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March 8, 2021

And the Oscar goes to… „Was wir wollten“ von Ulrike Kofler …?

Eva Rottensteiner

Eigentlich hätte am letzten Februar-Tag die Oscar-Verleihung stattfinden sollen und eigentlich hätte dort auch eine Tirolerin mitgemischt: Ulrike Kofler feiert mit ihrem Film „Was wir wollten“ (2020, The Way Things Go) ihr Regiedebüt und wurde damit, schwups, für die Oscars in der Kategorie „Bester internationaler Film“ nominiert. Coronabedingt wurde die Verleihung auf 25. April 2021 verschoben, was den Erfolg der Innsbruckerin aber nicht gebremst oder aufgehalten hat. Im Dezember 2020 wurde der Film ins Netflix-Österreich-Sortiment aufgenommen. Außerdem hat er es sogar bis in die Vorauswahl der Golden Globe Awards geschafft. Neben Lavinia Wilson und Elyas M’Barek stehen auch die Südtirolerin Anna Unterberger und der Südtiroler Lukas Spisser vor der Kamera. 

Ulrike Kofler ist zudem eine erfahrene Filmeditorin und Drehbuchautorin, konzentriert sich auf Schnitt und Drehbuch. In Vergangenheit hat sie Videoinstallationen für Bühneninszenierungen produziert und medienpädagogisch mit Jugendlichen, Migrant*innen und Menschen mit Behinderung gearbeitet. Das Drehbuch für „Was wir wollten“ hat sie zusammen mit Marie Kreutzner und Sandra Bohle geschrieben. 

Worum es im Film von Ulrike Kofler geht?

Ulrike, das Drehbuch von „Was wir wollten“ ist inspiriert von einer Kurzgeschichte von Peter Stamm. Dein mehrfach ausgezeichneter Diplomfilm „Wir fliegen“ ebenfalls. Was fasziniert dich so an seinen Geschichten?

Häufig sind mir die Figuren sehr nah, die Peter Stamm in seinen Geschichten beschreibt. Sie suchen nach Erfüllung ihrer Sehnsüchte, nach dem Glück, ihrer Herkunft, nach einem Schmerz, den sie nicht definieren können – gefangen in sich und in der Welt, in der sie leben. Das inspiriert mich. Die Biographien, die er beschreibt, haben etwas Ehrliches, sie sind am Puls der fragilen menschlichen Psyche und im wohltuenden Gegensatz zum Bild unserer neoliberalen Gesellschaft, die suggeriert, ständig im Reinen mit sich selbst sein zu müssen, um ein „normaler“ Bürger zu sein (und dabei möglichst viel zu konsumieren, damit das auch so bleibt, eh klar).

Das Thema deines neuen Films ist auch inspiriert von eigenen Erfahrungen – als dein Kinderwunsch beim zweiten Kind nicht mehr geklappt hat. Wie geht man mit persönlichen Parallelen im eigenen Film um?

„Was wir wollten“ ist die Adaption der Kurzgeschichte „Der Lauf der Dinge“ von Peter Stamm: Es geht um ein Paar, das eine schöne Zeit miteinander verbringen möchte, es aber irgendwie nicht hinkriegt, die Sache mit dem Glücklicksein, mit der Entspannung. Das Glück scheint überall dort zu sein, wo die beiden nicht sind. Die Inspiration für diesen Film liegt in erster Linie in dieser Geschichte. Ich habe sie zusätzlich mit dem Thema Kinderwunsch gefüllt, weil die Kurzgeschichte für einen Langspielfilm nicht ausreichend Stoff und Spannung ergab. Inspiriert von meiner persönlichen Erfahrung ist vor allem der Umstand, dass ungewollte Kinderlosigkeit ein Tabuthema zu sein scheint. Ich wollte diesem Thema eine Stimme geben.

Im Film sprichst du nicht nur das Tabuthema Kinderlosigkeit an, sondern auch den Stillstand des Sexlebens bei Paaren. War das bewusst?

Ich fand es interessant und wichtig, in diesem Zusammenhang auch eine unglückliche Sexualität im Film zu zeigen. Ähnlich wie der unerfüllte Kinderwunsch ist es meist ein Tabuthema, nichts, über das man gerne redet, auch in Filmen ist mir diese Thematik noch selten begegnet.

Ist es nicht auch ein bisschen Verrat, wenn Arthouse-Filmproduktionen sich mit Netflix verbünden?

Ich liebe das Kino, es war mir ein großes Anliegen, dass der Film zumindest in Österreich auch ins Kino kommt. Leider wurde dies vorerst durch die Pandemie vereitelt. Dennoch bin ich sehr dankbar, dass der Film trotz Corona ein so großes Publikum hatte (weit größer, als es mit einer Kinoverwertung jemals möglich gewesen wäre). Das war ein großes Glück für uns. Dennoch: Das Kino darf nicht sterben. Es ist ein Stück Kultur, es gehört geschützt. Ohne Kino, das merke ich auch im Moment sehr schmerzhaft, ist das Leben ein Stück ärmer. Das Gefühl, ins Kino zu gehen, sich bewusst für einen Film zu entscheiden, sich zu zweit, in einer Gruppe oder auch alleine einen Film in einem dunklen Saal auf einer großen Leinwand anzusehen, das können Streaming-Dienste nicht ersetzen.

Du wärst die erste Frau in Österreich, die einen Oscar gewinnt. Bisher gingen alle 37 Oscars in Österreich an Männer. Wandel in Sicht?

Dass „Was wir wollten“ von Österreich als Kandidat ins Rennen geschickt wurde, hat mich sehr gefreut. Dennoch: Ich habe nicht damit gerechnet, jetzt einen Oscar zu gewinnen – das wäre absurd beim allerersten Langspielfilm. Was gäbe es dann noch für Ziele in meiner Karriere als Regisseurin? Ob es einen Wandel gibt in dieser immer noch männlich dominierten Welt? Ich bin Optimistin: Also ja!

Ich habe gelesen, Alices Figur sei ein Grund dafür gewesen, wieso die Finanzierung so lange gedauert hat. Das Problem daran: Sie wirke „unsympathisch“. Wirst du uns auch in deinen künftigen Filmen mit „unsympathischen“ Frauenfiguren beehren?

Ich finde Alice überhaupt nicht unsympathisch! Sie ist eine Frau, die ein Problem hat, einen Schmerz, den sie bewältigen muss. Es ist interessant, dass Frauen dann als unsympathisch definiert werden, Männer hingegen eher als interessant. Ich möchte von Menschen erzählen, die mit den Herausforderungen unserer Zeit zu kämpfen haben. Auf unterschiedlichste Weise und mit den unterschiedlichsten Themen. Auch viele Frauen werden dabei sein!

Kurz noch zu etwas anderem: Warum eigentlich medienpädagogische Filmarbeit mit Jugendlichen, Migrant*innen und Menschen mit Behinderung?

Warum nicht? Ein spannendes Arbeitsfeld, in dem mit Filmarbeit sehr viel zu bewirken ist.

Photo Credits: Pamela Russmann

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