Culture + Arts > Cinema

March 23, 2021

„… eine Magie, die man nur filmisch erzeugen kann “ – Christoph Huber bei Frame to Frame

Eva Rottensteiner

Wer waren die größten Avantgarde-Filmemacher*innen aller Zeiten? Welche Techniken haben sie benutzt? Welche Rolle spielt Sexualität in Underground-Filmen? Was macht einen Film überhaupt zu einem Experimentalfilm? Und wo finde ich den nächsten Kinoanbieter meines Vertrauens, der noch Filmscreenings mit Kinematograph zeigt? Diese und viele weitere Fragen kann man Christoph Huber live und online am Freitag, 26.3.2021 bei „Frame To Frame“ stellen – einer Woche, ganz im Zeichen des Experimentalfilms und inspiriert an der aktuellen Ausstellung „TIME OUT“ des Animationspioniers Robert Breer in der Antonio Dalle Nogare Stiftung. Um 18 Uhr hält der Kurator, Filmkritiker und wissenschaftliche Mitarbeiter des Filmmuseums Wien nämlich eine Online-Vorlesung über die Geschichte des Experimentalfilms aka Avantgardefilms aka Undergroundfilms. Im Anschluss daran schaltet sich der Filmrestaurator Marc Toscano aus L.A. zu, der eine Schlüsselfigur für den Erhalt der Experimentalfilme von damals ist.

Einige Fragen haben wir dem Filmexperten Christoph Huber vorab schon gestellt …

Dein aktuell liebster Experimentalfilm?

Eindeutig „37/78: Tree Again“ vom österreichischen Avantgarde-Filmemacher Kurt Kren. Das ist wohl mein Lieblingsfilm. Der musste emigrieren und hat dann lange in Amerika und Kanada gelebt. Den Film hat er in Vermont aufgenommen, wo er einen alten abgelaufenen Infrarotfilm aufgetrieben hatte. Er wusste also beim Aufnehmen nicht, ob es überhaupt funktionieren wird, das war ein Experiment. Mit dem Film hat er über ein Vierteljahr hinweg täglich einen Filmkader von einem Baum aufgenommen. Aber nicht chronologisch: In der Abfolge im Film gibt es also mit jedem Bild einen Sprung. Licht und Wetter ändern sich ständig. Als ob der Film vor und zurück durch die Zeit springt. Der Film verwandelt sich jede Sekunde und erzeugt etwas Rauschartiges. Das ergibt eine Magie, die man nur filmisch erzeugen kann.

Welche Tabus hat das experimentelle Kino gebrochen?

Der Umgang mit Tabus hat sich verändert. Filme können heute keine Skandale mehr auslösen. Früher war das anders. Im Experimentalfilm wollte man oft bildstürmerisch sein und gesellschaftliche Konventionen überschreiten. Einer der bekanntesten Filme aller Zeiten ist „Der andalusische Hund“ aus dem Jahr 1929 von Salvador Dalí und Luis Buñuel, der kein ganz abstraktes Experiment ist, sondern mit den Regeln der Handlung gebrochen hat. Der Inhalt folgt traumgleichen, unlogischen Zusammenhängen. Er beginnt absichtlich mit einem Schockbild, das zu den berühmtesten des Kinos zählt, wo ein Mann hinter eine Frau tritt und ihr Auge aufschneidet. Das hat seine Irritationskraft bis heute behalten. Buñuel hat sich übrigens geärgert, dass der Film so viel Anerkennung bekommen hat, weil der Film seiner Definition nach ein „Aufruf zum Mord“ war. Man wollte also provozieren und der Film sorgte damals für Tumulte. Viele der großen Skandale, vor allem in den 50ern und 60ern, ergaben sich auch aus der Freizügigkeit in Experimentalfilmen. Der legendäre schwule Avantgarde-Filmemacher Jack Smith hat etwa in seinem dreiviertelstündigen Film „Flaming Creatures“ von 1963 eine Orgie gefilmt, was in vielen US-Staaten aufgrund einer Anklage wegen Obszönität zur Verhaftungen führte. Jean Genets „Un chant d’amour“ aus den 50ern handelt von schwulen Häftlingen, die davon träumen miteinander Sex zu haben und führte ebenfalls zu Zensurskandalen. Rein von den Bildern her würde man das heute gar nicht mehr arg finden.

