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February 6, 2021

Aufzeichnungehen 10_„Gehen. Weitergehen“

Allegra Baggio Corradi
Kunigunde Weissenegger
Zehn mal zwei Stunden gehen, jeweils vier mal dreißig Minuten in Aktion, zehntausend Schritte pro Abschnitt, insgesamt hunderttausend in zwanzig Stunden. Die Aktivität des Gehens steht im Mittelpunkt dieser Wanderung in Etappen von Erling Kagge. Bei der Durchquerung von Natur, Städten, sich selbst, Kunst, Büchern und der Erde, mit und ohne Ziel, von Oslo nach Bozen, ist der norwegische Weltwanderer bewegt, verändert sich, dankt und reagiert.

Meist laufe ich in Socken oder barfuß herum. Zu Hause, wenn ich Freunde besuche oder im Büro ziehe ich meine Schuhe aus. Nicht nur aus Höflichkeit, ich will die Zehen bewegen können und keine dicke Schicht Gummi zwischen meinem Körper und dem Boden spüren. Sitze ich in einem Café, streife ich unter dem Tisch die Schuhe ab. Ich mache es heimlich, um Kommentare zu vermeiden oder mich mit einem schlecht gelaunten Kellner auseinandersetzen zu müssen.
Es ist nicht so einfach in meinem Beruf, aber am liebsten würde ich auch auf die Socken verzichten. Nicht aus Rücksicht auf meine Füße, sondern aus Rücksicht auf mich und meinen ganzen Körper. Ich will den Holzfußboden spüren, Beton, Treppen, Gras, Sand, Dreck und Asphalt. Oder Moos, Tannennadeln und Steine. Ich will die Reflexe jedes Zehs fühlen, spüren, wie Zehenballen, Hacken und Waden empfindlicher werden. Die Haut unter den Füßen mit ihren Nerven und Reflexpunkten – Punkte, die in Verbindung mit dem restlichen Körper stehen – bekommt einen engeren Kontakt mit der Erde. Ich glaube, so selbstverständlich wie der Körper Sonnenlicht benötigt, die Haut es genießt, den Wind zu spüren und die Ohren gern Vogelgezwitscher hören, wollen die Füße barfuß sein. Barfuß sind die Füße verletzlicher.
[zit. aus „Gehen. Weiter gehen“, S. 72–73, Erling Kagge]

bewegt-sein chronicles in ten thousand steps from the great north 02Bewegt sein: „Norwegisch røre sig und bevege sig bedeuten „sich bewegen“ und „sich rühren“ und bli rørt und bli beveget „bewegt sein“ und „gerührt sein“. 

Bei einem seiner Streifzüge im Hardangerfjord passierte Erling ein kleines Missgeschick. Nach einem Picknick entfernte er sich für einen Verdauungsspaziergang immer weiter von seinem Rucksack, als ihm schließlich Zeit zum Umzukehren schien, bemerkte er, dass er seine Schuhe verloren hatte. Wie und wann konnte das bloß geschehen sein?! Er wusste es nicht. Zuerst dachte er, er hätte sie bei den anderen Sachen zurückgelassen, aber er fragte sich auch, warum er sie nicht vermisst hatte. Er versuchte einen klaren Gedanken zu fassen, aber bald war es Mittag und Scharen von Familien mit Kindern strömten bereits in den Wald, auf der Suche nach einem Fleckchen Grün für den Sonntag im Freien.

sich-veraendern chronicles in ten thousand steps from the great north 02Sich verändern: „Damit alles, was uns umgibt, nicht nur schön ist, sondern auch erhaben, muss sich in unseren Köpfen ein Wandel vollziehen.“  

Der Dichter Olav H. Hauge wohnte von seiner Geburt bis zu seinem Tod auf einem Hof in Ulvik in Hardanger. Der Hof liegt an einem Fjord, umgeben von wunderbaren Bergen. In der bergigen Landschaft rund um Ulvik beginnen nahezu alle Touren mit langen Steigungen. Hauges Buchregale standen voller Weltliteratur, und in seiner Einsamkeit sprach der Dichter über die Bücher, die er las, und unterhielt sich im Kopf mit den Autoren, die sie geschrieben hatten, während er spürte, wie die Welt sich veränderte. Er schrieb das Gedicht „Dein Weg“:

Dies ist den Weg.
Allein du
sollt ihn gehen. Und es ist
gefährlich umzudrehen. 

