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March 27, 2021

Teil 2: 14_Heinz Bude – Wir müssen zurückkehren an Orte, wo wir noch nie waren

Susanne Barta

 Dieses Projekt ist aus einem Gespräch mit meiner sehr geschätzten Künstlerin-Freundin Gabriela Oberkofler entstanden. Es sind Momentaufnahmen aus dem Corona-Alltag von Menschen, die mir in dieser Zeit in den Sinn gekommen sind und die aus unterschiedlichen Perspektiven beschreiben, was sie beobachten. Teil 1 wurde von März bis Mai 2020 aufgezeichnet. Fast ein Jahr später bestimmt Corona unseren Alltag nach wie vor und wird das wohl noch länger tun. Was hat sich verändert? Welche Beobachtungen und Erfahrungen sind dazu gekommen? Eine zweite Momentaufnahme geht diesen Fragen nach. Begleitet werden die Lockdown Aufzeichnungen von Gabrielas Zeichnungen und einem Mut machenden Zitat des Soziologen Harald Welzer.   

Der deutsche Soziologe Heinz Bude ist gefragter denn je. In Zeiten wie diesen braucht es kluge Köpfe, die mit Herz, aber vor allem Vernunft auf die Dinge schauen, die wir gerade erleben. Und sie auch formulieren können. Heinz Bude lebt in Berlin. Er war in der ersten Welle in einer Kommission des Innenministeriums tätig, die das Corona-Kabinett in Deutschland beraten hat. Zuletzt erschien im Hanser Verlag der Roman „Aufprall“, den er gemeinsam mit Karin Wieland und Bettina Munk verfasst hat.

Heinz Bude

Aufgezeichnet am 22. März 2021 

Es sieht überhaupt nicht gut aus. In Deutschland sind wir Zeugen des schrittweisen Verfalls der kollektiven Handlungsfähigkeit. Die exekutive Spitze des Staates scheint ihre Autorität verspielt zu haben. Daraus ist eine ziemlich existentielle Konkurrenzsituation in der Gesellschaft erwachsen, denn immer mehr Leute fragen sich, ob es Gewinner und Verlierer dieser Krise gibt, und wissen nicht genau, zu welcher Gruppe sie gehören. Es hat sich so etwas wie eine nervöse Lähmung in der Gesellschaft ausgebreitet. Der ambivalente Zustand einer gereizten Ohnmacht. Ich kann das auch an mir selber nachvollziehen, heute morgen habe ich mir gedacht, es könnte alles ewig so weiter gehen. Man gewöhnt sich an die Lethargie einer Lockdown-Existenz. Ich laufe morgens in aller Frühe mit meiner Frau um den See, absolviere meine Lehre digital, ein Zoom-Treffen jagt das nächste und abends klicken wir uns lustlos durchs Netflix-Programm und landen dann doch bei einem der Nachkriegsromane wie dem „Gantenbein“ von Max Frisch, die wir mit großer Freude wieder lesen. Nicht schön, aber es geht. 

Ich selber habe die erzwungene Stillstellung dazu genutzt, um mir Klarheit darüber zu verschaffen, wie wir in diese Lage gekommen sind. Ich habe mich einer Initiative angeschlossen, die sich „NO-COVID“ nennt. Wir haben versucht, Resümee zu ziehen aus dem Vergleich zwischen Ländern, in denen es relativ gut gegangen ist, mit solchen, in denen es überhaupt nicht gut gegangen ist. Das Ergebnis ist verblüffend einfach: Man kann den Kampf jeweils nur vor Ort gewinnen, nicht mit einer Strategie fürs ganze Land. Die Aufrufung einer kollektiven Bewährung verfängt nicht mehr. Die Grundidee ist – auch wenn das paradox klingt –, man kann mit dem Virus nur leben, wenn man nicht mit ihm leben will. Man braucht eine Strategie für die nachhaltige Extinktion des Virus. Man kann nicht mit ihm verhandeln, man darf ihm keinen Raum geben. Wenn man weiß, wie das Virus zum Verschwinden gebracht werden kann, dann kann man auch eine Möglichkeit finden, mit ihm zu leben. Wichtig ist, sehr schnell zu reagieren, wo es notwendig ist. Dazu eine proaktive Testökologie, die auch jene erwischt, die ohne Symptome zu zeigen, das Virus unter die Mitmenschen bringen. Im Augenblick wird das aber konterkariert von der Erkenntnis, dass die Impfungen allmählich dazu führen, dass die Todeszahlen zurückgehen, die Infektionsraten jedoch aufgrund der Mutationen steigen und da taucht die interessante Frage auf, ob man nun sagt, „So ist es nun mal, wir impfen Tag für Tag, und auf dem Weg der Durchimpfung der Bevölkerung wird man eine Quote von Toten in der Altersklasse zwischen 40 und 60 Jahren hinnehmen müssen“. Diese Hinnahme-Bereitschaft von Toten scheint die neue Stimmung in der Gesellschaft zu sein, auf der Basis, dass jede einzelne Person vor allem darauf schaut, wie sie sich retten kann. Diese neue Situation ist meiner Ansicht nach gefährlich. 

