ist wohl einfach das Beste, was ich in letzter Zeit gehört, entschuldige, gespürt habe. hijss ist einfach der Shit. Punkt.

Foto: hijss

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