Genauso ist es! Es gibt einen Weg. Es ist dein Weg, und du erschaffst ihn beim Gehen, sogar wenn du auf denselben Pfaden wanderst wie andere. Allerdings glaube ich nicht, dass es „gefährlich ist umzudrehen“. Man kann immer umdrehen, jede Minute des Tages, doch der Weg zurück ist ein anderer.
Der spanische Nationaldichter Antonio Machado empfand fast dasselbe wie Hauge, wenn er unter Eichen über die hügelige und windige Hochebene Kastiliens wanderte. Eine Gegend, in der er glaubte, dass „die Steine aussehen, als würden sie träumen“. In seinem Gedicht „Wanderer“ schrieb er ähnlich wie Hauge: 

Der Weg entsteht beim Gehen,
beim Gehen entsteht der Weg,
und im Blick zurück
sieht man den Pfad,
den man nie wieder betreten muss. 

Nachdem er Machados Gedicht gelesen hatte, notierte Hauge in seinem Tagebuch: „ENDLICH EINER, DER MIT MIR EINER MEINUNG IST.“
[zit. aus „Gehen. Weiter gehen“, S. 75–76, Erling Kagge]

Es hilft nichts, dachte sich Erling, es muss doch irgendeinen Weg geben, um barfuß zum Rucksack zurückzugelangen, ohne anderen Leuten zu begegnen. Aber warum sollte er sich um die Meinung der anderen scheren? Wieso ihre Reaktionen fürchten? Schließlich hatte er den Nordpol erreicht, und jetzt fürchtete er anscheinend die Blicke und das Gekicher fremder Kinder, fragte sich Erling. Während er so nachdachte, lehnte er sich an einen Baumstamm und schmiegte seinen Rücken an dessen Rinde. So stand Erling über zwei Stunden regungslos da und überlegte, welchen Weg er zum Rucksack zurückgehen könnte, ohne jemandem zu begegnen. Selbst wenn er es wollte, könnte er diesen vorherigen Weg nicht zurückverfolgen. Ohne es zu bemerken, war er losgelaufen. Abgesehen davon hatte er es sich gerade auf einem Ast gemütlich gemacht – und von oben betrachtet, erschienen ihm alle irdischen Probleme klein und unbedeutend. Warum auch sich um ein Paar verlorene Schuhe sorgen?

danken chronicles in ten thousand steps from the great north 02Danken: „Zwei ungeschriebene Regeln sollte man stets versuchen einzuhalten: Erstens: Sei freundlich. Zweitens: Hinterlasse eine Hütte, wie du sie vorgefunden hast. Das Einzige, was du hinterlassen musst, ist Dankbarkeit.“

Die Welt ist so organisiert, dass wir so oft wie möglich sitzen.
Zu sitzen entspricht der Forderung der Herrschenden nach Schaffung des Bruttoinlandprodukts und dem Wunsch der Geschäftswelt nach Konsum. Bewegung hat kurz und effektiv zu sein. [...]
Es ist für die Regierungen und Firmen leichter, uns zu kontrollieren, solange wir sitzen.
Gehen kann ein ganzes Land verändern. Wenn ich über die französische Geschichte lese, scheint es, als hätte jeder Aufstand mit Demonstranten begonnen, die durch die Straßen einer Stadt zogen. Gandhi und seine Anhänger bewiesen, dass Füße weit effektiver sein können als die Waffen einer Supermacht. Die Menschen marschierten zusammen los und lösten eine Massenbewegung aus. Zur Verzweiflung der englischen Kolonialherren entschieden sich die Demonstranten 1930, vierzig Meilen weit zu gehen, ein Ereignis, das in die Geschichte als der sogenannte Salzmarsch eingegangen ist, um das Monopol auf Salz und damit das Ende der britischen Herrschaft über Indien zu erzwingen. [...]
Was würde passieren, wenn die Machthaber weltweit gezwungen wären, sich täglich auf einem Spaziergang unter die Bevölkerung zu mischen? Ich glaube, es wäre gut für alle. Eine Demokratie ist davon abhängig, dass wir uns näher kommen. Dass es nicht zu viel wir und die gibt. [...]
Es hat etwas Undemokratisches, der Natur, den Straßen und den Menschen, über die man bestimmt, so fern zu sein. In Norwegen mischt sich der Ministerpräsident glücklicherweise unter die Bevölkerung, kauft in denselben Geschäften wie wir ein, trinkt seinen Kaffee in denselben Cafés. Die Politiker sehen uns und wir sehen sie. [...]
Aus großer Distanz mag die Welt homogen erscheinen, aber je näher man kommt, desto weniger stimmt diese Vorstellung mit dem Terrain überein.
Je größer der Abstand zwischen denen wird, die bestimmen, und den Menschen, über die bestimmt wird, desto weniger relevant scheinen die Beschlüsse für diejenigen zu sein, für die sie gelten.
[zit. aus „Gehen. Weiter gehen“, S. 81–84, Erling Kagge] 