Welche gesellschaftliche Aufgabe hatte der Avantgarde-Film seit seiner Entstehung in der Nachkriegszeit?

Er hat im Gegensatz zu kommerziellen Filmen zur Bewusstseinsbildung beigetragen, indem er ein neues Verständnis von Wahrnehmung geprägt hat. Zu den ersten gehörte der deutsche Filmemacher Hans Richter, der in seinen Filmen zunächst einfache, abstrakte Formen kombinierte und später Rhythmus als zentrales Element des Films bezeichnet hat. Im Avantgarde-Film hat man revolutionäre Ideen ausprobiert, auch wie man Inhalte anders vermitteln kann. Viele der legendärsten Einfälle aus Experimentalfilmen tauchen, manchmal nur wenige Jahre später, in der Werbung oder in Musikvideos auf und plötzlich erreichen seine Innovationen ein großes Publikum.

Gerade Frauen und nicht-binäre Personen gingen in der Geschichtsschreibung oft unter. Wer sind eigentlich die wichtigsten, die das Avantgarde-Kino geprägt haben?

Frauen spielen eine zentrale Rolle im Avantgarde-Film. Maya Deren ist mit ihren Filmen wie „Meshes of the Afternoon“ ab den 40ern als eine der wichtigsten Pionierinnen zu erwähnen, die einen surreal lyrischen Zugang zum Filmemachen hatte. Ihr Stil prägte die gesamte Avantgarde. Der große Stan Brakhage etwa wäre ohne ihre Vorarbeit nicht denkbar. Schon in den 20er Jahren hat in Frankreich mit Germaine Dulac eine Frau einen der ersten surrealen Filme gemacht. In den 60ern schufen Frauen wie Carolee Schneemann mit „Fuses“ wichtige Underground-Filme. Sie hat sich dabei selbst mit ihrem Liebhaber beim Sex gefilmt, aber das Material überbarbeitet und als eine Art Erfahrungstrip neu angeordnet. Der Film war eine dezidierte Gegenreaktion auf den männlichen Blick in der Avantgarde. Es gibt auch Grenzgängerinnen zwischen Avantgarde und künstlerischem Spielfilm wie die Belgierin Chantal Akerman. Ihr sprödes Spielfilm-Epos „Jeanne Dielman“ porträtiert über drei Stunden lang den meist „ereignislosen“ Alltag einer Hausfrau, die nebenbei als Prostituierte arbeitet. Andere Schlüsselfiguren der 60er und 70er wären Joyce Wieland oder Chick Strand. Der Frauenanteil im Experimentalfilm ist seit den 70er Jahren auch immer mehr angestiegen. Und auch wenn es viele Vorreiterinnen gab, als Frau hatte man es damals sicher nicht leicht. Gerade die Underground-Szene war zwar künstlerisch fortschrittlich, aber auch eine Macho-Kultur. Die Transgender-Person Ashley/Angela Hans Scheirl ist mir in den 80er und 90er Jahren mit Experimentalfilmen wie „Dandy Dust“ untergekommen, die auch in den österreichischen Programmkinos gezeigt wurden. Inzwischen ist Scheirl in der Kunstszene sehr erfolgreich, etwa mit einer documenta-Teilnahme.

Du wirst deinen Vortrag mit Mark Toscano halten …

Ich habe ihn leider nie persönlich kennengelernt, aber ich kenne ihn schon lange als wichtige Person für den Experimentalfilm durch seine Restaurationsarbeit. Marc Toscano hat die Werke Robert Breers teilweise mitrestauriert. Deswegen wird er im Vortrag vor allem über ihn reden und ich werde eher die Ursprünge des Avantgarde-Films vor Breer erarbeiten.

