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January 25, 2021

Teil 2: 2_Kurt Kotrschal – Die Basis für uns alle ist die evolutionäre Vergangenheit

Susanne Barta

Dieses Projekt ist aus einem Gespräch mit meiner sehr geschätzten Künstler-Freundin Gabriela Oberkofler entstanden. Es sind Momentaufnahmen aus dem Corona-Alltag von Menschen, die mir in dieser Zeit in den Sinn gekommen sind und die aus unterschiedlichen Perspektiven beschreiben, was sie beobachten. Teil 1 wurde von März bis Mai 2020 aufgezeichnet. Fast ein Jahr später bestimmt Corona unseren Alltag nach wie vor und wird das wohl noch länger tun. Was hat sich verändert? Welche Beobachtungen und Erfahrungen sind dazu gekommen? Eine zweite Momentaufnahme geht diesen Fragen nach. Begleitet werden die Lockdown Aufzeichnungen von Gabrielas Zeichnungen und einem Mut machenden Zitat des Soziologen Harald Welzer. 

Der renommierte Biologe und Verhaltensforscher Kurt Kotrschal ist auch in Südtirol ein Begriff, vor allem als Experte in Sachen Wolf. Er ist Gründer des Wolfsforschungszentrums (WSC) in Ernstbrunn, Niederösterreich und hat viele Jahre als Nachfolger von Konrad Lorenz, die Konrad Lorenz Forschungsstelle in Grünau im Almtal geleitet. Zuletzt erschienen die Bücher „Mensch. Woher wir kommen, wer wir sind, wohin wir gehen“ und „Sind wir Menschen noch zu retten? Gefahren und Chancen unserer Natur“. 

Kurt_Kotrschal © Brandstätter Verlag 1

Aufgezeichnet am 12. Januar 2021

Man möge mich bitte nicht dafür steinigen, aber für mich persönlich ist diese Zeit nach wie vor kontemplationsfördernd. Ich arbeite gerade an der 50 Jahre umspannenden Korrespondenz zwischen den österreichischen und niederländischen Zoologen Konrad Lorenz und Niko Tinbergen – das ist hochspannend! Aber natürlich sehe ich, dass es vielen anders geht, ich bin hier nicht der Maßstab. 

Interessant zu beobachten finde ich den Gegensatz zwischen der geeinten, solidarischen Gesellschaft im ersten Lockdown im März und dem extremen momentanen Zerfallen in Meinungen, Blasen und Absetzbewegungen aller Art. Man hat gesehen, wenn es wirklich drauf ankommt, stehen die Leute zusammen und sammeln sich hinter einer guten Leadership. Aber keine europäische Regierung hat es geschafft mit kohärenten, rein wissenschaftsbasierten Maßnahmen durchzukommen. In der Zwischenzeit ist, zumindest in Österreich, die Kakophonie ausgebrochen. Sehr schnell kam wieder die Klientelpolitik herein, Skilifte machen auf, Theater nicht. Und wir haben jetzt eigentlich das Gegenteil davon, was wir im März hatten: eine Gesellschaft der Dissonanzen. Die Linien, nach welchen die Gesellschaft zerfällt, sind jetzt auch wesentlich tiefer als noch vor dem ersten Lockdown.

Zumindest in Österreich führt das dazu, dass die Regierung das Land nicht mehr im Griff hat. Von oben wird etwas verordnet, jeden 2. Tag was anderes, und unten hört man nicht mehr zu oder tut achselzuckend das Gegenteil. Und die Polizei – gebranntes Kind aus dem ersten Lockdown – interessiert sich nicht mehr sonderlich dafür, Covid-Sündern nachzulaufen.

Aus verhaltensbiologischer Sicht ist das eine Folge von Kommunikationsdefiziten. Menschen wollen gerecht behandelt werden, wollen nicht hinters Licht geführt und manipuliert werden, zum Beispiel durch Angst machen. In jedem Land gab und gibt es Ungereimtheiten und darauf wird mit Widerstand reagiert. Es kommt dazu, dass die Wissenschaft hinter den Vakzinen auch gar nicht so unkompliziert ist. Man hört viel Unterschiedliches über die Impfungen, die Maßnahmen, das Testen und es gibt eine reichhaltige Szene von Leuten, die alles Mögliche meinen. Diese Szene setzt sich vor allem aus Leuten zusammen, die keinen großen Wert mehr darauflegen, demokratisch wählen zu gehen und ihr eigenes Ding machen. Gefördert wird das noch durch die Möglichkeiten der sozialen Medien. Aber auch das Rückgrat der so genannten Spaßgesellschaft, für nichts mehr Verantwortung zu übernehmen, spielt hier eine Rolle. Kurt_Kotrschal © Brandstätter Verlag 2+3

