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February 4, 2021

Hure oder Heilige: Frauen über das Frausein in Italien

Maria Oberrauch

Ich habe dieses Buch an einem Nachmittag gelesen, mit fieberwarmem Kind über mich gestülpt, wie ein Sack Mehl, der die Form anpasst und so gleich schwer wie schmiegsam aufliegt. Vielleicht also nicht die idealste Ausgangsposition für „Hure oder Heilige“ vielleicht aber doch; das Kind ist immerhin zu einem persönlichen Spiegel geworden, es wirft mir schonungslos und konsequent zurück, was mein Leben als Frau und Mutter einfordert.

Hure oder Heilige – Frau sein in Italien“  ist das erste gemeinsame Buch von Journalistin Barbara Bachmann und Fotografin Franziska Gilli. Die beiden Südtirolerinnen haben schon mehrfach erfolgreich zusammengearbeitet und auch wenn die Thematik nicht neu ist, aufgearbeitet ist sie noch lange nicht. Erzählt wird ein weibliches Italien, festgefahren in Stereotypen und Gegensätzen, manchmal ergeben, immer wieder hoffnungsvoll, noch immer rückwärts, beständig vorwärts gewandt.

Von der jungen Frau in ihrem Balanceakt aus Selbstfindung und Außensicht, über die Nonnen eines der Marienverehrung gewidmeten Klosters, bis zum Kampf der feministischen Bewegung Nudm (non una di meno), entfalten sich in Fotografien und Texten menschliche Schicksale und wie eine Haut darübergelegt: das System Patriarchat, die Idee Heilige, die Haltung Sexismus. Behutsam wurde kuratiert, wie das Versäumnis und der Wunsch nach Gleichstellung sich die Waage halten. Die Autorinnen haben Raum gelassen für die eigenen Worte der erzählenden Frauen, abgebildet, was andere nicht sehen. Kapitel drei, eine autobiografische Schilderung über die psychische und physische Gewalt an werdenden Müttern auf einer Geburtenstation, konnte ich, tief betroffen, erst im zweiten Anlauf beenden.

Die Sicht leicht aus dem Abseits, den Blick deutschsprachiger Italienerinnen, hat dieses Buch vielleicht gebraucht. Der Titel mag etwas reißerisch daherkommen und die Strukturierung nach den sieben Todsünden einem, auf den ersten Blick, etwas überstrapaziertem Muster folgen. Aber die Portraits von Barbara Bachmann und Franziska Gilli, sprachlich wie bildlich, sind äußerst liebevoll, vielschichtig und so unaufgeregt klar, dass man den Wunsch verspürt, alle Kritik und alles Suchen fallen zu lassen und die Portraitierten nur mehr durch diese jene Linse Bachmann-Gilli zu sehen.        

gilli

Zum Buch ist vom 25. Mai bis 26. Juni 2021 ist im Foto Forum in Bozen eine Ausstellung zu sehen. 

Fotos: Franziska Gilli 

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