Was ist das Erbe von Robert Breers Experimentalfilmen?

Was ihn unter anderem so besonders macht, ist, wie er sich damit auseinandersetzt, dass aus statischer Malerei filmische Bewegung wird. Er arbeitet oft mit Einzelbildern, die schnell hintereinander abgespielt werden. Dadurch werden zum Beispiel Farben anders wahrgenommen. In der Hinsicht hat Breer andere Arbeiten geprägt, ohne dass es vielleicht eine bewusste Traditionslinie gibt: Aber er hat bestimmte Zugänge „entdeckt“. In seiner künstlerischen Arbeit wechselte Breer zwischen Film und Malerei, seine ersten Filme wirken wie animierte Gemälde. Später entwickelte er Installationen, die sich ganz langsam bewegen, was man also erst bei näherem Hinschauen – oder buchstäblich nach ein paar Minuten – merkt.

Was macht die Pandemie mit dem Experimentalfilm?

Interessanterweise ist es inhaltlich kaum passiert, dass Filme – auch Experimentalfilme – die Pandemie groß aufgreifen und uns eine Welt voller Menschen mit Masken zeigen. Das hätte ich früher erwartet. Prinzipiell hat die Pandemie Entwicklungen beschleunigt, etwa dass die Leute weniger ins Kino gehen und mehr von zuhause aus streamen. Filme und vor allem Experimentalfilme wirken aber anders, je nachdem, ob man sie auf Kinoleinwand sieht oder eben zuhause am Laptop. Experimentalfilme haben es da noch schwieriger, dass man sich als Zuseher darauf einlässt. Und bestimmte Filme sind einfach für analoge Filmprojektionen gedacht, digital zuhause ist nur mehr ein Abklatsch des Originals. Auch was den Betrieb angeht, für einen Ort wie das Österreichische Filmmuseum, wo ich arbeite und wo wir Filme noch in Originalform zeigen, gibt es zusätzliche organisatorische Herausforderungen. Wenn wir etwa eine seltene Filmkopie von einem anderen Museum holen wollen, so sind Versand und Ausleihe schwieriger – in manchen Fällen sogar unmöglich – geworden. Das Zeigen von Filmgeschichte wird allgemein problematischer, weil die Technik dafür verschwindet. Und letztlich glaube ich auch, dass viele Kinos die Pandemiezeit nicht finanziell überleben werden.

Woher kommt eigentlich deine Faszination für Filme?

Das hat mich schon als Kind fasziniert, eher aber zunächst durch Filme im TV, durch Klassiker wie King Kong. Das nächste Kino war im Nachbarort, ich war auf das Fernsehen angewiesen, aber das hatte damals noch wirklich gutes Filmprogramm, überhaupt nicht wie heute. Als ich Teenager war, hat das deutsche Fernsehen zum Beispiel zu einem Jubiläum einen Monat lang einen Großteil der Filme von Hitchcock gespielt und so habe ich mehr und mehr in die Filmwelt gefunden. Deswegen wollte ich auch in Wien studieren, weil das Kinoangebot dort eines der besten weltweit ist.

Hier geht’s zum Stream der englischsprachigen Vorlesung. Bei der Veranstaltung „Frame to Frame“ im Rahmen der „Time Out“-Ausstellung über Avantgarde-Filmemacher Robert Breer wird von 19. bis  26.3 März täglich ein Newsletter versandt, in dem ein internationales Filmfestival (darunter Vienna Shorts, Lo schermo dell’arte, IFFI Innsbruck) vorgestellt wird – ein guter Einblick in die zeitgenössische Experimentalfilmszene, für den sich alle Interessierten gratis anmelden können.

Photo Credits: Christoph Huber – Österreichisches Filmmuseum (c) Mercan Sümbültepe

Print

Like + Share

Comments

Current day month ye@r *

Discussion+

There are no comments for this article.