In meinem 2019 erschienenen Buch über die „Conditio Humana“ komme ich zum Schluss, dass es prinzipiell keinen Zentimeter menschlichen Verhaltens gibt abseits unserer Anlagen. Das wird verwundern, aber die Basis für uns alle ist die evolutionäre Vergangenheit. Das heißt aber nicht, dass wir Sklaven unserer Gene sind, ganz im Gegenteil. Wir Menschen sind kontextspezifisch angelegt. Abhängig von den sozialen Kontexten während unserer Entwicklung, von den gesellschaftlichen Zuständen, entwickeln wir uns und reagieren auch ganz unterschiedlich. Wenn man jetzt darüber lamentiert, dass die Eigenverantwortung nicht mehr gut klappt – die ja das Rückgrat jeder funktionierenden Zivilgesellschaft ist –, dass die Leute vor allem egoistisch reagieren und sich nicht mehr dem Gemeinwohl verpflichtet fühlen, dann muss man darüber nachdenken, ob das nicht auch mit den gesellschaftlichen Rahmenbedingungen zusammenhängt, die wir haben. Da müssen wir uns schon fragen, was in unserer im Wesentlichen neoliberalen Gesellschaft falsch läuft.

Das große Zukunftsszenario zu entwerfen, das mache ich als Wissenschaftler nicht, das überlasse ich Leuten wie dem Herrn Horx (Anmerkung: deutscher Trend- und Zukunftsforscher, der dem Internet die Tauglichkeit als Massenmedium absprach und Facebook für nicht zukunftsfähig hielt), der liegt nämlich immer falsch. Als Mensch mit über 60 Jahren Lebenserfahrung aber würde ich mich wetten trauen, dass es zu Veränderungen kommen wird. Zunächst im technologischen Bereich: Das jetzt zum Teil leidige Homeoffice und Homeschooling wird nach dem Ende der Pandemie sicher viel mehr Flexibilität und die Reduzierung unserer Reiseaktivitäten bringen und die ökologische Wende begünstigen. Aber ich denke auch, dass das durch Corona noch verstärkte Misstrauen der Menschen in die Regierungen, in Italien ist das ja besonders stark ausgeprägt, den Zerfall unserer Gesellschaft beschleunigen wird. Ich hoffe, dass man das erkennt und hier gegensteuert. Mit Gegensteuern meine ich, zu schauen, dass es wieder zu mehr Kohäsion kommt. Es kann nicht sein, dass die Leute, welche die ganze Erwerbsarbeit machen, kaum eine Erhöhung ihres Einkommens erwarten können, obwohl es den entsprechenden Betrieben und ihren Aktionären gut geht. Das sind Fehlentwicklungen, die dazu führen, dass Demokratien geschwächt werden. Ungleichheit ist letztlich für niemanden gut. Am besten funktioniert eine Gesellschaft, wenn die Gegensätze nicht zu groß sind. Vorbild ist hier nach wie vor Skandinavien. Dort geht es weniger darum, was kann ich für mich herausholen, sondern darum, was sind meine Pflichten und was habe ich davon. Wir müssen das in diese Richtung verändern. 

Coronabedingt gab es auch einen ungeheuren Trend, vor allem unter jüngeren Städtern, des Zurück zur Natur. Hundewelpen und Schrebergärten waren nachgefragt, ebenso wie Fahrräder und die Häuser auf dem Land wurden teurer. Noch nie sind so viele junge Leute gewandert oder haben Picknicks gemacht wie heuer und aufgrund des Selberkochens stieg die Nachfrage nach Bio. Kein Wunder, denn Menschen sind prinzipiell biophil, es liegt in der menschlichen Natur instinktiv an der Natur und Tieren interessiert zu sein. Ich denke, man hat auch gesehen, dass die Stadt nur dann ein guter Lebensraum ist, wenn man sich frei bewegen kann und alles funktioniert. Ein wenig Mißtrauen gegenüber der Stadt als krisenfester Lebensraum und eine stärkere Beziehung zu Natur und Tieren wird bleiben.

Das Harald Welzer Zitat gefällt mir eigentlich gut, stößt aber dem Evolutionsbiologen in mir etwas auf. Die Welt ist NICHT für was da, sie ist einfach. Ich habe es auch nicht so mit dem der Teleologie notwendigerweise innewohnenden Anthropozentrismus, denn der ist nicht die beste Basis zur Bewältigung der ökologischen Krise. Wir sollten in Bezug auf die Welt und die Biosphäre inklusiv denken.

Der Stress kann manchmal ziemlich groß sein und die Unvorhersagbarkeit des Lebens erfahren wir jetzt besonders stark. Dennoch sollte man versuchen, die Gelassenheit nicht zu verlieren. Sicher, das ist leicht gesagt, trotzdem erlaubt diese Zeit auch einen Rhythmuswechsel, den man positiv nutzen kann um über sich und die Welt nachzudenken. 

Zeichnung: Gabriela Oberkofler
Fotos: © Brandstätter Verlag 

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