Ich habe gelernt, dass Gesellschaften kollabieren können. Es ist eben nicht so, dass immer alles weitergeht. Wir sind Zeugen eines Kollapses, der insofern nicht so schmerzlich ist – jedenfalls in Deutschland –, weil große Teile der Industrie, der alten mit Öl und der neuen mit Daten, weiterlaufen. Die großen Autokonzerne, zum Beispiel, haben sehr gut verdient im letzten Jahr. Die Industrieproduktion ist geblieben, die Grundwertschöpfung hat sich zum Teil sogar noch intensiviert, die wirklich Notleidenden kommen aus dem Dienstleistungsbereich. Eine ganz verrückte Situation. Ich weiß, dass gut gehende Betriebe bereits eine Testökologie aufgestellt haben und ihre Belegschaft regelmäßig durchtesten. Das ist zweifellos eine neue Art von sozialer Kontrolle. Wir üben ein, Kontrolle durch Testung auszuüben. Wenn wir das nicht in einem zivilisierten Rahmen hinbekommen, kann uns das teuer zu stehen kommen. Dazu kommt, dass sich die klassischen Institutionen der Zivilgesellschaft abgemeldet haben. Die Kirchen beispielsweise spielen überhaupt keine Rolle seit zwei Jahren, sie sind noch viel ängstlicher als wir alle. Die existenziellen Probleme der Leute haben im Augenblick keinen Platz in der Gesellschaft. Die Gewerkschaften haben sich genauso wie die Kirchen abgemeldet. Wir erleben also ein Versagen der klassischen Akteure der Zivilgesellschaft, die wir aber umso mehr bräuchten, wenn wir die soziale Kontrolle zivilisieren wollen. Das ist eine ganz schwierige Situation, die eine Anstrengung in sozialer Intelligenz nötig macht.

Natürlich habe ich als Soziologe dazu Vorschläge. Mir ist klar geworden, dass es einen grundsätzlichen Unterschied gibt zwischen einer Politik über Pakte und einer Politik über Kompromisse. Ich habe den Eindruck, wir erleben gerade eine Krise der Politik der Kompromisse. Warum? Weil man mit diesem Virus keine Kompromisse schließen kann und es Bereiche gibt, wo man kompromisslos sein muss. Das heißt auf der anderen Seite, dass man Pakte zwischen den verschiedenen Akteuren herstellen muss, ich meine die Betriebe, die öffentlichen Verwaltungen, die Verbände und natürlich die Gesundheitsämter. Der Pakt ist dadurch charakterisiert, dass unterschiedliche Kompetenzen zusammengeführt werden, die durch Akteure repräsentiert werden. Gibt es also eine neue Intelligenz der Pakte in unserer Gesellschaft, die die Politik der Kompromisse ablösen könnte? Das wäre ein Weg aus der Lethargie, ein Weg, der unsere soziale Intelligenz stärkt gegenüber einem Virus. Die Impfungen sind schon prima, wir wissen aber nicht, wie lange sie wirken, deswegen müssen wir darauf reagieren, sonst bekommen wir das nicht hin. 

Es gibt viele Leute derzeit, die träumen davon, dass man mit der Pandemie zu großen gesellschaftlichen Transformationen durchstarten kann, aber sie vergessen, dass die meisten Menschen nicht in einer Welt der Aufbrüche leben, sondern Sehnsucht nach Rückkehr haben. Man muss daher Rückkehr und Aufbruch zusammen bekommen. Wenn man den Leuten jetzt erzählt, „Wir brechen auf in eine ganz andere Welt“, wird man keine Gefolgschaft finden. Um es wieder paradox zu sagen: Wir müssen zurückkehren an Orte, wo wir noch nie waren. Wir müssen also die doppelte Bewegung – Rückkehr und Aufbruch –, denken können. Wieder etwas sehr Schwieriges, aber sehr Notwendiges.

Ich habe nach dem populistischen Phantasma der gewählten Wahrheiten, aber auch die Wiederkehr der Wissenschaft erlebt. Und noch mehr als vorher bin ich davon überzeugt, dass Wissenschaft und Demokratie einen inneren Zusammenhang bilden. Viele sagen, „Die Wissenschaft als Technokratie unterläuft die Demokratie“, ich glaube, genau das Gegenteil ist der Fall: Eine demokratische Welt, die nicht an die Wissenschaft glaubt, ist keine demokratische Welt.

Zeichnung: Gabriela Oberkofler 
Fotos:
© Heinz Bude

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