Music

June 23, 2021

Die wahren Rowdys der Musikwelt: Santa Diver

Florian Rabatscher

Und da ziehen die schrägen Sound-Nomaden wieder durch unser kleines Land … Musiker*innen der besonderen Sorte, die keine Grenzen und Schranken kennen. Die Rede ist von Jazz. Eine Musikart, die eine wichtige Regel hat, nämlich dass es keine Regeln gibt. Es wird improvisiert, was das Zeug hält, und auch so manches Instrument zweckentfremdet. Allein das reicht, um die Kinnlade runterfallen zu lassen. Dieses Genre ist schwer mit Worten zu beschreiben und vielleicht schreckt der Musikottonormalverbraucher beim Wort „Jazz“ erst einmal zurück. Er wirkt auf die meisten leider ebenso verständlich wie ein chinesisch beschrifteter Schaltplan eines Kernkraftwerks. Ich rate euch deswegen dringend, einfach ruhig zu bleiben und euch von den facettenreichen Schwingungen treiben zu lassen. Dumpfes Zeltfestmitgeklatsche ist bei dieser technisch komplexen und oft auch fordernden Musik leider nicht drin, aber es packt euch sicher auf der emotionalen Ebene. Klingt nicht so schlimm, oder? Nach so langer Zeit mit unendlichen Einschränkungen ist es umso schöner für kurze Zeit diesen Soundtrack der Freiheit zu spüren. Genau das wird uns vom Südtirol Jazz Festival ermöglicht. Vom 25. Juni bis 04. Juli 2021 legt es mit sage und schreibe 50 Konzerten an 27 Spielorten einen bunten Klangteppich über Südtirol. Nach dieser Erfahrung könnte auch der Sturste unter uns plötzlich noch zum Freigeist werden. Eine Therapie gegen chronische Verklemmtheit, sozusagen.

Die Auswahl der Bands und Solist*innen ist, wie vom Jazzfestival gewohnt, nicht wahllos und zusammengewürfelt. Dieses Jahr begeben wir uns auf einen klanglichen Erkundungstrip entlang der Donau in den Südosten Europas. Klingt spektakulär und das ist es auch. Ein Stopp auf dieser Reise ist übrigens Ungarn – eher bekannt für Salami, Paprika und Gulasch, sollte es nach diesen Tagen auch mit extravaganten Sound in Verbindung gebracht werden. Auf dem Maria-Hueber-Platz in Brixen [29. Juni, 21:00], dem Rathausplatz in Bruneck [1. Juli, 21:00] und dem Thermenplatz in Meran [30. Juni, 21:00] werdet ihr nämlich ein ungarisches Trio erleben, das tief in Genrekiste greift und mit musikalischen Einflüssen wie wild um sich wirft.

Darf ich vorstellen: Santa Diver. Eine Ausnahmeband, die 2006 von der Violinistin Kézdy Luca und dem musikalischen Allrounder David Szesztay am Bass gegründet wurde. 2015 schlossen sie sich noch mit dem Drummer David Szegő zusammen und ließen einen klanglichen Wirbelsturm auf die Welt los. Am Dienstag, 29. Juni 2021 fegt er das erste Mal über unsere Köpfe hinweg und alle Zeugen werden verblüfft sein. Ok, Violine, Bass und Schlagzeug klingt jetzt wahrscheinlich nicht nach der totalen Erleuchtung, aber hört doch einfach mal selbst rein. Lasst euch nicht von den Instrumenten beirren, es kommt nämlich drauf an, wie sie gespielt werden. Die Violine würde man in den Aufnahmen der Band nicht immer als solche erkennen. Sie wird gezupft, gestrichen, verzerrt und mit verschiedensten Effekten bis an die Grenzen gebracht. Santa Diver klingen oft verträumt, manchmal schräg und sehr oft knallhart. Und das ganz ohne Gitarre.

Hätte Jimi Hendrix Violine gespielt, hätte er wahrscheinlich genauso geklungen. Hier haben wir wieder ein Beispiel dafür, wie weitläufig und frei Jazz ist. Manchmal beschleicht mich oft das Gefühl, dass eine Band mit äußerst talentierten Musiker*innen, wenn sie nicht weiß, welches Genre sie bedienen möchte, es einfach Jazz nennen. Denn auch bei Santa Diver hört man World Music, Balkan-Rock und deftige Rock Riffs – oft sogar im selben Stück. Sie schaffen es irgendwie zu dritt den Sound einer zwölfköpfigen Krautrock-Combo zusammenzuschustern. Wirklich beeindruckend. Hier kann man sich mit Musik auf eine Expedition zum Mittelpunkt seines Hirns begeben. Es regt in den grauen Zellen Regionen an, die bis dato im ewigen Schlummer lagen. Solche Sounds müssen erst einmal verarbeitet werden. Live ist es wahrscheinlich, wie den musikalischen Trip von Jefferson Airplanes Album „Surrealistic Pillow“ in Dolby Surround zu erleben. Leute, wie Santa Diver, kann man fast schon dabei beobachten, wie sie sich im Minutentakt weiterentwickeln. Stellt euch vor, die Beatles hätten sich während eines Konzertes von den lustigen Pilzköpfen in die Sgt. Pepper’s Lonley Hearts Club Band verwandelt und wären gegen Ende hin zu den langhaarigen und vollbärtigen Hippies mutiert. Wahnsinn. Aber hören wir damit auf, uns dieses Spektakel einfach nur vorzustellen. Seht euch eines ihrer Konzerte an, auch wenn ihr noch nie etwas von ihnen gehört habt. Das Jazzfestival lädt immer wieder aufs Neue zu beeindruckenden Entdeckungen ein.santadiver2

Santa Diver sind zwar so weit weg vom Mainstream, dass er nicht mal mehr am Horizont zu sehen ist, aber Jazz inspiriert sich im Allgemeinen nicht an Great America, der Musik in den Charts oder irgendwelchen Influencern (die ständig im Urlaub zu sein scheinen). Nein, er entspringt vollkommen aus den Köpfen derer, die ihm gestatten von ihrer Seele Besitz zu ergreifen. Jazz klingt also fast nach dem Teufel und, vielleicht, ist er es auch auf irgendeine Art und Weise. Für mich jedenfalls ist dieser Sound immer noch der gefährlichste weit und breit, weil man nie wirklich weiß, was auf einen zu kommt. Death Metal? Hardcore Techno? Alles Firlefanz dagegen. Das sind die wahren Musik-Rowdys … zwar kein Rock’n’Roll, aber mehr Rock’n’Roll geht nicht. Versteht ihr? 

Also Leute, es gibt viel zu entdecken. Was ihr dafür machen müsst? Ganz einfach! Drauf einlassen. 

Fotos: Santa Diver

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