An der Hand ihrer Eltern marschierten Kinder, Nylon-Rucksäcke und dicke Wollsocken im Rhythmus der Moos aufspießenden Stöcke unter dem Ast vorbei, an dem Erling lehnte – gut bestückt mit robusten Sohlen, um ja jede Art von Kontakt mit dem Wald und seinen Bewohnern zu vermeiden. Erling wollte sich bewegen, er bemühte sich wirklich, aber jedes Mal lähmte ihn wieder der Anblick eines sauerstoffmangelgeweiteten Auges oder das Aufflackern einer Taschenlampe. Sein Versuch, vom Baum zu klettern, wurde mit dem Wunsch, oben zu bleiben, beantwortet. Irgendwie fühlte sich Erling in seinem Hader auch schuldig, weil er keine Lust hatte, von seinem „Elfenbeinturm“ herabzusteigen. Während er versuchte, Mut zu fassen, stellte er sich die verblüfften Gesichter der Kinder beim Anblick seiner nackten Füße vor.

reagieren chronicles in ten thousand steps from the great north 02Reagieren: „Gehen kann ein Leben lang dauern. … manchmal geht man in eine Richtung und kehrt dann wieder zum Ausgangspunkt zurück.“

Gehen ist in Sanskrit nicht nur eine Metapher für Zeit, sondern auch für Wissen – gati. Die Metapher gibt es auch im Norwegischen und im Deutschen. Wenn wir etwas durchgegangen sind, dann wissen wir es. Die Menschen, die die Sprache Sanskrit schufen, hatten allerdings das Gefühl, ihre Botschaft noch klarer ausdrücken zu müssen als wir, sie haben eine eigene Regel geschaffen: sarve gatyarthā jñānārthās ca – alle Worte mit der Bedeutung gehen bedeuten auch wissen.
Es überrascht mich nicht, dass sich zwischen einer alten indischen Sprache und den nordeuropäischen Sprachen eine Gemeinsamkeit feststellen lässt, wenn es um gehen und wissen geht. Die Gleichheit zwischen den Wortbedeutungen hat ihren Grund in ihrer alten weltweiten Verwandtschaft und spiegelt die Erfahrungen wider, die die Menschen, die diese Sprachen benutzten, auf ihrer Wanderung gemacht haben. Das ist ganz einfach schön.
Gehen ermöglichte es uns, so zu werden, wie wir sind, und wenn wir kaum noch gehen, hören wir auf, der zu sein, der wir sind. Dann sind wir zu etwas anderem geworden.
[zit. aus „Gehen. Weiter gehen“, S. 137, Erling Kagge] 

Wie über Steine stolperte Erling über Worte. Deshalb fühlte er sich auch nicht ganz bereit, irgendwelchen Fremden seine nackten Füße zu zeigen. Weil er nicht wüsste, wie er es erklären sollte und wie er sich erklären sollte. Nach einiger Zeit bemerkte Erling plötzlich, dass auf einer kleinen Bank, die bis eben vorhin von einer Meute junger Leute belagert worden war, von einem Eichhörnchen besetzt wurde, das von dieser Position aus die Umgebung nach Beute absuchte – dachte zumindest Erling. Tatsächlich aber warf es von oben Eicheln auf den Boden, um sie aufzubrechen und zu fressen. Erling beobachtete voller Bewunderung dieses wundersame Schauspiel. Er erinnerte sich gar nicht mehr, wie lang er schon auf diesem Ast saß. Der Wald leerte sich, die Nylon-Rucksäcke verschwanden, immer mehr Tiere eroberten sich den Wald zurück. Und der Wunsch, barfuß, allein und frei von Zwängen, ohne jemandes Anwesenheit durch den Wald zu gehen, überkam ihn erneut. … vielleicht hatte er seine Schuhe bewusst unbewusst beim Rucksack zurückgelassen … Und er stieg vom Baum und ging weiter …

Graphic design by Paula Boldrin 

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