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June 17, 2021

„Kunst und Stall“ und Entrückung in Kematen

Kunigunde Weissenegger

„Wer denkt, dass der Stall als Symbol für bäuerliche Einfachheit und Notwendigkeit im steilen Kontrast zum Kulturgut Kunst steht, täuscht sich, denn die Arbeit des Künstlers steht dem des Bio-Bauern in vieler Hinsicht nahe. Beide arbeiten expansiv, auf eine ursprüngliche archaische Weise geradezu existentiell, und erschaffen beziehungsweise erzeugen unter maximaler Kraftanwendung und mit voller Hingabe ihre Produkte sowie Kunstwerke. Wir möchten die physische Notwendigkeit auf Nahrung mit der seelischen Notwendigkeit auf geistige Nahrung mittels unserer gewagten Kunstaktion auf eine Ebene stellen.“ – So die Kernaussage des „interdisziplinären Ausstellungsprojektes“, das am 19. Juni 2021 um 18 Uhr mit einem Live-Violinen-Konzert unter dem freien Himmel beim Wiesenhof Kematen am Ritten eröffnet wird. Um 20 Uhr findet mit den ausstellenden Künstler*innen Cornelia Lochmann, Matthias Lintner, Clara Mayr und Arianna Moroder ein Gespräch statt. 

Mit „Kunst und Stall“ möchten die vier Künstler*innen gewohnte Ausstellungsorte wie Galerien oder Museen hinterfragen und durch die Verlegung in den Stall diesen selbst zum Gesamtkunstwerk erheben. Vieh und Mensch kuratieren, präsentieren ihre Arbeiten, sind gleichzeitig Besucher*innen und Gastgeber*innen. „Bei der Betrachtung und Rezeption der Kunstwerke verschwimmen die Definitionsgrenzen zwischen Tier und Mensch, zwischen Nutztier und Konsument*in“, steht im Konzept.  

Irgendwie passend (oder auch nicht) zum Thema könnte den Aussteller*innen die Frage gestellt werden, ob sie sich mehr Sorgen um die Zukunft oder um die Vergangenheit machen? „Sorgen sind für mich vergeudete Fantasie“, meint Cornelia Lochmann, „und ich versuche sie daher weitgehend zu vermeiden. Aber ich treffe Entscheidungen bewusst nach dem Prinzip des ,Damage controll‘, was tatsächlich gut funktioniert, vor allem auf lange Sicht.“ Die Malerin zeigt mehrere großformatige, „tierisch, karge“ Bilder, die sich mit dem Stallleben beschäftigen und während der Monate auf dem Wiesenhof entstanden sind. 

Matthias Lintner projiziert den sechsminütigen Kurzfilm „Free Cuban Citizenship“, der am Tag der Kubanischen Republik die Performance eines jungen Mannes am einstigen Berliner Ost-West-Übergang Checkpoint Charlie dokumentiert: Unermüdlich macht er auf die schwierigen Verhältnisse aufmerksam, die – nicht nur derzeit – in Kuba herrschen. Die nostalgisch verklärte Idee vom Kommunismus in den Köpfen vieler Westler*innen hält sich hartnäckig und lässt ihn wundern. „Ich habe mehr Angst vor der Vergangenheit, denn die kann man nicht mehr ändern.“

Mit Skulpturen, die eine Mischung aus Mensch und Tier darstellen, ohne dass das Menschliche auf den ersten Blick erkennbar ist, demaskiert Clara Mayr: „Mir geht es darum Arbeiten zu zeigen, die auf die eine oder andere Art in den Stall passen. Und ich mache mir keine Sorgen um die Zukunft und auch nicht um die Vergangenheit. Keine Ahnung, warum.“ 

Die Arbeit von Arianna Moroder ist eine textile Assemblage und spricht Themen der Angehörigkeit und der menschlichen Verbundenheit an. Sie hat über 50 Wollpullover, die sie über die Jahre gesammelt hat, zu einer einheitlichen weichen Fläche zusammengenäht: „Dabei ging es mir viel um Verbindungen und um die Idee, dass Material sich immer irgendwie anpassen und fügen kann.“ Machst du dir mehr Sorgen um die Zukunft oder um die Vergangenheit, hab ich auch sie gefragt: „Zur Zeit habe ich ein gutes Gefühl, was die Zukunft angeht, ich glaube, diese verrückte Zeit und die kollektive Erfahrung der Pandemie hat uns alle dazu gebracht, die aktuelle Situation zu überdenken, und den Status quo in Frage zu stellen. Mir kommt vor, dass wir uns auf eine Welle von neuen Ideen und Lebensweisen gefasst machen können, und das ist sehr spannend! Wenn man die Möglichkeit dazu hat, ist jetzt ein guter Moment zu experimentieren und sich zu fragen: ,Wo kann ich was bewirken? Wo kann ich positive Veränderungen veranlassen?‘.“

Und die Kühe und der Ziegenbock? – Laufen im „lichtdurchfluteten Stall“ frei herum und erzeugen Kompost. 

Die Ausstellung am Wiesenhof, Kematerstraße 21 in Kematen, Klobenstein, Ritten ist von 20. bis 26. Juni von 11 bis 19 Uhr zugänglich.

Foto: Cornelia Lochmann

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