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May 15, 2021

Durch die Brille der Künstler*innen: Kunst Kann

Eva Rottensteiner

„Cornelia Lochmann aus Bozen, die jetzt in Berlin wohnt, ist mit einem Großgemälde vertreten. Davor hängen eine Schere, ein Messer, eine Glühbirne. Thematisch steht die Frau im Mittelpunkt mit ihren ganzen Rollen und Zusprechungen: Geliebte, Mutter, Heilerin, Hexe. Am Arbeitstisch der Lernstation liegen Zeitschriften, Blätter, Klebstoff, Scheren und Stifte bereit. Sie, die Besucher*innen, können Collagen zum Thema ‘Mütterlichkeit’ herstellen und anschließend in einen der Koffer legen. Wenn Sie möchten, kann ich für Sie in einer Zeitschrift blättern, etwas ausschneiden und aufkleben“, erklärt eine Männerstimme hinter der Kamera, die das riesige, dunkel gemalte Wandgemälde filmt.

(c) Hannes Egger 3

Endlich mal wieder ein Südtiroler Museum von innen sehen, denke ich mir und freue mich. Zumindest virtuell. Ich befinde mich gerade in einer Zoom-Konferenz und werde durch die Ausstellung „Kunst kann – Einblicke in zeitgenössische künstlerische Haltungen“ im Schloss Tirol geführt. Ich weiß, was sich jetzt wohl einige denken werden: Haben wir nicht schon genug Zoom-Calls jeden Tag? – Doch bei der Führung im Schloss Tirol geht man nicht nur passiv mit der Kamera durch den Raum und hört Museumsmitarbeiter*innen beim Labern zu, bis irgendwann die halbe Galerieansicht mit ausgeschalteter Kamera stumm vor sich hindöst. Bei dieser Führung darf man selbst künstlerisch werken, wenn man sich dafür entscheidet.

Der kreative Parcours ist das Endprodukt des zweijährigen Erasmus+ Projekts „Die Künstlerbrille – Künstlerische Denk- und Arbeitshaltungen visualisieren und vermitteln“. Kunstschaffende unterschiedlicher Disziplinen aus Liechtenstein, Deutschland, Österreich und Italien geben Einblick in ihren Schaffensprozess und bieten die Möglichkeit, selbst auszuprobieren. Jedes der zwölf Kunstwerke hat eine dazu passende Lernstation, bei der man die Technik des jeweiligen Künstlers oder der Künstlerin spielerisch ausprobieren kann. Bei Jazzmusiker Clemens Salesnys Lernstation ist das ein intuitives Bedienen eines Mroztronium Pipsqueak Noise Synthesizers mit den Fingern, bei dem interdisziplinären Künstler Marco Schmitt kann man sich auf eine Traumreise begeben und bei Theaterproduzentin, Regisseurin und Dramaturgin Katrin Hilbe imitiert man dialogisch mithilfe von Untertiteln wie in der Karaokebar Macbeth und Lady Macbeth.

Lernstation-Schmitt (c) Schloss Tirol

Da man nicht selbst physisch anwesend ist, übernimmt der Avatar die Ausführung der meisten Lernstation. Ein Avatar? Genau. Was sich eigentlich anhört wie ein Science-Fiction-Hologramm oder ein ferngesteuerter Roboter ist in Wirklichkeit doch einfach nur ein Mensch. Trotzdem cool: Man kann ständig Zwischenfragen stellen, ihn dazu auffordern, mit der Kamera näher an das Kunstwerk heranzugehen oder eine Skulptur anzufassen. An den Lernstationen legt der Avatar nach Anweisung der Teilnehmer*innen Wörter zu Gedichten, klebt Collagen oder schreibt die von uns frei erfundene Geschichte zu den Fotos an der Wand.

(c) Hannes Egger 5

Die Ausstellung ist zugleich eine Lernplattform, um mehr von der künstlerischen Herangehensweise und Haltung zu erfahren. In zuvor aufgenommenen Interviews schildern die ausstellenden Künstler*innen darum ihre Sichtweisen, erzählen, wie sie an ihre Werke und Problemstellungen herangehen, was sie beim künstlerischen Schaffensprozess fühlen, wie sie mit Unsicherheiten umgehen und was man von Künstler*innen lernen kann.

Also alle Couchpotatoes und Museumsmuffel aufgepasst: Für diese Ausstellung müsst ihr eure Wohnungen nicht verlassen, dürft euch auch in die Ausstellung kreativ einbringen und könnt vielleicht sogar etwas von der Herangehensweise der zwölf Künstler*innen lernen, egal ob ihr gerade in Bozen, Wien oder auf einem anderen Kontinent sitzt oder steht.

Eckdaten der Ausstellung:
X  45 Min
X  donnerstags + freitags
X  via Zoom-Link
X  geht noch bis 6. Juni 2021 (seit Anfang Mai auch vor Ort Besuch möglich)
X  kostenlos
X  Anmeldung für die AVATAR-Führungen hier

Geht doch auch mal im Schloss Tirol spazieren, wenn ihr vom 0815-Online-Ersatz-Programm der anderen Museen gelangweilt seid, wenn ihr einen Blick in die Köpfe der Künstler*innen werfen wollt oder wenn ihr eure eigene Kreativität zum Ausdruck bringen wollt. Kunst kann – und ihr könnt auch.

EXTRA-TIPP: Am 15.5.2021 gibt es um 15 Uhr auch ein zweistündiges Künstler*innengespräch mit den ausstellenden Künstler*innen Arnold Mario Dall’O, Cornelia Lochmann und Peter Senoner. Geht bequem online oder auch direkt vor Ort mit anschließendem Apéro.

Fotos 1–4: Schloss Tirol, Hannes Egger, Schloss Tirol, Hannes Egger

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